Aktuelle Thematik – „Die Juxheirat“ in der Musikalischen Komödie Leipzig

Die Musikalische Komödie zeigt mit “Die Juxheirat” eine der weniger bekannten Operetten von Franz Léhar (Inszenierung: Thomas Schendel). Schmissige Melodien und das immer noch aktuelle Thema der Verteilung der Geschlechterrollen sorgen für einen vergnüglichen Abend.

Foto: Tom Schulze

“Die Juxheirat” feierte im Jahr 1904 Premiere, ein Jahr vor Léhars wesentlich bekannterer Operette “Die lustige Witwe”. Die Thematik des Stücks ist immer noch aktuell. Es geht um Männer und Frauen, um Selbstbestimmung und Geschlechterrollen. Doch so sehr diese Thematik uns heute weiterhin beschäftigt, man merkt dem Material sein Alter mitunter doch stark an.

In der Villa der Brockwillers, einem protzigen Gebäude mit goldenen Säulen und Meerblick (Bühne: Stephan von Wedel) ist immer etwas los. Hausherr Thomas Brockwiller (Michael Raschle) ist Inhaber einer Automobilfirma und dadurch zum Milliardär geworden. “Neuer Adel,” wie der Haushofmeister (Mario Ramos) abfällig anmerkt. „Wo die Sonne der Kultur tief steht, werfen auch Zwerge lange Schatten“.

Brockwillers Tochter Selma hat nach einer gescheiterten Ehe mit einigen ihrer Freundinnen die Gruppe LvM – “Los vom Mann” – gegründet und lehnt alle weiteren Heiratskandidaten rundheraus ab. Als Harold von Reckenburg (Adam Sanchez) sich ankündigt ist sie dann auch fest entschlossen, diesen ebenfalls abzuweisen. Doch als eine Besucherin die sich als Miss Grant (Theresa Maria Romes) vorstellt, erklärt es handle sich bei Reckenburg in Wahrheit um dessen Schwester, der Selma einst den Mann ausgespannt hat und die sich auf diese Weise an ihr rächen möchte, beschließt Selma, sich einen Jux zu machen und auf das Werben einzugehen. In Wahrheit ist Grant jedoch besagte Schwester und Harold ist tatsächlich keine Frau in Herrenkleidung sondern ein Mann.

Auch in den Nebenhandlungen geht es um die Dynamik von Mann und Frau. Hier belästigt Brockwiller der wesentlich jüngere Klavierlehrerin Fräulein Edith (Julia Ebert), dort kommt von Reckenburgs Chauffeur Philly (Andreas Rainer) in die Bredouille weil er gleich mit zwei seiner ehemaligen Verlobten (Mirjam Neururer als Miss Phoebe und Nora Lentner als Miss Euphrasia) zusammentrifft. Und Selmas Bruder Captain Arthur (Jeffery Krueger) landet prompt mit Miss Grant im Bett kaum dass er ihr zum ersten Mal begegnet ist und spricht plötzlich von Liebe.

Am Ende stehen drei glückliche Pärchen auf der Bühne, scheinbar Beweis dass eben doch jede Frau einen Mann braucht, dass alles Sträuben gegen die Natur sich nicht lohnt. Doch “Die Juxheirat” hat durchaus Untertöne, die in eine völlig andere Richtung gehen. Was Selma und ihre Freundinnen final davon überzeugt, dass von Reckenburg eine Frau sein muss ist als sie beobachten wie Chauffeur Philly ihm im Rollenspiel beizubringen versucht, wie er sich der Milliardenerbin nähern solle. Auch Philly’s freundschaftlicher Umgang mit dem Haushofmeister ließe sich aus heutiger Sicht leicht als mehr als eine reine Männerfreundschaft interpretieren.

Während also einige der Grundstrukturen und Grundgedanken des Stückes durchaus in unsere Zeit übertragen werden können, gibt es immer wieder Textabschnitte, die aus heutiger Sicht nur als problematisch gelten können. Gegen Ende des ersten Aktes vergleicht Philly Frauen tatsächlich mit Essen. Auch die Aussage von Selmas Freundin Miss Euphrasia „Auf meinem Grabstein wird stehen: Hier liegt eine Jungfrau“ reflektiert eine Auffassung von Sex, die nicht mehr zeitgemäß sein kann. Daher ist es die richtige Entscheidung das Stück durch die Kostüme (Julia Burkhardt) klar in der Vergangenheit zu verwurzeln, wodurch diese inzwischen überholten Ansichten als das gesehen werden können: Amüsante Auswüchse der Zeit, in der „Die Juxheirat“ geschrieben und uraufgeführt wurde.

Das Ensemble der Musikalischen Komödie zeigt sich wie immer spielfreudig und zeigt eine qualitativ hervorragende Vorstellung. In schnelleren Gesangsabschnitten kommt es zu den für das Haus üblichen Überlagerungen zwischen dem großen Orchester und den Singstimmen, die das Verständnis der Texte etwas erschweren (Musikalische Leitung: Tobias Engeli), aber das tut dem Vergnügen kaum Abbruch. Wer über Momente historischen Chauvinismus hinwegsehen kann, wird bei „Die Juxheirat“ bestens unterhalten werden.

Text: Julia Weber

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Tiefschwarzer Humor – „Sweeney Todd“ in der Musikalischen Komödie Leipzig

In der frisch renovierten Musikalischen Komödie in Leipzig kann der Zuschauer aktuell Cusch Jungs Inszenierung des Sondheim-Musicals „Sweeney Todd“ erleben – mit viel historischem Charme, großartigen Stimmen und einem gehörigen Gruselfaktor.

Sweeeney Todd in "Mein Freund". Sweeney steht im Vordergrund und hält sein Barbiermesser in die Höhe, das Ensemble im Hintergrund zeigt dieselbe Geste
Foto: Tom Schulze

Die Mär von Sweeney Todd – spätestens seit dem Kinofilm von 2007 kennt die Geschichte auch in Deutschland beinahe jeder Musicalbegeisterte. Basierend auf verschiedenen Londoner Mythen tauchte der dämonische Barbier aus der Fleet Street 1846 zum ersten Mal im Groschenroman „The String of Pearls“ auf. Nach einigen Veränderungen insbesondere hinsichtlich der Beweggründe des Barbiers, der einst als Benjamin Barker ein unbescholtenes Leben führte und der nun unter dem Decknamen Sweeney Todd eine grausame Mordserie beginnt, entstand die Fassung, die wir heute kennen.

Historisch ist die Geschichte im viktorianischen London verankert, einer Zeit, in der gerade in den ärmeren Gegenden der Stadt häufig das Recht des Stärkeren galt. Jack the Ripper trieb sein Unwesen und der Gestank aus der Themse verpestete die Luft. „There is no place like London“ singt Matrose Anthony zu Beginn des Stücks, voller Begeisterung für die Stadt, doch Sweeney, dessen Bekanntschaft er an Bord gemacht hat, nimmt ihm schnell die Illusion.

Die Rückblende zu Sweeney‘s Vorleben mit seiner Frau und der kleinen Tochter kommt ohne große Effekthascherei aus. Nur Sweeney und Anthony sind auf der Bühne als er davon erzählt, wie Richter Turpin ein Auge auf Lucy Barker warf und daraufhin den Barbier für eine Tat zur Verbannung nach Australien verurteilte die dieser niemals begangen hatte.

Todd macht sich auf den Weg in die Fleet Street, sucht nach Hinweisen, was aus Lucy und seiner Tochter Joanna geworden ist und kriegt diese von Mrs Lovett, deren schlecht gehender Pastetenladen im selben Haus untergebracht ist, in dem er früher lebte. Nachdem Turpin sich an Lucy verging, besorgte diese sich vom Apotheker Gift. Die Tochter, Joanna, ist nun Turpins Mündel, inzwischen erwachsen und dem Richter ebenso ins Auge gefallen wie ihre Mutter zuvor.

Bühnen- und Kostümbild (KarinFritz) der Produktion in der Musikalischen Komödie orientieren sich stark am historischen Hintergrund, wobei die Kostüme bunt die unterschiedlichen modischen Trends des gesamten neunzehnten Jahrhunderts mit Steampunk-Einflüssen kombinieren. Die Drehbühne ermöglicht blitzschnelle Szenenwechsel zwischen Pastetenladen, Bäckerei, Sweeneys Arbeitsstätte und dem Hof vor Turpins Haus. Ein spielfreudiges Ensemble führt den Zuschauer in die Geschichte ein und etabliert zum ersten Mal das immer wiederkehrende Thema der Moritat von Sweeney Todd, mit dem die einzelnen Szenen miteinander verwoben werden. In den Massenszenen wird ebenso wie in den Quodlibets deutlich, dass der Umbau das akustische Problem der Musikalischen Komödie zwar verbessert, jedoch nicht ganz behoben hat. Hier kommt es weiterhin ab und zu dazu, dass Liedtexte nur schwer verstanden werden können wenn sie sich überlagern. Allerdings passiert dies deutlich seltener als in den der Renovierung vorangegangenen Produktionen.

Vikrant Submarian glänzt in der Titelrolle nicht nur mit Stimmbrillianz sondern auch bemerkenswerter Spielfreude. In Szenen wie „Mein Freund“, in dem Mrs Lovett ihrem neuen Mieter sein altes Barbiermesser zurückgibt und dieser daraufhin von der Rache an Turpin zu träumen beginnt, zeigen die ganze Bandbreite seiner stimmlichen und spielerischen Dynamik. Als Mrs Lovett ist ihm Sabine Töpfer spielerisch absolut ebenbürtig. Während zwischen den beiden zu Beginn des Stücks noch keine rechte Verbindung existiert, ändert sich das schlagartig im schmissigen Gassenhauer „Prälat“ in dem sie im Walzertakt ihren teuflischen Plan schmieden. Dass Mrs Lovett Sweeneys Opfer zu Pasteten verarbeiten wird, und damit nicht nur im übertragenen Sinne sondern ganz konkret dazu beiträgt, dass die Menschen sich gegenseitig auffressen, ist in seiner arm-gegen-reich Gegenüberstellung heute immer noch genauso aktuell ist wie zur Entstehungszeit der Geschichte.

Das zweite Paar neben dem Mörderpärchen Todd und Lovett sind der junge Anthony (Justus Seeger) und Todds Tochter Joanna (Anna Evans). Durch Zufall hört er sie an ihrem Fenster singen und verknallt sich Hals über Kopf in sie. Die ganze Geschichte um die Beiden wirkt stets ein wenig unglaubwürdig. Zu dem Zeitpunkt, als Anthony ihr den Vorschlag macht, sie aus London wegzubringen und zu heiraten, kennen die beiden sich kaum. Die Leipziger Inszenierung greift die Absurdität dieser Verbindung dadurch auf, dass es zwischen den beiden scheinbar Verliebten zu keiner körperlichen Nähe kommt und keines der vielen „Küss mich“ im gleichnamigen Lied den Worten auch Taten folgen lässt.

Ein Highlight des Stücks in Hinsicht auf dessen komische und satirische Seite ist stets die Szene in der Todd seinem Widersacher Turpin die erste Rasur verpasst und dabei über „Hübsche Frauen“ schwadroniert sowie die Szene in der der kleine Tobias „Pirellis Aqua Kapillare“ als Haarwuchs-Wundermittel anpreist sowie der daran anschließende Barbier-Wettstreit. Auch in der Leipziger Fassung muss man an diesen Stellen unweigerlich schmunzeln.

Michael Raschle als Turpin ist ein Ekelpaket wie es im Buche steht. Stimmlich wirken seine Passagen immer etwas nasal und gepresst, dafür ist seine schauspielerische Leistung großartig.

Ob es zusätzlich die Geißelungszene oder auch die Vergewaltigungs-Rückblende – die einzige Rückblende im gesamten Stück, das ansonsten auf solche Kniffe gekonnt verzichtet – wirklich braucht um Turpin in seiner Position als dem wahren Kriminellen des Stücks zu etablieren, darüber kann man sicherlich streiten.

Seit dem Umbau der Musikalischen Komödie spielt das hauseigene Orchester (Musikalische Leitung: Christoph- Johannes Eichhorn) hinter der Bühne. Im früheren Orchestergraben wurde eine Hebebühne installiert, von der im Stück reichlich Gebrauch gemacht wird. Etwa im Lied „an der See“ bei dem Mrs Lovett sich einen netten Urlaub mit ihrem geliebten Sweeney ausmalt.

Insgesamt ist die Leipziger Inszenierung „Sweeney Todd“ definitiv einen Besuch wert. Ein spielfreudiges und stimmgewaltiges Ensemble und ein gut gelungenes Kostüm- und Bühnenbild sorgen gemeinsam mit der vom hauseigenen Orchester live gespielten mitreißenden Musik von Sondheim für einen vergnüglich-gruseligen Ohrenschmaus.

Text: Julia Weber

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Starke Bildsprache gegen das Vergessen – “Lamento” Ballettabend in der Oper Leipzig

Die Oper Leipzig widmet dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau einen Themenschwerpunkt der Saison 2019/2020. In einem zweiteiligen Themenabend präsentiert das Ballett der Oper Leipzig zwei Choreographien von Mario Schröder, “Blühende Landschaft” und “Sinfonie der Klagelieder.” Die Themen: “Liebe, Trauer, Abschied und Sehnsucht nach Freiheit”.

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Foto: Ida Zenna

Schuhe, Schuhe überall. Die ganze Bühne ist voller Schuhe. Bis die Straßenkehrer kommen und sie wegfegen. “Blühende Landschaft” thematisiert zum einen die nicht eingelösten Versprechen der Nach-Wende-Zeit, zum anderen aber auch die Versprechen und Hoffnungen der heutigen Zeit. Mario Schröder bemüht sich um eine Symbiose von Musik und Tanz. Die visuelle Darstellung der Musik erfolgt nicht nur sinngemäß sondern auch auf musikalischer, direkter Ebene. In “Blühende Landschaft” wechseln sich langsame Sätze aus Udo Zimmermanns Konzert für Violoncello und Orchester “Lieder von einer Insel” mit schnelleren Sätzen aus den Werken von Johann Sebastian Bach ab. Die Bach-Sätze sind dabei um einiges einfacher zu erfassen und zu verstehen, da hier choreographisch stärker mit Rhythmus gearbeitet werden kann. In den langsamen Sätzen werden Zitate aus verschiedenen Gedichten auf die Wände der Bühne projiziert. Alle Gedichte beschäftigen sich in gewisser Weise mit Trauer, Verlust und Abschied. Im Tanz werden diese Themen aufgegriffen und verbunden zum einen mit dem Hintergrund der Leipziger Geschichte aber auch zum Hintergrund der Tänzer, deren Ankunft in der Stadt und ihrer Sehnsüchte und Träume.

“Blühende Landschaft” wurde schon 2013 uraufgeführt, “Sinfonie der Klagelieder” ist hingegen eine neu entwickelte Choreographie. Es handelt sich um ein Stück über Trauer, aber auch über Hoffnung und wird zur gleichnamigen Komposition von Henryk Mykolaj Gorecki getanzt. Gorecki komponierte die Musik in Erinnerung an den zweiten Weltkrieg. Sie vereint drei verschiedene Klagelieder mit einem finalen, hoffnungsvollen Satz. Den Beginn bildet das Klagelied der Maria um den toten Jesus Christus. Musikalisch angelegt als Kanon und tänzerisch ebenso umgesetzt, bewegt sich dieselbe Melodie als vielstimmiger Trauermarsch durch verschiedene Kirchentonarten.

Der zweite Satz beruht auf einem Text, den eine junge Gefangene im Jahr 1944 an die Wand ihrer Gefängniszelle im Gestapo-Hauptquartier schrieb. Die Choreographie greift die Thematik der Gefangenschaft auf. Gläserne Käfige senken sich von der Decke über einzelne Tänzer oder Tänzergruppen. Wie überlebt man Gefangenschaft? Wie überlebt man Isolation ohne verrückt zu werden? Diese Fragen werden gestellt, die Panik der Eingesperrten ist für den Zuschauer sichtbar und fühlbar.

Den dritten Teil bildet der Text eines oberschlesischen Volksliedes, in dem erneut eine Mutter um ihren Sohn trauert und seine Mörder anklagt. Dadurch, dass hier auch die Melodie an das Volkslied angelehnt ist, wirkt der Satz im Vergleich zu den vorangegangenen leichter und beinahe hoffnungsvoll, ein Gefühl, das auch durch die Choreographie aufgegriffen wird.

Der Bezug zu Auschwitz wird insofern deutlich, dass während eines Teils des Tanzabends schwarze Tücher auf die Bühne hinabschweben, die an Überreste verbrannter Kleidung oder Papiere erinnern.

Musikalisch wie tänzerisch ist “Sinfonie der Klagelieder” leichter zugänglich als “Blühende Landschaft”, da die Sinfonie eine in sich geschlossene Einheit bildet, in die man sich “hineinhört”. Die krassen Brüche im ersten Teil sind dagegen eher irritierend. Hinzu kommt die wunderschöne Sopranstimme von Lenka Pavlovič, die den Zuhörer in “Sinfonie der Klagelieder” in ihren Bann zieht.

Interessant sind die Rückgriffe Schröders auf frühere Motive aus “Blühende Landschaft” in “Sinfonie der Klagelieder”. Im ersten Teil des Abends gibt es eine Szene in der immer wieder Tänzer stürzen, scheinbar nicht mehr folgen können, aus der Reihe tanzen und – daraufhin – zurückgelassen werden. Auch in “Lamento” gibt es diese Momente des Versagens, des Fallens, doch wird den Gefallenen bereitwillig aufgeholfen. Hier wird niemand zurückgelassen.

Am Ende schließt sich der Kreis, wenn die Tänzer eine bunte Sammlung großer und kleiner Schuhpaare auf der Rampe platzieren.

“Lamento” ist sicherlich alleine schon durch seine Thematik kein leichter, fröhlicher Ballettabend, doch die Choreografien und die Musik sind spannend anzusehen und anzuhören und lohnen einen Besuch.

Text: Julia Weber

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Wilde Reise durch die Welt – “Candide” in der Komischen Oper Berlin

Wilde Reise durch die Welt – “Candide” in der Komischen Oper Berlin

Leonard Bernsteins Operette “Candide” entstand beinahe zeitgleich mit der “West Side Story”, ist jedoch nicht halb so bekannt. Der zugrunde liegende Stoff, Voltaire’s Novelle “Candide ou l’Optimiste”, ist eben sperriger und schwerer zu adaptieren als Shakespeare’s “Romeo und Julia”. Barrie Koskys Versuch einer Inszenierung an der Komischen Oper Berlin ist recht gut gelungen, auch wenn einen das quietschbunte Treiben und die ständigen Ortswechsel ein wenig atemlos zurücklassen.

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Foto: Monika Rittershaus

Candide wächst auf dem Schloss Thunder-Ten-Thronck auf. Dort wird er gemeinsam mit den Kindern des Schlossherren, Kunigunde und Maximilian sowie dem Dienstmädchen Paquette von Lehrer Pangloss unterrichtet, der ihnen vermittelt, in der besten aller möglichen Welten zu leben.

Dass dieser “Optimismus” nicht der Wahrheit entsprechen kann, wird Candide nach und nach klar. Zunächst wird er aus dem Schloss geworfen, als er versucht mit Kunigunde anzubandeln, dann landet er in der bulgarischen Armee, wird nach einem falsch verstandenen Spaziergang als Deserteur verfolgt, beinahe erschossen, in letzter Sekunde begnadigt und muss gegen seinen ehemaligen Hausherrn zu Felde ziehen.

Im Glauben, dass Kunigunde nicht nur mehrfach vergewaltigt sondern auch von den Soldaten getötet wurde, zieht er weiter nach Holland.

Kunigunde indes hat durch eine Fügung des Schicksals überlebt und verdient sich ihren Lebensunterhalt, indem sie ihre weiblichen Reize zu ihrem Vorteil einsetzt.

Die beiden finden nach einer wilden Odyssee durch die plötzlich auftauchende alte Frau (witzig und gewinnend: Fredrika Brillembourg) in Lissabon zueinander. Doch wieder müssen sie fliehen, da Candide inzwischen die Inquisition auf den Fersen ist. In Südamerika trennen sich ihre Wege erneut, als Kunigunde sich dem schmierigen Gouverneur (Ivan Turšić) anbietet um aus dem Gefängnis freizukommen in das man sie als illegale Einwandererin gesperrt hat.

Candide findet gemeinsam mit seinem Freund Cacambo (Timothy Oliver) den Weg nach Eldorado, wo er tatsächlich die beinahe beste aller möglichen Welten findet, in einer Gesellschaft, die im Überfluss lebt, aber in der niemand leidet. Da er aber Kunigunde, oder sein Idealbild von ihr, vermisst, macht er sich abermals auf den Weg.

Doch als sich die beiden schließlich in Venedig wiederfinden, realisieren sie das, was dem zuschauer bereits bei ihrem ersten Duett klar war: Sie haben völlig unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und vertreten komplett unterschiedliche Werte.

Trotzdem ziehen sie schließlich gemeinsam mit den auf ihrer wilden Reise gefundenen Freunden aufs Land. “Wir müssen unseren Garten bestellen,” sagt Candide und krempelt seine Hemdsärmel hoch.

“Candide” ist ein wilder Ritt durch die Welt. ohne die erklärenden Erzählabschnitte wäre man als Zuschauer recht aufgeschmissen, der Geschichte folgen zu können. Dank dieser jedoch erschließt sich die Handlung in all ihrer Verrücktheit doch. Zum Glück nimmt sich das Stück selbst nicht allzu ernst. Immer wenn ein weiterer absurder Ortswechsel ansteht, fragt irgendeiner der Protagonisten “Warum denn?” und Voltaire (Franz Hawlata) antwortet nur: “Warum nicht?”

Bernsteins Musik, hervorragend live gespielt vom Orchester der Komischen Oper Berlin unter der Leitung von Jordan de Souza ist ebenso vielseitig und sprunghaft wie die Geschichte, wechselt teilweise mitten im Stück von Operette zu Musical, von Musical zu Oper. Trotzdem wirkt das Ganze nicht wie wild zusammengeschustertes Flickwerk, sondern bildet ein abgeschlossenes Ganzes. Der rote Faden der Geschichte, zum einen Candides Suche nach Kunigunde, zum anderen seine Erfahrungen, die ihm immer und immer wieder aufzeigen, dass es unfassbar viel Leid auf der Welt gibt und Pangloss Lehren samt und sonders Lügen waren, geht niemals verloren.

Johannes Dunz als Candide trägt die Hauptlast des Stücks mit Bravour. Nicht nur überzeugt er gesanglich auf ganzer Linie, auch emotional schafft er es, die Zuschauer mitzureißen. Diesem unglaublich sympathischen Typen, als den er Candide darstellt, wünscht man eigentlich nur Gutes und leidet mit, wenn immer und immer wieder die nächste Katastrophe über ihn hereinbricht.

Kunigunde hingegen ist dem Zuschauer recht schnell mehr als unsympathisch. Meechot Marrero spielt das geldgeile Luder mit großartiger Stimme und vollem Körpereinsatz.

Das Bühnenbild (Rebecca Ringst) ist einem dauernden Wandel unterzogen, um den stetig wechselnden Schauplätzen gerecht zu werden. Da gibt es den Galgen im Hintergrund, vor dem zunächst die Juden, dann die Geflüchteten erschossen werden und schließlich Candide und sein Lehrer hingerichtet werden sollen, die Rettungsboote mit denen die zusammengewürfelte Gruppe aus Europa nach Amerika übersetzt, der Käfig in den Kunigunde und die Alte Frau bei der Ankunft gesperrt werden. Kosky’s Inszenierung übt hier ganz offen jede Menge aktuelle Gesellschaftskritik. Auch die letzte Szene, in der eine riesige Weltkugel über die Bühne getragen wird, spielt gezielt auf die aktuelle Thematik der Klimakatastrophe an.

Wie immer bei Kosky geizt die Inszenierung nicht mit Effekten. Die Nebelmaschine kommt ebenso großzügig zum Einsatz wie Stroboskoplampen, Maschinengewehrfeuer und die unterschiedlichsten Lichteffekte. In der Eldorado Szene fällt minutenlang goldener Flitter von der Decke. Gemeinsam mit den extravaganten Kostümen, die sich aus verschiedensten Epochen vom Barock bis zur Moderne bedienen (Klaus Bruns) ist “Candide” ein bunter, verrückter Augenschmaus geworden.

Das Stück endet nur halb-versöhnlich, erlaubt seinen Figuren aber kein glückliches Ende, sondern lediglich ein erträgliches Ende und ist damit beinahe schmerzhaft realitätsnah. Trotzdem ist “Candide” in jeder Hinsicht einen Besuch wert.

Text: Julia Weber

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Nicht nur finsteres Mittelalter – Musical „Der Name der Rose“ bei den Erfurter Domfestspielen

Umberto Eco’s Roman „Der Name der Rose“ erschien bereits im Jahr 1980, der gleichnamige Film 1986. Nun wurde die spannende Geschichte rund um eine Mordserie in einer fiktiven Benediktinerabtei von Gisle Kverndokk (Musik) und Øystein Wiik (Text) als Musical adaptiert. Die Deutsche Uraufführung unter der Regie von Axel Köhler fand am 9. August 2019 statt. Seitdem wurde das Musical im Rahmen der alljährlichen Domstufen-Festspiele in Erfurt dem Publikum präsentiert.

Der Name der RoseMusical nach dem Roman von Umberto Eco
Musik: Gisle Kverndokk
Text: Øystein Wiik
Regie: Axel Köhler
Bühne: Frank Philipp Schlößmann
Kostüme: Judith Adam
Choreografie: Mirko Mahr
Premiere am 9. August 2019
DomStufen-Festspiele in Erf

Foto: Lutz Edelhoff

Vor dem Hintergrund des Streits zwischen Papst, Kaiser und Franziskanerorden – ein Treffen wurde in der Abtei einberufen, um den aktuellen theologischen Streit beizulegen – müssen Bruder William von Baskerville und sein Adlatus Adson von Melk eine Mordserie. Es wird klar, dass die Mönche Geheimnisse hüten, die sie nicht preisgeben wollen. Doch Baskerville lässt nicht locker und findet nach und nach die Wahrheit heraus.

Die nötige Dramatik für eine Musiktheater-Adaption bringt „Der Name der Rose“ durchaus mit. Gleichzeitig ist der Roman jedoch so vielschichtig, dass der Zuschauer ohne mit dem Buch oder dem Film vertraut zu sein, sicherlich nicht alle Hintergründe begreift. Dies liegt auch daran, dass das Libretto und die Komposition teilweise recht anstrengend geraten sind. Die Musik orientiert sich stark an Liturgiegesängen und ist dadurch oft wenig einprägsam. Einige positive Ausnahmen von dieser Regel sind „Der Sinne Liebeswahn“,  „Sei giovane, sei bello tu“ und „Die einzige Wahrheit“, deren Melodien sich einprägen und im Kopf bleiben. In den erwähnten Rezitativen jedoch, reimt sich der Text an den wenigsten Stellen, was bedeutet, dass die Konzentration der Zuhörer auf eine harte Probe gestellt wird (Deutsche Texte: Elke Ranzinger und Roman Hinze). Easy Listening ist sicherlich anders.

Eingerahmt wird die Handlung von Erzählpassagen des alten Adson (Máté Sóloym-Nagy), der sich an die Begebenheiten zurückerinnert, während er seine Memoiren niederschreibt. Immer wieder meldet er sich zu Wort und erklärt Zusammenhänge oder beschreibt die Gefühle seines jüngeren Alter Ego (Florian Minnerop). Dabei steht er erhöht und abgetrennt vom Rest der Bühne vor einem riesigen Buch mit Illuminierten Anfangsbuchstaben auf einem der Balkone vor dem Dom.

Das Bühnenbild  (Frank Philipp Schlößmann) ist insgesamt ein wahrer Augenschmaus. Die Paneele des Christus-Mosaiks, das sich über die gesamte Länge der Domstufen erstreckt, lassen sich in alle Richtungen verschieben und geben den Blick auf die einzelnen Räume des Klosters frei. Das vorherrschende Thema „Buch“ wird immer wieder aufgegriffen. So befindet sich der Schädel, der als Schalter den geheimen Eingang zur Bibliothek öffnet, in einem Element der Bühne, das sich wie ein Buch aufklappen lässt. Die Einzelteile des Mosaiks haben zum Großteil Ränder, die wie Buchrücken anmuten. Wenn William und Adson das Skriptorium besuchen und die Bibliothek erkunden, tauchen Bücherregale und Bücherstapel auf der gesamten Bühne auf. Durch den geschickten Einsatz der Lichttechnik, werden die unterschiedlichsten Stimmungen und der Eindruck des wütenden Feuers im Finale erzeugt. Die Kostüme (Judith Adam) sind mit Bedacht gewählt und angelehnt an die historische Vorlage. Die Benediktiner tragen Kutten in verschiedenen Grüntönen, die Franziskaner das übliche Braun, die Inquisition das Kardinalrot.

Das Ensemble singt hervorragend. Da es sich bei den Benediktinern nun einmal um einen Mönchsorden handelt, kommt das Stück beinahe ohne Frauenstimmen aus. Lediglich der junge Venanzio als Hosenrolle (mit wunderschönem, klarem Sopran: Nele Neugebauer) und die Rolle des Dorfmädchens (Eva Löser) wurden mit Frauen besetzt. Beim Duett von Eva Löser und Florian Minnerop, als Adson von Melk sich von dem Mädchen verführen lässt, harmonieren die Stimmen der beiden Darsteller hervorragend miteinander und lassen den Zuschauer kurz aufatmen, bevor die Kriminalgeschichte weiter ihren Lauf nimmt. Ein weiteres Highlight ist das Trio zwischen Minnerop, Gasoy-Romdal und Sólom-Nagy zum Ende des zweiten Aktes hin, das als Quodlibet ausgelegt ist und harmonisch wunderschön ausgestaltet wurde.

Etwas gewöhnungsbedürftig sind die Nummern „Hexenwerk“ und „Swisch, hamm hamm“ von Bettelmönch Salvatore (Björn Christian Kuhn). Die an Volksmusik erinnernde Rhythmen und Harmoniefolgen stehen im krassen Kontrast zum Text, in dem Salvatore unter anderem von den Gräueltaten des Dolcinianer Ordens berichtet.

Große Abschnitte der Kompositionen in „Der Name der Rose“ basieren Kirchenmusik. So erklingt ein chorisches „Kyrie Eleyson“ oder „Stabat Mater“, die sich hervorragend mit den moderneren Passagen zu einem Ganzen zusammenfügen (Chor: Opernchor des Theaters Erfurt).

Das Philharmonische Orchester Erfurt unter der Leitung von Jürgen Grimm und Chanmin Chung sitzt in einem Kasten neben der Bühne. Die Übertragung der Musik erfolgt über Lautsprecher. Dass dies in der Kulisse vor den Domstufen gar nicht anders machbar ist, ist vollkommen nachvollziehbar, allerdings sorgt dies auch dafür, dass das Orchester in einigen Passagen den Chor übertönt und dessen Gesang unverständlich macht.

Yngve Gasoy-Romdal als William von Baskerville spielt seine Rolle glaubhaft. In den Gesangspartien wirkt seine Stimme allerdings oft leicht näselnd und dadurch gequält. Stefan Poslovski als Abt überzeugt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich zu jeder Sekunde.

„Der Name der Rose“ ist eine sperrige Geschichte. Nicht umsonst ist umfasst das Buch in der deutschen Taschenbuchausgabe fast 700 Seiten. Die Musical-Adaption ist überraschend gut gelungen und in der wundervollen Kulisse auf den Erfurter Dom sicherlich das richtige Stück am richtigen Ort. Für zukünftige Produktionen würde man sich eine vorsichtige Überarbeitung desdeutschen  Librettos wünschen. Alles in allem dürfte „Der Name der Rose“ jedoch gerne eine weitere Spielzeit – auch an einem anderen Ort – die Zuschauer begeistern.

Text: Julia Weber

 

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