Unerwartet – Ballett „Der Kleine Prinz“ in der Oper Leipzig

Bryan Arias erfindet Antoine de Saint-Exupéris philosophisches MÀrchen neu und bleibt doch dem Original treu.

Ein Kinderzimmer, winzig im Schatten eines großen Planeten. Ein Junge sitzt im Schneidersitz vor einem Fernseher. So beginnt die Geschichte von „Der kleine Prinz“ in der Oper Leipzig. Kein Flugzeugabsturz in der WĂŒste, kein Pilot der einem seltsamen Jungen begegnet oder ihn sich vielleicht auch nur einbildet. Statt dessen ein Junge im Schlafanzug (Landon Harris), ein Fuchs und eine Schlange als Kuscheltiere, ein Bild von einem Hut (oder einem Elefanten in einer Schlange?) an der Wand, ein altmodisches Modell-Propellerflugzeug auf dem Regal, eine einzelne Rose neben dem Foto der Mutter auf dem Fernseher.

Im Mikrokosmos des Zimmers begegnet der Zuschauer dem eitlen Ă€lteren Bruder (Facundo Luqui) und dem Vater des Jungen (Carl van Godtsenhoven). Der schwelende Konflikt zwischen den BrĂŒdern wird nur dann abgemildert wenn der Vater zugegen ist.

Aus dem Fenster schauend erspĂ€ht der Junge ein MĂ€dchen, Rose (Madoka Ishikawa), und verliebt sich in sie. SpĂ€ter trifft er sie auf einem Dorffest wieder bei dem auch andere bekannte Gestalten aus dem MĂ€rchen auftauchen. Der SĂ€ufer (Pedro Luz), der GeschĂ€ftsmann (herrlich ĂŒberzogen als geiziger Vermieter, Joao Ludwig) und die Raucherin (Yun Kzeong Lee) haben alle ihre Auftritte. Auch tauchen zwei Piloten (Evelina Andersson und Marcelino Libao) auf, deren Geschichten den Jungen faszinieren. Der Pas de Deux der beiden wird zum Pas de Trois. Sie schenken dem kleinen Prinzen seinen gelben Schal und wecken in ihm die Sehnsucht nach der weiten Welt, eine Szene, die sicherlich zu den Highlights des ersten Aktes gehört.

Die Figur der Rose sticht heraus. Sie fÀllt auf und ist in den Augen des kleinen Prinzen besonders, auch anders als die anderen Rosen. TÀnzerisch wird das noch einmal besonders deutlich als er spÀter in der Stadt einer Gruppe MÀdchen begegnet, die alle seiner Rose Àhneln. Zwar heben sie sich von den anderen StÀdtern mit ihren abgehakten Bewegungen und der grauen Kleidung ab, da ihre Szene die einzige auf Spitze getanzte Sequenz enthÀlt, doch keine von ihnen tanzt so, wie es Rose in ihrem Solo im Dorf tat.

Als eine Busfahrerin (Ester Ferrini) ihm eine Fahrt in die große weite Welt verspricht, sieht sich der kleine Prinz hin und her gerissen zwischen seinen GefĂŒhlen fĂŒr Rose und seiner Wissbegierde. Am Ende siegt jedoch die Abenteuerlust.

Im Grau der Großstadt sticht der Prinz in seinem Outfit aus grĂŒner Hose, grĂŒner Jacke und gelben Schal heraus. Ein Polizist (Alessandro Repellini) wird ebenso auf ihn aufmerksam wie ein Drogendealer (Marcos Vinicius Da Silva), dessen Body rolls und schlangenartige Bewegungen am Boden deutliche Begeisterung beim Publikum hervorrufen). In den HĂ€userschluchten begegnet der kleine Prinz einer Migrantin (anmutig und witzig, Vivian Wang) und freundet sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten mit ihr an. Der spielerische Pas de Deux der beiden wird jedoch harsch unterbrochen als sie vom Polizisten festgenommen wird, eine erschĂŒtternde Erfahrung fĂŒr den kleinen Prinzen.

Die Geschichte auf der BĂŒhne ist anders als die Buchvorlage und doch findet man alle Aspekte in ihr wieder. Das simplistische BĂŒhnenbild (Alain Lagarde) vermittelt durchweg das GefĂŒhl, dass man sich in einer Traumwelt befindet, obwohl die Geschichte, die erzĂ€hlt wird, eine sehr aktuelle, realitĂ€tsnahe ist. Die Musik von Helge Burggrabe, Milana Zilnik und Raph Vaughan Williams unterstĂŒtzt dieses GefĂŒhl ebenso wie die Choreographie, in der sich contemporary Elemente und klassische EinflĂŒsse zu einem Ă€sthetischen Ganzen fĂŒgen.

Das StĂŒck gliedert sich in vier Teile. Vom Mikrokosmos des Kinderzimmers geht die Reise ins Dorf, von dort in die AnonymitĂ€t der Großstadt und schließlich in die Weite der WĂŒste, wo der kleine Prinz nach all seinen Erlebnissen wieder mit seinen eigenen Gedanken und Erinnerungen alleine ist.

Es ist dieser vierte Teil wo der Abend leicht schwĂ€chelt. Die Geschichte ist eigentlich auserzĂ€hlt. Der kleine Junge vom Anfang ist ein Pilot geworden und in der WĂŒste abgestĂŒrzt – oder vielleicht ist diese gesamte Szene auch ein Teil seiner drogeninduzierten Halluzination? Im von der Decke rieselnden Sand begegnen ihm die wichtigsten Personen seines Lebens noch einmal in ihrer MĂ€rchengestalt (KostĂŒme: Bregje van Balen). Doch es passiert nichts, der Plot ist zu Ende, das Leben des Piloten rinnt mit dem Sand dahin. TĂ€nzerisch und erzĂ€hlerisch ist daran nichts auszusetzen doch fĂŒr einige Zuschauer könnte diese Sequenz ein wenig lang erscheinen.

Insgesamt bietet „Der kleine Prinz“ einen nachdenklich machenden, tĂ€nzerisch anspruchsvollen Ballettabend.

Text: Julia Weber

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BerĂŒhrend – „Anatevka“ in der Musikalischen Komödie Leipzig

Die Anfang des 20ten Jahrhunderts spielende Geschichte um Milchmann Tevje und das Dörfchen Anatevka wirkt im Jahr 2023 greifbar und aktuell. Cusch Jung scheut sich nicht, Anspielungen auf jĂŒngere politische Entwicklungen mit in die Inszenierung einfließen zu lassen. Dabei bleibt das StĂŒck vor allem eines: fundamental menschlich.

Foto: Kirsten Nijhof

Im kleinen Örtchen Anatevka lebt die jĂŒdische Gemeinde ein ruhiges wenn auch Ă€rmliches Leben. Mit den „anderen“, den Christen und den Soldaten des Zaren, die auch im Dorf wohnen, hat man wenig zu tun. Leben und leben lassen scheint die Devise zu sein.

Milchmann Tevje (Milko Milev) und seine Frau Golde (Angela Mehling) haben 5 Töchter und kommen gerade so ĂŒber die Runden. Als durch die BemĂŒhungen der Heiratsvermittlerin Jente (Sabine Töpfer) eine Verbindung zwischen seiner Ă€ltesten Tochter Zeitel (Olivia DelaurĂ©) und dem Fleischer Lazar Wolf (Michael Raschle) möglich erscheint, stimmt er dieser zunĂ€chst zu. Als sich jedoch herausstellt, dass Zeitel lĂ€ngst in Schneider Mottel verliebt und gar mit ihm verlobt ist, lĂ€sst er sich umstimmen.

Alle drei der heiratsfĂ€higen Ă€lterem Töchter Tevjes verlieben sich in „unpassende“ MĂ€nner. Mottel ist zwar arm, aber er ist wenigstens in die Dorfgemeinschaft eingebunden und hat einen soliden Beruf. Anders Student Perchik (Peter Kubik), der kurz vorm Schabbat im Dorf auftaucht, große Töne von der Revolution spuckt und sich kurz darauf in Tevjes Tochter Hodel (Nora Lentner) verliebt. Die beiden gehen einen Schritt weiter auf dem Weg in die Moderne und stellen Tevje vor vollendete Tatsachen. Sie werden heiraten und sie bitten ihn nicht um Erlaubnis, wohl aber um seinen Segen. Nach einigem Hadern mit sich selbst stimmt Tevje schließlich zu.

Tevje ist durch das ganze StĂŒck hindurch die Bezugsperson fĂŒr den Zuschauer. Immer wieder reißt er in seinen Monologen, seinen GeprĂ€chen mit Gott oder wenn er das Publikum direkt adressiert, die vierte Wand ein und macht das Geschehene spĂŒrbarer. Er ist aktiv daran beteiligt, die festgefahrenen Traditionen im Dorf aufzuweichen, nicht als RevolutionĂ€r aber als Mensch, der abwĂ€gt, nachdenkt und nicht einfach blind den immer gleichen Doktrinen folgt. Als Perchick bei Zeitels Hochzeit die Absperrung zwischen der MĂ€nner und Frauenseite der Feier ĂŒberschreitet und gar Hodel zum Tanz auffordert, genĂŒgt es Tevje dass der Rabbi tatsĂ€chlich keine Bibelstelle finden kann, die dies verbietet, um gleich darauf Golde zum Tanz aufzufordern und den Skandal damit quasi aufzulösen.

Tevjes LeitfĂ€den im Leben sind Gott und „das gute Buch“. So ist es dann auch keine Überraschung dass er die Verbindung zwischen Chava (Maria Hammermann) und dem Christen Fedja (Stephen Budd) die sich ĂŒber ihre Liebe zum Lesen kennen und lieben lernen, nicht gutheißen kann und sie schließlich schweren Herzens aus der Familie verstĂ¶ĂŸt als er herausfindet, dass sie heimlich geheiratet hat und konvertiert ist.

Leid und GlĂŒck gehen in Anatevka Hand in Hand. Auch die Musik spiegelt dies wieder, wechselt von Dur nach Moll, von eher klassischen Kompositionen in die Volksmusik und wieder zurĂŒck, stets getragen von den KlĂ€ngen des Akkordeons (Musikalische Leitung Florian Kießling). Nicht nur Tevjes „Wenn ich einmal reich wĂ€r“ hat das Potential zum Ohrwurm und ein wie ĂŒblich spielfreudiges und stimmgewaltiges Ensemble macht das Musical zu einem echten Ohrenschmaus. Urkomische Momente wie Tevjes (erfundener) Albtraum von Oma Zeitel (Martina MĂŒhlnikel), emotionale Szenen wie das Lied „Ist es Liebe“ in dem sich Tevje und Golde an ihre 25 gemeinsamen Jahre zurĂŒckerinnern, mitreißende Tanzszenen (Choreographie: Mirko Mahr) und tieftraurige Momente finden alle ihren Platz im StĂŒck.

Das BĂŒhnenbild (BĂŒhne und KostĂŒme: Karel Spanhak) besteht aus einfachen HolzhĂ€usern und einer Leinwand im Hintergrund auf die je nach Tageszeit verschiedene Landschaftsbilder projiziert werden. Einige Elemente sind beweglich, doch insgesamt bleibt die Handlung beschrĂ€nkt auf einen Mikrokosmos. In Anatevka bekommt man von der Welt „da draußen“ eben wenig mit.

Auch politisch ist dies der Fall. Die Soldaten sind zwar von Beginn an Teil der Geschichte, doch ihre Anwesenheit wird nicht als Bedrohung wahr genommen. Im Gegenteil: In der Kneipenszene in der Tevje und Lazar Wolf sich ĂŒber die Hochzeit mit Zeitel einig werden, gratulieren ihnen die anwesenden Russen sogar und tanzen und trinken mit den Juden gemeinsam. Dass der friedliche Schein trĂŒgt wird jedoch schon kurz darauf deutlich als der Wachtmeister (GĂŒnter Schoßböck) Tevje wissen lĂ€sst, dass er von seinen Vorgesetzten Befehl hat eine „kleine Demonstration“ im Judenviertel durchzufĂŒhren. Nur wenige Monate spĂ€ter kommt ein weiterer Befehl. Die Juden mĂŒssen binnen drei Tagen das Dorf verlassen.

Die Menschlichkeit des Wachtmeisters und seiner Soldaten lĂ€sst einen bitteren Geschmack zurĂŒck. Es wird allzu deutlich, dass sie nicht aus freien StĂŒcken handeln, dass sie nicht einmal wissen, warum sie die jĂŒdische Siedlung verwĂŒsten: Es ist die Sinnlosigkeit des Krieges, heruntergebrochen ins Detail.

Die Kurtine zeigt ein Bild vom echten Dorf Perejaslaw. Aus einem FlĂŒchtlingslager in der Ukraine wurde nach 2014 langsam aber stetig ein echtes Dorf; ein Dorf aus dem die Bewohner 2023 erneut fliehen mussten: Moderne Parallelen bei denen sich unweigerlich die Frage auftut, ob der Mensch eigentlich lernfĂ€hig ist.

Die beiden Akte von „Anatevka“ beginnen und enden jeweils mit dem Fiedler auf dem Dach, eine Geistergestalt, eine Metapher, eine Idee Tevjes, der schon in seinem einleitenden Monolog erklĂ€rt, „Jeder von uns ist ein Fiedler auf dem Dach. Jeder versucht, eine einschmeichelnde Melodie zu spielen, ohne sich das Genick zu brechen.“

Das Leben muss weitergehen. Und so packen die Juden im Dorf ihre Sachen und machen sich auf die Reise: Nach Amerika, nach Jerusalem. Die Dorfgemeinschaft wird gewaltsam aufgelöst. „Anatevka“, das Abschiedslied der Dörfler fĂŒr ihre Heimat ist tief berĂŒhrend und bedrĂŒckend zugleich, die symboltrĂ€chtige Schlussszene in ihrer Bildsprache ein wĂŒrdiger Abschluss eines nachdenklich machenden Theaterabends zwischen Lachen und Weinen.

Text: Julia Weber

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Mit viel Lokalkolorit und Frauenpower – „Don Giovanni“ in der Oper Leipzig

Katharina Thoma verlegt in ihrer Neuinszenierung die gesamte Handlung von Mozarts „Don Giovanni“ in ein typisches Leipziger Altbau-Mietshaus und macht die sonst leicht verwirrende Geschichte dadurch greifbarer, nachvollziehbarer und extrem unterhaltsam.

Foto Tom Schulze

Die Geschichte um den Frauenhelden Don Giovanni wurde seit der UrauffĂŒhrung des StĂŒckes im Jahr 1787 unzĂ€hlige Male in der ganzen Welt aufgefĂŒhrt. Es stellt sich also unweigerlich die Frage: Wie bringt man den Stoff so auf die BĂŒhne, dass er fĂŒr ein modernes Publikum funktioniert?

Schon zu Anfang der OuvertĂŒre hebt sich der Vorhang und gibt den Blick auf ein Mietshaus frei. Zur Linken hat der Zuschauer Einblick in einige Zimmer die sich auf drei Stockwerke verteilen und zu drei der fĂŒnf Wohneinheiten im Haus gehören. Wohnzimmer und Bad von Donna Anna und Don Ottavio (Olga Jelinkova und Josh Lovell), eine kleine Einzimmerwohnung mit Bad und Don Giovannis Dachgeschosswohnung. Die rechte HĂ€lfte der BĂŒhne nehmen Hausflur und Treppenhaus ein. Alles etwas grau, ein bisschen heruntergekommen, aber immerhin funktioniert (meistens) der Aufzug (BĂŒhnenbild Étienne Pluss).

In diesem Umfeld sieht der Zuschauer schon wĂ€hrend dem musikalischen Auftakt einige der Figuren aus der Geschichte ihrem Alltag nachgehen. Don Giovanni (Jonathan Michie) erwacht mit einer Frau im Bett und geht kurz darauf aus. Die Hausmeisterin – eine stumme Rolle, die der Geschichte aber einiges an Lebensechtheit einhaucht – kommt aus ihrem Kabuff unter der Treppe und beginnt Kippe rauchend den Flur zu fegen. Donna Annas Vater, der Komtur (Sebastian Pilgrim), sitzt im Wohnzimmer und liest ein Buch.

Durch die Entscheidung die gesamte Handlung auf dieses Haus zu konzentrieren, ergeben einige Handlungen plötzlich Sinn, die bei einem – wie im Libretto ursprĂŒnglich vorgesehenen – Ortswechsel eher Fragen aufwerfen. Donna Elvira, die von Don Giovanni betrogen wurde, zieht in die AirBNB Einzimmerwohnung ein und lĂ€uft ihm natĂŒrlich prompt ĂŒber den Weg. Auch Zerlina und Masetto sind neue Mieter, die irgendwann mit einem Haufen Umzugshelfer durch die TĂŒr poltern.

Immer wieder folgt man der Handlung an einer Ecke des Hauses wĂ€hrend in der anderen Ecke wĂ€hrenddessen kleinere Nebenhandlungen stattfinden, was das GefĂŒhl vom typischen Stadtleben unterstreicht.

Das Leipziger Lokalkolorit blitzt ebenfalls regelmĂ€ĂŸig durch: So ist Leporello (Sejong Chang) zwar Don Giovannis Diener, allerdings kann er von dem Geld das ihm das einbringt anscheinend nicht leben, denn er arbeitet außerdem als Fahrradkurier fĂŒr einen der bekannten Essenslieferdienste. WĂ€hrend der Schlussszene – nach dem Tod Don Giovannis dem das Mietshaus gehörte – tauchen plötzlich eine Maklerin und drei AnzugtrĂ€ger auf und nachdem zwei Geldkoffer den Besitzer gewechselt haben bekommt jede Mietpartei ein KĂŒndigungsschreiben in die Hand gedrĂŒckt.

Die Spielfreude des gesamten Ensembles ist spĂŒrbar. Michies Don Giovanni ist ein ĂŒberzeugender Drecksack, dem man sein Ableben von Herzen gönnt und seine Interaktionen mit Sejong Chang als Leporello funktionieren stimmlich wie schauspielerisch perfekt. Zerlina (Samantha Gaul) und Elvira (Kathrin Göring) haben nicht nur hervorragende Stimmen sondern auch eine großartige BĂŒhnenprĂ€senz. Insgesamt macht es einfach Spaß, hier zuzuschauen, was dazu fĂŒhrt, dass das Gewandhausorchester immer wieder den Szenenapplaus im Saal abwarten muss (Musikalische Leitung: Jonathan Darlington).

Insgesamt ist Katharina Thomas Don Giovanni ein Don Giovanni der starken Frauen. Sei es Donna Elvira, die durch ihre Haltung und ihr Auftreten deutlichst klar macht, dass sie ihrem ehemaligen Liebhaber um LĂ€ngen ĂŒberlegen ist oder Zerlina, deren „Batti, batti, o bel Masetto“ hier ganz klar zur VerfĂŒhrungsnummer wird.

Wer einen modernen, mitreißenden und emanzipierten Don Giovanni erleben möchte, ist in der Oper Leipzig bestens versorgt.

Text: Julia Weber

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Aktuelle Thematik – „Die Juxheirat“ in der Musikalischen Komödie Leipzig

Die Musikalische Komödie zeigt mit “Die Juxheirat” eine der weniger bekannten Operetten von Franz LĂ©har (Inszenierung: Thomas Schendel). Schmissige Melodien und das immer noch aktuelle Thema der Verteilung der Geschlechterrollen sorgen fĂŒr einen vergnĂŒglichen Abend.

Foto: Tom Schulze

“Die Juxheirat” feierte im Jahr 1904 Premiere, ein Jahr vor LĂ©hars wesentlich bekannterer Operette “Die lustige Witwe”. Die Thematik des StĂŒcks ist immer noch aktuell. Es geht um MĂ€nner und Frauen, um Selbstbestimmung und Geschlechterrollen. Doch so sehr diese Thematik uns heute weiterhin beschĂ€ftigt, man merkt dem Material sein Alter mitunter doch stark an.

In der Villa der Brockwillers, einem protzigen GebĂ€ude mit goldenen SĂ€ulen und Meerblick (BĂŒhne: Stephan von Wedel) ist immer etwas los. Hausherr Thomas Brockwiller (Michael Raschle) ist Inhaber einer Automobilfirma und dadurch zum MilliardĂ€r geworden. “Neuer Adel,” wie der Haushofmeister (Mario Ramos) abfĂ€llig anmerkt. „Wo die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten“.

Brockwillers Tochter Selma hat nach einer gescheiterten Ehe mit einigen ihrer Freundinnen die Gruppe LvM – “Los vom Mann” – gegrĂŒndet und lehnt alle weiteren Heiratskandidaten rundheraus ab. Als Harold von Reckenburg (Adam Sanchez) sich ankĂŒndigt ist sie dann auch fest entschlossen, diesen ebenfalls abzuweisen. Doch als eine Besucherin die sich als Miss Grant (Theresa Maria Romes) vorstellt, erklĂ€rt es handle sich bei Reckenburg in Wahrheit um dessen Schwester, der Selma einst den Mann ausgespannt hat und die sich auf diese Weise an ihr rĂ€chen möchte, beschließt Selma, sich einen Jux zu machen und auf das Werben einzugehen. In Wahrheit ist Grant jedoch besagte Schwester und Harold ist tatsĂ€chlich keine Frau in Herrenkleidung sondern ein Mann.

Auch in den Nebenhandlungen geht es um die Dynamik von Mann und Frau. Hier belĂ€stigt Brockwiller der wesentlich jĂŒngere Klavierlehrerin FrĂ€ulein Edith (Julia Ebert), dort kommt von Reckenburgs Chauffeur Philly (Andreas Rainer) in die Bredouille weil er gleich mit zwei seiner ehemaligen Verlobten (Mirjam Neururer als Miss Phoebe und Nora Lentner als Miss Euphrasia) zusammentrifft. Und Selmas Bruder Captain Arthur (Jeffery Krueger) landet prompt mit Miss Grant im Bett kaum dass er ihr zum ersten Mal begegnet ist und spricht plötzlich von Liebe.

Am Ende stehen drei glĂŒckliche PĂ€rchen auf der BĂŒhne, scheinbar Beweis dass eben doch jede Frau einen Mann braucht, dass alles StrĂ€uben gegen die Natur sich nicht lohnt. Doch “Die Juxheirat” hat durchaus Untertöne, die in eine völlig andere Richtung gehen. Was Selma und ihre Freundinnen final davon ĂŒberzeugt, dass von Reckenburg eine Frau sein muss ist als sie beobachten wie Chauffeur Philly ihm im Rollenspiel beizubringen versucht, wie er sich der Milliardenerbin nĂ€hern solle. Auch Philly’s freundschaftlicher Umgang mit dem Haushofmeister ließe sich aus heutiger Sicht leicht als mehr als eine reine MĂ€nnerfreundschaft interpretieren.

WĂ€hrend also einige der Grundstrukturen und Grundgedanken des StĂŒckes durchaus in unsere Zeit ĂŒbertragen werden können, gibt es immer wieder Textabschnitte, die aus heutiger Sicht nur als problematisch gelten können. Gegen Ende des ersten Aktes vergleicht Philly Frauen tatsĂ€chlich mit Essen. Auch die Aussage von Selmas Freundin Miss Euphrasia „Auf meinem Grabstein wird stehen: Hier liegt eine Jungfrau“ reflektiert eine Auffassung von Sex, die nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ sein kann. Daher ist es die richtige Entscheidung das StĂŒck durch die KostĂŒme (Julia Burkhardt) klar in der Vergangenheit zu verwurzeln, wodurch diese inzwischen ĂŒberholten Ansichten als das gesehen werden können: AmĂŒsante AuswĂŒchse der Zeit, in der „Die Juxheirat“ geschrieben und uraufgefĂŒhrt wurde.

Das Ensemble der Musikalischen Komödie zeigt sich wie immer spielfreudig und zeigt eine qualitativ hervorragende Vorstellung. In schnelleren Gesangsabschnitten kommt es zu den fĂŒr das Haus ĂŒblichen Überlagerungen zwischen dem großen Orchester und den Singstimmen, die das VerstĂ€ndnis der Texte etwas erschweren (Musikalische Leitung: Tobias Engeli), aber das tut dem VergnĂŒgen kaum Abbruch. Wer ĂŒber Momente historischen Chauvinismus hinwegsehen kann, wird bei „Die Juxheirat“ bestens unterhalten werden.

Text: Julia Weber

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Tiefschwarzer Humor – „Sweeney Todd“ in der Musikalischen Komödie Leipzig

In der frisch renovierten Musikalischen Komödie in Leipzig kann der Zuschauer aktuell Cusch Jungs Inszenierung des Sondheim-Musicals „Sweeney Todd“ erleben – mit viel historischem Charme, großartigen Stimmen und einem gehörigen Gruselfaktor.

Sweeeney Todd in "Mein Freund". Sweeney steht im Vordergrund und hÀlt sein Barbiermesser in die Höhe, das Ensemble im Hintergrund zeigt dieselbe Geste
Foto: Tom Schulze

Die MĂ€r von Sweeney Todd – spĂ€testens seit dem Kinofilm von 2007 kennt die Geschichte auch in Deutschland beinahe jeder Musicalbegeisterte. Basierend auf verschiedenen Londoner Mythen tauchte der dĂ€monische Barbier aus der Fleet Street 1846 zum ersten Mal im Groschenroman „The String of Pearls“ auf. Nach einigen VerĂ€nderungen insbesondere hinsichtlich der BeweggrĂŒnde des Barbiers, der einst als Benjamin Barker ein unbescholtenes Leben fĂŒhrte und der nun unter dem Decknamen Sweeney Todd eine grausame Mordserie beginnt, entstand die Fassung, die wir heute kennen.

Historisch ist die Geschichte im viktorianischen London verankert, einer Zeit, in der gerade in den Ă€rmeren Gegenden der Stadt hĂ€ufig das Recht des StĂ€rkeren galt. Jack the Ripper trieb sein Unwesen und der Gestank aus der Themse verpestete die Luft. „There is no place like London“ singt Matrose Anthony zu Beginn des StĂŒcks, voller Begeisterung fĂŒr die Stadt, doch Sweeney, dessen Bekanntschaft er an Bord gemacht hat, nimmt ihm schnell die Illusion.

Die RĂŒckblende zu Sweeney‘s Vorleben mit seiner Frau und der kleinen Tochter kommt ohne große Effekthascherei aus. Nur Sweeney und Anthony sind auf der BĂŒhne als er davon erzĂ€hlt, wie Richter Turpin ein Auge auf Lucy Barker warf und daraufhin den Barbier fĂŒr eine Tat zur Verbannung nach Australien verurteilte die dieser niemals begangen hatte.

Todd macht sich auf den Weg in die Fleet Street, sucht nach Hinweisen, was aus Lucy und seiner Tochter Joanna geworden ist und kriegt diese von Mrs Lovett, deren schlecht gehender Pastetenladen im selben Haus untergebracht ist, in dem er frĂŒher lebte. Nachdem Turpin sich an Lucy verging, besorgte diese sich vom Apotheker Gift. Die Tochter, Joanna, ist nun Turpins MĂŒndel, inzwischen erwachsen und dem Richter ebenso ins Auge gefallen wie ihre Mutter zuvor.

BĂŒhnen- und KostĂŒmbild (KarinFritz) der Produktion in der Musikalischen Komödie orientieren sich stark am historischen Hintergrund, wobei die KostĂŒme bunt die unterschiedlichen modischen Trends des gesamten neunzehnten Jahrhunderts mit Steampunk-EinflĂŒssen kombinieren. Die DrehbĂŒhne ermöglicht blitzschnelle Szenenwechsel zwischen Pastetenladen, BĂ€ckerei, Sweeneys ArbeitsstĂ€tte und dem Hof vor Turpins Haus. Ein spielfreudiges Ensemble fĂŒhrt den Zuschauer in die Geschichte ein und etabliert zum ersten Mal das immer wiederkehrende Thema der Moritat von Sweeney Todd, mit dem die einzelnen Szenen miteinander verwoben werden. In den Massenszenen wird ebenso wie in den Quodlibets deutlich, dass der Umbau das akustische Problem der Musikalischen Komödie zwar verbessert, jedoch nicht ganz behoben hat. Hier kommt es weiterhin ab und zu dazu, dass Liedtexte nur schwer verstanden werden können wenn sie sich ĂŒberlagern. Allerdings passiert dies deutlich seltener als in den der Renovierung vorangegangenen Produktionen.

Vikrant Submarian glĂ€nzt in der Titelrolle nicht nur mit Stimmbrillianz sondern auch bemerkenswerter Spielfreude. In Szenen wie „Mein Freund“, in dem Mrs Lovett ihrem neuen Mieter sein altes Barbiermesser zurĂŒckgibt und dieser daraufhin von der Rache an Turpin zu trĂ€umen beginnt, zeigen die ganze Bandbreite seiner stimmlichen und spielerischen Dynamik. Als Mrs Lovett ist ihm Sabine Töpfer spielerisch absolut ebenbĂŒrtig. WĂ€hrend zwischen den beiden zu Beginn des StĂŒcks noch keine rechte Verbindung existiert, Ă€ndert sich das schlagartig im schmissigen Gassenhauer „PrĂ€lat“ in dem sie im Walzertakt ihren teuflischen Plan schmieden. Dass Mrs Lovett Sweeneys Opfer zu Pasteten verarbeiten wird, und damit nicht nur im ĂŒbertragenen Sinne sondern ganz konkret dazu beitrĂ€gt, dass die Menschen sich gegenseitig auffressen, ist in seiner arm-gegen-reich GegenĂŒberstellung heute immer noch genauso aktuell ist wie zur Entstehungszeit der Geschichte.

Das zweite Paar neben dem MörderpĂ€rchen Todd und Lovett sind der junge Anthony (Justus Seeger) und Todds Tochter Joanna (Anna Evans). Durch Zufall hört er sie an ihrem Fenster singen und verknallt sich Hals ĂŒber Kopf in sie. Die ganze Geschichte um die Beiden wirkt stets ein wenig unglaubwĂŒrdig. Zu dem Zeitpunkt, als Anthony ihr den Vorschlag macht, sie aus London wegzubringen und zu heiraten, kennen die beiden sich kaum. Die Leipziger Inszenierung greift die AbsurditĂ€t dieser Verbindung dadurch auf, dass es zwischen den beiden scheinbar Verliebten zu keiner körperlichen NĂ€he kommt und keines der vielen „KĂŒss mich“ im gleichnamigen Lied den Worten auch Taten folgen lĂ€sst.

Ein Highlight des StĂŒcks in Hinsicht auf dessen komische und satirische Seite ist stets die Szene in der Todd seinem Widersacher Turpin die erste Rasur verpasst und dabei ĂŒber „HĂŒbsche Frauen“ schwadroniert sowie die Szene in der der kleine Tobias „Pirellis Aqua Kapillare“ als Haarwuchs-Wundermittel anpreist sowie der daran anschließende Barbier-Wettstreit. Auch in der Leipziger Fassung muss man an diesen Stellen unweigerlich schmunzeln.

Michael Raschle als Turpin ist ein Ekelpaket wie es im Buche steht. Stimmlich wirken seine Passagen immer etwas nasal und gepresst, dafĂŒr ist seine schauspielerische Leistung großartig.

Ob es zusĂ€tzlich die Geißelungszene oder auch die Vergewaltigungs-RĂŒckblende – die einzige RĂŒckblende im gesamten StĂŒck, das ansonsten auf solche Kniffe gekonnt verzichtet – wirklich braucht um Turpin in seiner Position als dem wahren Kriminellen des StĂŒcks zu etablieren, darĂŒber kann man sicherlich streiten.

Seit dem Umbau der Musikalischen Komödie spielt das hauseigene Orchester (Musikalische Leitung: Christoph- Johannes Eichhorn) hinter der BĂŒhne. Im frĂŒheren Orchestergraben wurde eine HebebĂŒhne installiert, von der im StĂŒck reichlich Gebrauch gemacht wird. Etwa im Lied „an der See“ bei dem Mrs Lovett sich einen netten Urlaub mit ihrem geliebten Sweeney ausmalt.

Insgesamt ist die Leipziger Inszenierung „Sweeney Todd“ definitiv einen Besuch wert. Ein spielfreudiges und stimmgewaltiges Ensemble und ein gut gelungenes KostĂŒm- und BĂŒhnenbild sorgen gemeinsam mit der vom hauseigenen Orchester live gespielten mitreißenden Musik von Sondheim fĂŒr einen vergnĂŒglich-gruseligen Ohrenschmaus.

Text: Julia Weber

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