Nicht nur finsteres Mittelalter – Musical „Der Name der Rose“ bei den Erfurter Domfestspielen

Umberto Eco’s Roman „Der Name der Rose“ erschien bereits im Jahr 1980, der gleichnamige Film 1986. Nun wurde die spannende Geschichte rund um eine Mordserie in einer fiktiven Benediktinerabtei von Gisle Kverndokk (Musik) und Øystein Wiik (Text) als Musical adaptiert. Die Deutsche Uraufführung unter der Regie von Axel Köhler fand am 9. August 2019 statt. Seitdem wurde das Musical im Rahmen der alljährlichen Domstufen-Festspiele in Erfurt dem Publikum präsentiert.

Der Name der RoseMusical nach dem Roman von Umberto Eco
Musik: Gisle Kverndokk
Text: Øystein Wiik
Regie: Axel Köhler
Bühne: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Judith Adam
Choreografie: Mirko Mahr
Premiere am 9. August 2019
DomStufen-Festspiele in Erf

Foto: Lutz Edelhoff

Vor dem Hintergrund des Streits zwischen Papst, Kaiser und Franziskanerorden – ein Treffen wurde in der Abtei einberufen, um den aktuellen theologischen Streit beizulegen – müssen Bruder William von Baskerville und sein Adlatus Adson von Melk eine Mordserie. Es wird klar, dass die Mönche Geheimnisse hüten, die sie nicht preisgeben wollen. Doch Baskerville lässt nicht locker und findet nach und nach die Wahrheit heraus.

Die nötige Dramatik für eine Musiktheater-Adaption bringt „Der Name der Rose“ durchaus mit. Gleichzeitig ist der Roman jedoch so vielschichtig, dass der Zuschauer ohne mit dem Buch oder dem Film vertraut zu sein, sicherlich nicht alle Hintergründe begreift. Dies liegt auch daran, dass das Libretto und die Komposition teilweise recht anstrengend geraten sind. Die Musik orientiert sich stark an Liturgiegesängen und ist dadurch oft wenig einprägsam. Einige positive Ausnahmen von dieser Regel sind „Der Sinne Liebeswahn“,  „Sei giovane, sei bello tu“ und „Die einzige Wahrheit“, deren Melodien sich einprägen und im Kopf bleiben. In den erwähnten Rezitativen jedoch, reimt sich der Text an den wenigsten Stellen, was bedeutet, dass die Konzentration der Zuhörer auf eine harte Probe gestellt wird (Deutsche Texte: Elke Ranzinger und Roman Hinze). Easy Listening ist sicherlich anders.

Eingerahmt wird die Handlung von Erzählpassagen des alten Adson (Máté Sóloym-Nagy), der sich an die Begebenheiten zurückerinnert, während er seine Memoiren niederschreibt. Immer wieder meldet er sich zu Wort und erklärt Zusammenhänge oder beschreibt die Gefühle seines jüngeren Alter Ego (Florian Minnerop). Dabei steht er erhöht und abgetrennt vom Rest der Bühne vor einem riesigen Buch mit Illuminierten Anfangsbuchstaben auf einem der Balkone vor dem Dom.

Das Bühnenbild  (Frank Philipp Schlößmann) ist insgesamt ein wahrer Augenschmaus. Die Paneele des Christus-Mosaiks, das sich über die gesamte Länge der Domstufen erstreckt, lassen sich in alle Richtungen verschieben und geben den Blick auf die einzelnen Räume des Klosters frei. Das vorherrschende Thema „Buch“ wird immer wieder aufgegriffen. So befindet sich der Schädel, der als Schalter den geheimen Eingang zur Bibliothek öffnet, in einem Element der Bühne, das sich wie ein Buch aufklappen lässt. Die Einzelteile des Mosaiks haben zum Großteil Ränder, die wie Buchrücken anmuten. Wenn William und Adson das Skriptorium besuchen und die Bibliothek erkunden, tauchen Bücherregale und Bücherstapel auf der gesamten Bühne auf. Durch den geschickten Einsatz der Lichttechnik, werden die unterschiedlichsten Stimmungen und der Eindruck des wütenden Feuers im Finale erzeugt. Die Kostüme (Judith Adam) sind mit Bedacht gewählt und angelehnt an die historische Vorlage. Die Benediktiner tragen Kutten in verschiedenen Grüntönen, die Franziskaner das übliche Braun, die Inquisition das Kardinalrot.

Das Ensemble singt hervorragend. Da es sich bei den Benediktinern nun einmal um einen Mönchsorden handelt, kommt das Stück beinahe ohne Frauenstimmen aus. Lediglich der junge Venanzio als Hosenrolle (mit wunderschönem, klarem Sopran: Nele Neugebauer) und die Rolle des Dorfmädchens (Eva Löser) wurden mit Frauen besetzt. Beim Duett von Eva Löser und Florian Minnerop, als Adson von Melk sich von dem Mädchen verführen lässt, harmonieren die Stimmen der beiden Darsteller hervorragend miteinander und lassen den Zuschauer kurz aufatmen, bevor die Kriminalgeschichte weiter ihren Lauf nimmt. Ein weiteres Highlight ist das Trio zwischen Minnerop, Gasoy-Romdal und Sólom-Nagy zum Ende des zweiten Aktes hin, das als Quodlibet ausgelegt ist und harmonisch wunderschön ausgestaltet wurde.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Nummern „Hexenwerk“ und „Swisch, hamm hamm“ von Bettelmönch Salvatore (Björn Christian Kuhn). Die an Volksmusik erinnernde Rhythmen und Harmoniefolgen stehen im krassen Kontrast zum Text, in dem Salvatore unter anderem von den Gräueltaten des Dolcinianer Ordens berichtet.

Große Abschnitte der Kompositionen in „Der Name der Rose“ basieren Kirchenmusik. So erklingt ein chorisches „Kyrie Eleyson“ oder „Stabat Mater“, die sich hervorragend mit den moderneren Passagen zu einem Ganzen zusammenfügen (Chor: Opernchor des Theaters Erfurt).

Das Philharmonische Orchester Erfurt unter der Leitung von Jürgen Grimm und Chanmin Chung sitzt in einem Kasten neben der Bühne. Die Übertragung der Musik erfolgt über Lautsprecher. Dass dies in der Kulisse vor den Domstufen gar nicht anders machbar ist, ist vollkommen nachvollziehbar, allerdings sorgt dies auch dafür, dass das Orchester in einigen Passagen den Chor übertönt und dessen Gesang unverständlich macht.

Yngve Gasoy-Romdal als William von Baskerville spielt seine Rolle glaubhaft. In den Gesangspartien wirkt seine Stimme allerdings oft leicht näselnd und dadurch gequält. Stefan Poslovski als Abt überzeugt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich zu jeder Sekunde.

„Der Name der Rose“ ist eine sperrige Geschichte. Nicht umsonst ist umfasst das Buch in der deutschen Taschenbuchausgabe fast 700 Seiten. Die Musical-Adaption ist überraschend gut gelungen und in der wundervollen Kulisse auf den Erfurter Dom sicherlich das richtige Stück am richtigen Ort. Für zukünftige Produktionen würde man sich eine vorsichtige Überarbeitung desdeutschen  Librettos wünschen. Alles in allem dürfte „Der Name der Rose“ jedoch gerne eine weitere Spielzeit – auch an einem anderen Ort – die Zuschauer begeistern.

Text: Julia Weber

 

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Verzaubert – “COMEBACK – Paris, Montecarlo, Leipzig” im Leipziger Krystallpalast Variété

In der neuen Show “COMEBACK – Paris, Montecarlo, Leipzig” entführt Clown Housch-ma-Housch das Publikum des Krystallpalast Variété Leipzig in seine verzaubert-verspielte Welt. Eine Reise, die sich lohnt.

Krystallpalast Variete: "Comeback", Leipzig

Krystallpalast Variete: „Comeback“, Leipzig

Eine Feder kratzt über das Papier, eine Figur entsteht. Nach einigen vergeblichen Versuchen, gelingt dieser Figur die Flucht vom Pergament in die Realität, stolpert Housch-ma-Housch auf die Bühne, wo er für die nächsten zwei Stunden das Publikum verzaubern wird. Dazu genügen ihm zwei Worte “wow” und “kaputt” sowie ein fulminantes Repertoire an Gesten und Lautmalereien. Er wächst einem ans Herz, dieser schräge Vogel mit den abstehenden Haaren und dem limitierten Wortschatz, der keine Berührungsangst mit dem Publikum hat, das lachend bei jedem seiner Späße mitmacht.

Unterstützt wird der Clown von hochkarätigen Artisten: Vanessa Alvarez jongliert gekonnt eine Gitarre mit ihren Füßen, das Duo Sascha und Vlad zeigt ‘Ikarische Spiele” eine Mischung aus Balanceakt und Kraftakrobatik und Mushegh Khachatryan beweist seine Künste auf dem Einrad. Clown Nummer zwei, Sergey Koblikov, agiert nicht nur als Housch-ma-Houschs etwas unwilliger und ‘alkoholabhängiger’ Assistent sondern begeistert auch mit einer Zigarrenbox-Jonglage, bei der jeder Handgriff sitzt. Alexander Koblikov jongliert als erster Artist im Krystallpalast mit zehn Bällen und lässt es aussehen, als sei das ein Kinderspiel. Ein echtes Highlight ist Charlotte de la Bretèques Kordel-Aerial. Die schmale Französin stellt sich auch schon mal vier Meter über den Boden im einarmigen Handstand auf einen Knoten, stürzt sich in die Tiefe und fängt sich zwei Zentimeter vorm Aufprall doch noch auf. Dabei wirkt sie, breit lächelnd und charmant, fast wie ein Kind, das seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht.

 Stets bleibt jedoch Housch-ma-Housch der eindeutige Star des Abends. Augenzwinkernd, liebenswert und fröhlich, steckt er mit seiner durchgehend guten Laune schnell das gesamte Publikum an. Der Abschied am Ende fällt entsprechend schwer und tosender Applaus begleitet den Clown, als er wieder durch seine Tür verschwindet und erneut zu einer gezeichneten Figur auf Pergament wird.

Text: Julia Weber

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Grenzüberschreitend – Ballett „Magnificat“ in der Oper Leipzig

Mario Schröders Ballett “Magnificat” an der Oper Leipzig verbindet das gleichnamige Werk von Johann Sebastian Bach mit Giovanni Battista Pergolesis “Stabat Mater” und Indischen Klängen von Komponist Indigo Masala: Ein gewagtes und gelungenes Experiment.

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Foto: Ida Zenna

Goldene Vorhänge umrahmen die Bühne. Tänzer in weißen langen Stoffhosen, weißen T-shirts und halbdurchsichtigen roten Jacken wirbeln über die Bühne. “Magnificat” erklingt der gewaltige Auftakt zu diesem Ballettabend vom Gewandhausorchester (musikalische Leitung: Felix Bender) und dem links und rechts des Orchestergrabens postierten Chor (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint).

Im Laufe des Abends wird der goldene Vorhang mehrmals fallen oder nach oben gezogen werden und den Blick auf die beweglichen Gerüst-artigen Bühnenelemente sowie das dem Zuschauerraum gegenüberliegende drehbare “Hamsterrad” freigeben (Bühne/Kostüm: Paul Zoller). Lichteffekte erschaffen in diesem Rahmen unterschiedliche Welten, vom goldenen Palast bis hin zur düster-traurigen Gruft (Licht: Michael Röger).

“Magnificat” erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern verschmilzt kleine Szenen miteinander von denen manche für den Zuschauer deutlicher erkennbar und zugänglich sind als andere. So wird die Thematik der Zukunftsvision, der utopischen Traumvorstellung einer besseren Welt, die im Hier und Jetzt geschaffen werden soll und die im Text des “Magnificat” durchschimmert, ebenso auf die Bühne gebracht wie die Verzweiflung und Trauer des “Stabat Mater”. Die Idee: Aus Schmerz und Trauer kann Veränderung entstehen, wenn sie überwunden werden.

Während die Bibelstelle, auf der das Magnificat beruht, sich mit der anstehenden Geburt Jesu beschäftigt, basiert Pergolesis Stabat Mater auf einem mittelalterlichen Gedicht in dem Maria um ihren gekreuzigten Sohn trauert. Diese beiden gegensätzlichen Punkte, Geburt und Tod, verbindet bei diesem besonderen Ballettabend die Indische Musik, die schlichtweg das Leben beschreibt und feiert. So heißt es übersetzt in einem der Gesangstexte: “Meine Kinder tanzen im Blumengarten. Wie hübsch, das zu betrachten.” Dabei dreht sich stets das Rad im Hintergrund weiter, beginnt der Zyklus des Lebens immer und immer wieder von vorne, reihen sich Bruchstücke der drei Werke lückenlos aneinander.

Tatsächlich sind die indischen Passagen sowohl musikalisch als auch tänzerisch jene, die in diesem Reigen am stärksten beeindrucken. Die Kombination aus modernem Ballett und den für unsere westeuropäischen Ohren recht ungewohnten Klängen und Harmonien ist spannend zu erleben. Wenn Percussionist Ravi Srinivasan pfeifend mit einem tanzenden “Vogel” (Fang-Yi Liu) auf der Bühne interagiert, hat man gleich ein Lächeln auf den Lippen.

Tänzerisch ist “Magnificat” ein Kraftakt. Die Choreographie verlangt den jungen Tänzern des Leipziger Balletts einiges ab. Fernab des klassisch-aufrechten Habitus winden sich hier die Körper, scheinen Gliedmaßen sich autonom vom Torso zu verdrehen.

Das Ensemble agiert als Einheit, aus der selten jemand besonders hervorsticht. Zwar gibt es Abschnitte, die als Pas de Deux getanzt werden – so etwa die “Kampfszene” zwischen Lou Thabart und Luke Francis – doch der Augenmerk des Zuschauers bleibt nie lange auf einer Figur. Absichtlich haben Choreograph Mario Schröder und Dramaturg Thilo Reinhardt auf klar erkennbare Rollen im Stück verzichtet, eine Entscheidung, die “Magnificat” zwar zu einem bildgewaltigen Opus macht, die emotionale Verbindung des Publikums zum Stoff jedoch erschwert. Eine Identifikation des Einzelnen mit den dargestellten Situationen wäre durch fixe Figuren sicherlich einfacher.

Alles in Allem ist “Magnificat” ein spannender, gelungener Ballettabend.

Text: Julia Weber

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Mehr als nur „Showtime“ – „Swinging 20s Night“ im Krystallpalast Varieté Leipzig

Die goldenen 20er: Es ist eine Zeit zwischen Nachkriegs-Euphorie und Börsencrash, eine Zeit des Aufbruchs, der Entdeckungen, des Fortschritts. Angelehnt an die Pavillons der Weltausstellung wird Ende des 19ten Jahrhunderts in Leipzig der Krystallpalast errichtet: Ein mehrstöckiges modernes Gebäude aus Glas und Stahl, in dem sich das erste Varieté-Theater der Stadt, die größte Vergnügungsstätte Deutschlands befindet. In den 1920er Jahren boomt das Geschäft. Selbst Weltstar Josephine Baker tritt im großen Saal vor 1800 Gästen auf.

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Foto: Nadja Kappel

Heute steht der Krystallpalast nicht mehr. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zerstört, das Varieté schien verloren, vergessen, ein Teil der Geschichte. Das heutige Krystallpalast Varieté entstand in den 90er Jahren, ist seinen Wurzeln jedoch treu geblieben. In der Show “Showtime” (Regie: Urs Jäckle) werden diese Parallelen besonders deutlich. In Filmsequenzen wird der Geist der 20er heraufbeschworen. Kostüme (Elisabeth Schiller-Witzmann) und Geschichten lassen die Erinnerungen an den alten Krystallpalast wieder aufleben.

Als Special zur bereits seit November laufenden Show luden die Veranstalter am 8. Februar zur “Swinging Twenties Night”. Der Zuschauer war eingeladen sich ganz in die Goldenen 20er zurückzuversetzen und so erschienen fast alle an diesem Abend in entsprechender Garderobe und begaben sich auf die kleine Zeitreise: Flapperkleider, Hosenträger und Schirmmützen bestimmten das Bild.

Conférencier Alexander Merk führt charmant durch die Show und verknüpft die einzelnen Varieté-Nummern mit Geschichten rund um die 20er und den alten Krystallpalast. Teilweise wirken die Erzählpassagen und Witze jedoch zu stark geskriptet. Etwas mehr Spontaneität hätte den jungen Zauberkünstler, der das Publikum mit immer neuen Tricks zu verblüffen weiß, sicherlich gut getan.

Wie immer hat der Krystallpalast eine ganze Reihe hochkarätiger Künstler gefunden, die den Abend gestalten und das Publikum hervorragend unterhalten: Seien es die Jonglierkünste von Ivan Radev oder Albert Tröbiger, die witzigen Schattenspielereien von Mihail Mihelev, die akrobatisch anspruchsvollen Aerial-Nummern von The Dazzling Daisies oder der atemberaubend-verrückte Rola-Rola Balanceakt von Monsieur Chapeau: Langweilig wird es definitiv nie an diesem Abend.

Die “Swing Delicatessen” (Leitung: Daniel Vargas) begleiten die Show mit passender Livemusik. Dabei steht die Band mit auf der Bühne und bietet so manchen bekannten Ohrenschmaus vom althergebrachten “It don’t mean a thing if it ain’t got that swing” bis hin zu Bearbeitungen kontemporärer Popsongs dar.

Im Anschluss an die Show folgte die Tanznacht. Zur Plattenauswahl von DJ Herr Räng durften alle Gäste das Tanzbein schwingen. Für jene, die noch nie den 20er Jahre Charleston getanzt hatten, gab es zuvor eine kurze Einführung im Foyer. Passive Zuschauer wurden nun aktive Darsteller ihrer eigenen kleinen Geschichte und reisten begeistert tanzend durch die Zeit.

Dem Krystallpalast ist mit der “Swinging Twenties Night” ein hervorragender Hybrid aus Show und Party gelungen. Wir sind schon gespannt auf Folgeprojekte – vielleicht geht die Reise ja nächstes Mal in die Zeit der Industrialisierung oder auch in die 30er Jahre?

Text: Julia Weber

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Zeitreise – “On The Town” in der Musikalischen Komödie Leipzig

“On The Town” kommt als Neuinszenierung (Cusch Jung) in die Musikalische Komödie Leipzig und beweist, dass das Stück von 1944 alles andere als angestaubt ist.

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Foto: Kirsten Nijhof

Irgendwann im Jahre 1944. Sechs Uhr morgens, am Hafen von New York. Drei Matrosen gehen von Bord. Sie haben einen Tag Landgang. Während Chip in erster Linie daran interessiert ist alle Sehenswürdigkeiten aus dem alten längst überholten Reiseführer seines Vaters abzuklappern, interessieren Ozzie nur die Mädchen der Stadt. Auch Gabey ist dem weiblichen Geschlecht nicht abgeneigt, aber der hoffnungslose Romantiker verliebt sich prompt in das Plakat der “Miss U-Bahn” des Monats Juli, Ivy Smith. Da seine beiden Freunde ihn gerne glücklich sehen wollen, ist das erklärte Tagesziel schnell klar: Ivy Smith finden!

Chip gerät an die gerade gefeuerte Taxifahrerin Hildy, die Gefallen an ihm findet und ihn nach einer Stadtrundfahrt im geklauten Taxi glatt mit zu sich nach Hause nimmt, wo leider auch ihre erkältete Mitbewohnerin Lucy wartet. Ozzie verläuft sich und landet statt im Museum der modernen Kunst prompt im Naturkundemuseum, wo er zum “Versuchsobjekt” der Anthropologin Claire wird und – leider – auch einen Dinosaurier zerstört. Unverhofft findet Gabey sogar seine “Miss U-Bahn”, die sich nach einigem Hin und Her zu einem Stelldichein auf dem Empire State Building überreden lässt. Als sie dort nicht auftaucht beginnt für die drei Matrosen eine wilde Reise durch die New Yorker Nachtclub-Szene.

“On The Town” war Leonard Bernsteins erstes Musical und eine Weiterentwicklung von Jerome Robbins Ballett “Fancy Fee”. Nach der Broadway Premiere 1944 wurde das Stück 1949 mit Frank Sinatra als Chip und Gene Kelly als Gabey verfilmt. Seitdem gab es zahlreiche Wiederaufnahmen und Adaptionen.

Ganz klar ist “On The Town” ein Produkt seiner Entstehungszeit. Vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges entsteht hier eine Geschichte, die mit dem Krieg so überhaupt nichts am Hut hat. 24 Stunden lang müssen sich die drei Jungs von der Navy keine Gedanken ums Kämpfen machen und solange der Zuschauer sie begleitet, darf auch er entspannt schmunzeln oder befreit lachen.

Das im Stück vermittelte Frauenbild ist insofern interessant, als dass es in den 50er und 60er Jahren wieder eine Rückentwicklung gab und die Damen wieder eher brave und sittsame Heimchen am Herd sein sollten. Keine der weiblichen Figuren im Stück – vielleicht mit Ausnahme von Lucy – ist das Modell “Brave Ehefrau”. Nymphomanin Claire hat ihre Triebe nicht unter Kontrolle – metaphorisch unterstrichen durch ihren wilden Tanz mit Ozzie und den zum Leben erwachten Urmenschen im Naturkundemuseum. Hildy weiß genau was sie will – Chip! – und kriegt es auch. Selbst die niedliche kleine Ivy hat einen Traum, den sie beinahe schon ohne Rücksicht auf Verluste verfolgt – und wenn sie dafür auf dem Jahrmarkt tanzen muss! Dass die drei Freunde von so viel Power mehr als einmal überrumpelt werden, ist die logische Schlussfolgerung.

Das Ensemble der Musikalischen Komödie sowie das Orchester unter der Leitung von Stefan Klingele sind wie immer mit Elan dabei. Die Choreographie von Natalie Holton ist anspruchsvoll, doch der hauseigene Ballettkader meistert die anstrengenden Tanzpassagen die die Geschichte immer wieder durchziehen mit Bravour.

Alle Beteiligten sind mit großer Spielfreude am Werk. Die Chemie zwischen den drei Pärchen stimmt ebenso wie die des Matrosentrios untereinander.

Ein echtes Highlight ist Chips (Andreas Rainer) Fahrt mit Hildy (Zodwa Selele) durch New York. Nicht nur hocken die zwei in einem winzigen gelben Taxi das in altmodischer Effektmanier vor einer Leinwand platziert ist, auf der die Fahrtbewegung simuliert wird, die schauspielerische Interaktion der beiden macht einfach Spaß.

Stimmlich die wohl interessanteste Kombination sind Claire (Nora Lenter) und Ozzie (Benjamin Sommerfeld). Ihr klassischer Sopran und seine eher poppige Stimme vereinen sich bei “Haut es mich um” zu einem überraschend harmonischen Ganzen.

EIn besonderes Augenmerk liegt jedoch auf Jeffery Krueger als Gabey. Seine Solo-Partien zeigen große stimmliche Brillanz auch in den Höhen, ebenso wie die Gabe, Emotionen durch Gesang zu transportieren.

Leonard Bernsteins Musik ist fetzig, jazzig und mitreißend. Zodwa Seleles Interpretation von “Ich kann kochen” geht in die Beine und lädt eher zum Mittanzen als zum Mitwippen ein, während das Abschiedslied “Dann vielleicht ein andermal” eher träumerisch-melancholisch wirkt.

“On The Town” ist kein Stück, bei dem großartig nachgedacht werden muss. Tiefgang gibt es hier kaum. Es ist ein Unterhaltungsstück und genau als solches funktioniert es: Als Zuschauer hat man Spaß, darf immer wieder über die Absurditäten und Albernheiten der Story lachen und langweilt sich keine Minute. Die Inszenierung in der Musikalischen Komödie (Bühnenbild: Karin Fritz, Kostüme: Aleksandra Kica) nimmt uns mit auf eine Zeitreise ins New York der 40er Jahre. Und wir gehen gerne mit!

Text: Julia Weber

 

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