Albern – „Sweeney Todd“ an der Oper Halle

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© Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Die gruselige Geschichte um den Barbier Sweeney Todd feierte am 11. März in der Oper Halle Premiere. Das Publikum erlebt in dem Stück ein musikalisch und schauspielerisch hervorragendes Ensemble, das gegen eine sehr gewöhnungsbedürftige Inszenierung (Martin Mlotk) anspielt.

Im viktorianischen London kehrt ein zu Unrecht verurteilter Sträfling nach Ende seiner Gefängnisstrafe zurück. Sweeney Todd nennt sich der Mann, der einst unter dem Namen Benjamin Barker einen Frisörsalon betrieb. Er sinnt auf Rache an jenem Richter Turpin, dem er seine Verurteilung zu verdanken hatte, eine Sehnsucht, die sich noch verstärkt als er herausfindet, dass Turpin nicht nur Mitschuld am Tod seiner Frau trägt sondern auch Sweeneys und Lucys gemeinsame Tochter Joanna in seine Obhut genommen hat und gedenkt, das junge Mädchen zu heiraten.

„Sweeney Todd“ ist ein blutrünstiges Musical und nichts für schwache Nerven. Es geht um Rache, Vergeltung, menschliche Abgründe. Die Geschichte ist spätestens seit dem Hollywood Film mit Johnny Depp in der Hauptrolle auch in Deutschland bekannt, die Musik von Stephen Sondheim hat Ohrwurm-Potential.

Die Kostüme (Andy Besuch) in Halle sind eine extravagante Mischung aus der Mode des 19. Jahrhunderts und jener der 70er Jahre. So trägt Mrs. Lovett eine Acryl-Sporthose zum Vollbrustkorsett. Das Ensemble trägt hochgesteckte Perücken und Krinolinen-Röcke zum verschmierten Makeup. Das Bühnenbild kommt in Pastellfarben daher. Werbung für bekannte deutsche Einzelhandelsketten prangt an jeder Ecke. Im Springbrunnen steht eine Schaufensterpuppe mit blonden Locken. Alles wirkt ein bisschen wie das Set in einem „Barbie“-Film. Mrs. Lovetts Pastetenladen fällt hier aus dem Rahmen, mit altmodischer, brauner, kaputter Fassade ist er der Schandfleck am Marktplatz.

Musikalisch ist die Haller „Sweeney Todd“ Inszenierung gut gelungen. In wenigen Passagen erscheinen die Stimmen der Darsteller und auch der Chor etwas zu leise im Vergleich zum Orchester, worunter dann auch die Verständlichkeit des Textes leidet.  Hier liegt ein generelles Problem des Stücks: Die Schnelligkeit, mit der die Texte zum Teil schon im Original gesungen werden, macht es für die Darsteller zu einer echten Herausforderung bei der deutschen Übersetzung nicht die Hälfte der Silben zu verschlucken. Das gesamte Ensemble glänzt hier mit einer wirklich sauberen Artikulation, sodass kaum eine Zeile verloren geht. Lediglich die Architektur des Saales macht hier hin und wieder einen Strich durch die Rechnung, da es zu einem unfreiwilligen Echo-Effekt in den mittleren Reihen kommen kann.

Hat man als Regisseur die Verpflichtung, den Stoff ernst zu nehmen, den man interpretiert? Dies ist die große und allumfassende Frage, die sich bei „Sweeney Todd“ in Halle stellt. Am Ende des Tages ist das, was hier geboten wird eher Persiflage als ernst zu nehmende Interpretation. Liegt einem der Stoff und die Geschichte am Herzen und kennt man andere Interpretationen (sei es der Hollywood-Film oder auch die Magdeburger Inszenierung von 2013), wird man als Zuschauer enttäuscht sein. Natürlich sind die Figuren als Karikaturen angelegt. Pirelli ist zum Beispiel ein Clown, wie er im Buche steht und wird auch stets als solcher dargestellt. Mlotk geht mit seiner Inszenierung jedoch weiter.

Mrs. Lovett ist hier nicht einfach nur Hals über Kopf verliebt in Sweeney Todd, sondern stelzt dauergeil und dauer-high (oder dauer-betrunken?) über die Bühne, giert zwischenzeitig nicht nur Richter Turpin und Anthony, sondern auch den Jungen Tobias (Julius Dörner) an und ist durchweg unendlich unsympathisch, wird am Ende quasi zur Inkarnation des Bösen an sich und verliert jegliche Menschlichkeit.

Richter Turpin (Tomas Möwes) ist ein tattriger, geiler Greis im rot-glänzenden, an Hugh Hefners Bademantel erinnernden Overall. Büttel Bamford (Stefan Stara) trägt unterm Trenchcoat ein Röckchen und schleimt sich nicht etwa nur bei seinem Chef ein, als er diesem zum Besuch beim Barbier rät, sondern wird regelrecht aufdringlich.

Über all diese seltsamen Auslegungen der bekannten Figuren könnte man fast noch hinwegsehen, wären da nicht Anthony und Johanna. Eigentlich kennt man die beiden als niedliches Liebespaar, für das man während des gesamten Stücks auf ein Happy End hofft. Halle versagt dem Zuschauer diesen Lichtblick im Dunkel. Johanna ist eine oberflächliche Barbie, die vor ihrem ersten Lied erst mal besoffen in den Dorfteich kotzt. Anthony ist ein selbstverliebter, arroganter Schnösel, der sich während „Johanna“ an einer Laterne räkelt, ständig in Schlagermanier durch die Gegend springt und sein Rüschenhemd aufreißt, um allen zu zeigen, was er doch für ein toller Hecht ist. Was er für Johanna empfindet ist offensichtlich – und hat mit Liebe im romantischen Sinne eigentlich nichts zu tun: Immer wieder verkündet er stolz „Anthony!“ wenn er mal wieder etwas Heroisches getan hat.  Johanna ist für ihn nur Mittel zum Zweck seine eigene Arroganz zu befriedigen. Insgesamt wirkt das alles albern und überzogen.

Dass durch die Figur der Bettlerin (Dagmar Gelbke), die als Flaschen-sammelnde Pennerin auch schon mal bei Mrs. Lovett an die Hauswand pinkelt, ein gesellschaftskritischer Unterton eingeschlagen werden soll, passt nicht wirklich zu diesem Grundkonzept. Ebenso wenig sinnvoll ist der „Vorspann“ des Stückes bei dem die Figuren in Stichpunkten vorgestellt werden und in dem der mit-wichtigste Plot-Twist leider schon verraten wird.

Die einzige Figur, deren Interpretation ansatzweise traditionell daherkommt ist Sweeney Todd (Gerd Vogel) selbst. Als abgehalfterter Alice Cooper Verschnitt mit langem schwarzem Haar und schwarzem Lidstrich sinnt der Mann auf Rache an Richter Turpin, weil dieser ihm Frau und Kind genommen hat. Gerd Vogel spielt mit großer Intensität. Gesanglich wirkt seine Intonation in den Tiefen anfangs etwas gequält, was im Lauf des Stücks jedoch immer weniger auffällt.

Mrs Lovett, Katharina Schutza, liefert sowohl schauspielerisch als auch gesanglich eine wirklich hervorragende Leistung ab. Stimmlich ist sie mit Martin Gerke (Anthony) zusammen das Highlight des Abends. Andromahl Raptis als Johanna übertreibt es stellenweise mit dem Vibrato, brilliert jedoch durch ihre in den Höhenlagen immer noch glasklare Stimme.

Insgesamt spielt hier ein wirklich hochkarätiges Ensemble gegen eine lausige Inszenierung an, deren bester Moment der am Ende des zweiten Aktes über den Tänzern einsetzende Blutregen ist. Musikalisch lässt „Sweeney Todd“ in Halle nichts zu wünschen übrig, die Interpretation des Stücks ist allerdings sicherlich nicht jedermanns Sache.

Text: Julia Weber

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Kolumne Neue Medien – Verliebt in „Mozart in the Jungle“

In der neuen Sparte „Kolumne Neue Medien“ geht es um Filme, Serien, CDs und Internetphänomene die sich mit Musik, Theater, Kunst und Kultur beschäftigen. Frei von der Leber weg geschrieben ist dies der Platz für spontane Wutausbrüche und subjektive Lobeshymnen.

Eine Freundin gab mir vor wenigen Wochen den Tipp, mir „Mozart in the Jungle“ anzusehen. Tatsächlich war mir die Serie bereits vorher aufgefallen, allerdings hatte mich die von Amazon bereitgestellte Zusammenfassung nicht überzeugt.

Einige der besten Buch-, Film- und Serienentdeckungen meines Lebens verdanke ich jedoch Freunden und daher beschloss ich, der Serie eine Chance zu geben.

Also schlüpfte ich eines Abends in meine Jogginghose, machte mir einen Tee und startete die Pilotfolge. Nach zehn Minuten hatte ich ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Nach zwanzig Minuten hatte ich meinen Tee vergessen. Am Ende schaute ich an diesem ersten Abend vier Folgen am Stück.

„Mozart in the Jungle“ beruht auf dem biographischen Roman „Mozart in the Jungle: Sex, Drugs and Classical Music“ von Oboistin Blair Tindall, die darin ihre Erlebnisse mit den New Yorker Philharmonikern verarbeitete. Ich habe das Buch nicht gelesen und kann daher nicht beurteilen, wie sehr die Serie von der ursprünglichen Geschichte abweicht. Dass hier viele Informationen aus „erster Hand“ verwendet wurden, ist jedoch spürbar.

Erzählt werden Geschichten rund um das fiktive New York Symphony Orchestra, wobei die Serie insbesondere Oboistin Hailey Rutledge und Dirigent Rodrigo De Souza folgt. „Mozart in the Jungle“ thematisiert das Musikerleben mit all seinen – finanziellen, psychischen und physischen – Herausforderungen: Die Musik als Lebensentwurf, die Musik als Muse, als Rettung und als Fluch.

Als langjährige Orchestermusikerin – wenn auch nur im Laienorchester, vom Berufsmusikerdasein bin ich weit entfernt – kannte ich die meisten in der Serie verwendeten Musikstücke, habe nicht wenige davon selbst schon gespielt, was sicherlich zu meiner Begeisterung beigetragen hat. In „Mozart in the Jungle“ ist die Musik eine unsichtbare Figur, die immer mit dabei ist, stets das Geschehen mitverfolgt, und die kleinen und größeren Dramen der Figuren miterlebt und spiegelt. Sie ist nie nur Soundtrack, sondern trägt stets einen Teil zur Geschichte bei, vermittelt und vertieft Emotionen – bis zu dem Punkt, wo man als Zuschauer plötzlich weinend vorm Bildschirm sitzt. Gut, wenn man immer eine Tasse Tee zur Hand hat, damit man den Flüssigkeitshaushalt wieder ausgleichen kann.

Die Figuren sind liebevoll gezeichnet. Kein einziger Charakter wirkt eindimensional. Sie alle haben Ecken und Kanten, sind ein wenig verrückt, ein wenig speziell, ein wenig seltsam – und dadurch umso liebenswerter. Sie wachsen einem Stück für Stück, Folge um Folge, ans Herz, werden Bekannte und Freunde, die man gern hat, gerade weil sie ein bisschen schräg sind.

Inzwischen bin ich irgendwo in der Mitte von Staffel drei angelangt und bin vollkommen verliebt in diese Serie, weil sie die Liebe zur Musik und auch das Seelenleben jener Menschen, die sich der Musik verschrieben haben, auf wunderbare Weise einfängt und wiederspiegelt.

Einige Filme, unter anderem „August Rush“ (im Deutschen „Der Klang des Herzens“) haben einen ähnlichen Subtext, doch bisher kannte ich schlichtweg keine Serie, die so sehr auf Musik fokussiert war. „Mozart in the Jungle“ ist in gewisser Weise ein gewagtes Unterfangen. Der Mikrokosmos des Orchesters ist vielen Menschen fremd, ebenso wie das Empfinden und die Denkweise der Musiker. Dass die Serie trotzdem inzwischen in die vierte Staffel geht, spricht dafür, dass sie trotzdem etwas richtig macht.

Ich freue mich jedenfalls jetzt schon auf meinen nächsten freien Abend mit meiner Tasse Tee, und „Mozart in the Jungle“.

Text: Julia Weber

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Bewegend – „Doktor Schiwago“ in der Musikalischen Komödie Leipzig

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Zwölf Jahre nach der Broadway Premiere von „Doktor Schiwago“ kommt das Musical nach Boris Pasternaks Roman zum ersten Mal auf eine deutsche Bühne. In der Musikalischen Komödie Leipzig erlebt man Russische Revolution, Leid und Liebe mit einer großartigen Cast.

Boris Pasternaks Roman „Doktor Schiwago“ erschien bereits 1957 in Italien und erlangte schnell Bekanntheit. In der Sowjetunion hingegen dauerte es weitere 31 Jahre, bis der Roman auch dort erschien. Die Verfilmung von 1965 mit Omar Sharif und Julie Christie gewann gleich mehrere Oscars. 2002 folgte eine Fernseh-Neuverfilmung. Bald darauf, im Jahr 2006 wurde die Musical-Version des Stoffes (Buch: Michael Weller) uraufgeführt. Adaptionen in diversen anderen Ländern folgten: Nun also auch Deutschland.

In Russland herrscht Aufruhr. Am Rande des ersten Weltkriegs wird der Unmut gegen den Zaren und die Adelsfamilien des Landes immer lauter. Männer sterben, Häuser werden beschlagnahmt: Ein Bürgerkrieg der weißen gegen die rote Armee bricht aus. Vor diesem Hintergrund trifft Arzt Jurij Schiwago (Jan Ammann), aus dem Kreise seiner Familie an die Front berufen, auf die junge Aushilfskrankenschwester Lara (Lisa Habermann) – und kann sich ihrer Anziehung nicht entziehen, obwohl ihn zu Hause seine Frau Tonia (Hanna Mall) und sein Sohn erwarten.

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„Doktor Schiwago“ bringt viel Geschichte mit sich. Die Handlung umspannt mehrere Jahrzehnte. Lucy Simon komponierte die Musik zum Stück angelehnt an die im letzten Kapitel des Buches aufgelisteten Gedichten Jurij Schiwagos. Einflüsse von Werken ähnlich monumentalen Ausmaßes (wie etwa „Les Miserables“ oder „Eine Geschichte aus Zwei Städten“) sind nicht von der Hand zu weisen: Bombastische orchestrale Crescendi, Marsch-Rhythmen und der Chorgesang der Revoluzzer gehören wohl einfach dazu. Doch „Doktor Schiwago“ hat auch seinen ganz eigenen Grundton. Simon ließ sich beim Komponieren von Russischer Volksmusik inspirieren. Auch die Tanzszenen (Choreographie: Mirko Mahr) greifen diese Einflüsse auf, sodass der Zuschauer nie vergisst wo auf unserem Planeten er sich befindet.

Wenn dem Stück eines wirklich exzellent gelingt dann ist es, die Sinnlosigkeit des Krieges aufzuzeigen. Insbesondere die Szene im Schützengraben, die drängende Marschmusik und der traurige Tod des jungen Soldaten Janko machen betroffen und nachdenklich.

Das Bühnenbild (Karin Fritz) beschränkt sich auf einige zentrale Elemente, die effizient eingesetzt werden. Sei es der Kamin im Hause der Schiwagos, der nach dem Tod der Zarenfamilie und der Beschlagnahmung des Anwesens durch die Arbeiterbewegung in Schieflage gerät oder Strelnikows Eisenbahnwaggon, der nur durch ein von hinten angeleuchtetes Metallgerüst angedeutet wird.

Wie immer in der Musikalischen Komödie wird das Stück von einem live Orchester begleitet, was es möglich macht, dass vom Pianissimo bis zum Fortissimo stets eine gute Ausgewogenheit zwischen Sängern und Musik gegeben ist. Lediglich in einzelnen Chor-Passagen geht die Lautstärke hin und wieder auf Kosten des Textverständnisses.

Die deutsche Übersetzung der englischen Texte (Original Texte: Michael Korrie und Amy Powers) ist hervorragend gelungen. Nicht immer fügt sich die deutsche Sprache so gut in das von der Musik vorgegebene Metrum ein wie hier. Zwar reimt sich bei „Jetzt“, einem der absoluten Highlight-Songs des Stücks und ein Ohrwurm-Garant, „Herz“ auf „Schmerz“ und aus „Ashes and Tears“ werden „Tränen und Wut“ doch insgesamt ist es erfreulich, was Sabine Ruflair aus dem Libretto gezaubert hat. Schön ist auch, dass im Gegensatz zum englischen Original die erste Strophe des aus dem Kinofilm als „Lara’s Theme“ bekannten „Einst kommt der Tag“ auf Russisch gesungen wird.

Die Rollen wurden durch die Bank hervorragend besetzt. Jan Ammann kann als Jurij Schiwago die gesamte Bandbreite seines schauspielerischen Könnens unter Beweis stellen und brilliert gesanglich insbesondere in den leiseren Passagen mit auch in den Höhen noch sicherer Intonation.

Lisa Habermanns Sopran kommt solistisch besonders in „Wenn die Geige sang“ (Original: „When the music played“) voll zur Geltung, wo Lara zwischen Wut und Verletzlichkeit von ihrer Vorgeschichte erzählt. Tatsächlich hat dieses Stück und die Darstellung der Geschichte einen recht starken Aktualitätsbezug. Denn Lara sieht sich selbst nicht als Opfer eines Vergewaltigers, sondern glaubt an dem mit Viktor Komarovskij (herrlich unsympathisch: Patrick Rohbeck) Erlebten eine Mitschuld zu tragen.

Einen echten Glanzmoment hat auch Björn Christian Kuhn als Pascha/Strelnikow bei „Kommt keiner davon“ (Original „No mercy at all“). Auch schauspielerisch ist seine Leistung beachtlich. Insbesondere im Showdown gegen den angeschlagenen Jurij wird die Spannung zwischen den beiden für den Zuschauer spürbar.

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Besonders sind es die Duette, die „Doktor Schiwago“ zu einem Genuss machen. Sei es das bereits erwähnte „Jetzt“, das Jurij/Lara Duett „Sie wählt dich“ (im Original „Love finds you“) oder das Duett von Tonia und Lara im zweiten Akt, die für wahre Gänsehaut-Momente sorgen: Die Stimmen der Cast passen hervorragend zusammen und schaffen ein harmonisches Gesamtbild, das durchaus zu Tränen rühren kann. Die bei der Premiere ausliegenden Papiertaschentücher dürften dem einen oder anderen durchaus gelegen kommen.

Zwischen schmissigen Ensemble-Nummern, düsterer Marschmusik und einigem Pathos, schafft es „Doktor Schiwago“ den Zuschauer für die Dauer des Abends in seinen Bann zu ziehen. Es wird mitgelitten, mitgefiebert und zusammengezuckt wenn ein Schuss fällt. Mehr als ein Zuschauer greift irgendwann nach der Hand seines Begleiters. Stehende Ovationen am Ende der Premiere sprechen dafür: „Doktor Schiwago“ an der Musikalischen Komödie in Leipzig lohnt einen Besuch.

Text: Julia Weber

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Unterhaltsam: „Le Nozze di Figaro“ in der Oper Leipzig

Als Mozart „Le Nozze Di Figaro“ schrieb, war das Stück – und das ihm zugrunde liegende Theaterstück von Beaumarchais – zunächst ein Skandal. Jahre später bleibt von dem damals für Aufruhr sorgenden Stück vor allem eines: Großartige Musik und eine Geschichte, die auch heute noch für einiges an Erheiterung sorgt.

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Foto: Kirsten Nijhof

 

Die gesamte Handlung spielt in und um das Schloss des Grafen Almaviva, sodass Szenenwechsel mit Minimalaufwand betrieben werden können. In der Inszenierung (Gil Mehmert) an der Leipziger Oper bewegen sich die Figuren durch ein schwarzweißes Herrenhaus. Ähnlich wie ein riesiges Puppenhaus öffnen sich die Räumlichkeiten über drei Stockwerke in den Zuschauerraum (Bühnenbild: Jens Kilian). Hier liegt das einzige Problem der Inszenierung, denn wer in den vorderen Reihen sitzt und des Italienischen nicht absolut mächtig ist, muss sich häufig entscheiden, ob er der Handlung folgen oder die deutschen Übertitel lesen möchte. Gerade wenn sich eine Szene im unteren Bereich des Hauses abspielt, ist es unmöglich, beides gleichzeitig im Blickfeld zu behalten. Die Kostüme (Falk Bauer) sind zeitlos-modern. Auch hier dominiert schwarzweiß durchsetzt mit einigen bunten Tupfern.

Musikalisch lässt „Le Nozze Di Figaro“ nichts zu wünschen übrig. Von Olena Tokars (Susanna) klarem und unprätentiösem Sopran über Sejong Changs (Figaro) ausdrucksvolles Spiel bis hin zu Kay Stiefermanns (Graf) starkem Bariton spielt hier ein hochkarätiges Ensemble, das hervorragend miteinander harmoniert. Auch das Gewandhausorchester, unterstützt von Paulo Almeida am Cembalo, spielt mit virtuoser Leichtigkeit und schafft es, den fröhlichen Grundton des Werks aufs Publikum überschwappen zu lassen.

Eines der absoluten Highlights der Aufführung ist Page Cherubinos „Voi Che Sapete“, das die durchweg absolut grandios schauspielernde Wallis Giunta mit Elvis-Tolle und umgehängter E-Gitarre zum Besten gibt. Sowieso ist hier Cherubino der heimliche Star der Inszenierung und gewinnt rasch die Herzen des Publikums.

Als klassische Opera Buffa ist die Handlung hin und wieder aus heutiger Sicht fast schon übertrieben albern, aber das gehört bei Mozart eben dazu und immer wieder hört man einige Lacher aus dem Publikum, wenn der Graf mit dem Brecheisen die Tür zum Ankleidezimmer öffnen möchte oder Figaro sich abends mit Tarnmantel in den Garten schleicht um seine Susanna zu belauschen.

Alles in allem bietet die Leipziger Inszenierung von „Le Nozze di Figaro“ ein unterhaltsames Gesamtkonzept.

Text: Julia Weber

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Ohrenschmaus: „Vokalrausch“ im Felsenkeller Leipzig

Wer „A Cappella“ hört, denkt in deutschen Gefilden meist zuerst immer noch an „Die Prinzen“ und die „Wise Guys“. Dass A Capella jedoch viel facettenreicher ist, und das schon beschränkt auf den Leipziger Raum, konnte das Publikum beim ersten in Leipzig stattfindenden „Vokalrausch“ Festival erfahren.

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Foto: Marcus Fröhner

 

Vier starke A Cappella Gruppen, in Repertoire und Stilrichtung teils so unterschiedlich wie Tag und Nacht, teilten sich die Bühne im Felsenkeller und boten eine dreieinhalbstündige Show der Superlative.

Gastgeber VOXID (Maike Lindemann, Diana Labrenz, Gabriel Fuhrmann, Friedrich Rau und Daniel Barke) wartete mit einigen Coversongs, jedoch hauptsächlich mit humorvollen selbst geschriebenen Stücken auf. So kam das Publikum kaum umhin beim Autosuggestionslied „I Feel So Good Bout Myself“ oder auch bei der Nummer „Music Ain’t My Thing“ ein wenig zu schmunzeln.

Auch Quintense (Sabrina Häckel, Katrin Enkemeier, Carsten Göpfert, Jonas Enseleit und Martin Lorenz), musikalisch eher Im Bereich R&B und Jazz verwurzelt und hauptsächlich im Cover-Bereich unterwegs, hatte einige Lacher im Gepäck. Zusätzlich durfte man hier über die verrückten Effekte staunen, die menschliche Stimmbänder produzieren können. Neben harten Beats überzeugten Quintense jedoch besonders mit den leisen Nummern „Another Day in Paradise“ und „My Love“.

Ganz andere Töne schlug die reine Frauen-Band Sjaella (Viola Blache, Marie Fenske, Franziska Eberhardt, Marie Charlotte Seidel, Luisa Klose, Helene Erben) an. Im Gepäck hatten die Damen ein buntes Potpourri von Folk-Liedern aus der ganzen Welt. Gesungen wurde auf Schwedisch, Syrisch, Hebräisch und Englisch: Eine kleine Weltreise für die Ohren.

Den Abschluss des Abends bildete die Band Slixs (Katharina Debus, Michael Eimann, Gregorio Hernàndez, Karsten Müller, Thomas Piontek und Konrad Zeiner), die mit ihrem mitreißenden verrückten jazzigen Stilmix, wo auch schon mal vielstimmig eine Big Band imitiert wurde, das Programm würdig abschlossen.

Dass mit einem einzigen Instrument, der menschlichen Stimme, eine so große Vielfalt an musikalischen Richtungen erschlossen werden kann, war eine der Take Home Messages des Abends. Dass Singen Spaß macht, wohl eine andere. Die Ankündigung des nächsten A Cappella Wettbewerbs und die Aufforderung, man könne doch mal die Nachbarn fragen, ob die nicht eine Band gründen wollen, sorgte jedenfalls für einiges an Diskussionsbedarf im Saal.

Text: Julia Weber

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