Clever und witzig: „Die Drei von der Stammzelle“ im BKA Theater

12.06.2013

Die Stammzellformation ist schon eine feste Institution in der Berliner Musicalszene. Dass die Truppe Musicals schreiben, mehrere Instrumente spielen und singen kann, sollte also nicht überraschen. Dass sie sich auch auf Satire versteht, zeigt sie jetzt mit „Die Drei von der Stammzelle“ auf der Bühne im Berliner BKA-Theater.

Eigentlich sind Tom (Tom van Hasselt), Franz (Franz Frickel) und Nini (Nini Stadlmann) nur drei weitere gescheiterte Freigeister in Berlin. Die kleine Band, die die drei vor Jahren gegründet haben, hat keinen Erfolg, einen Fernsehauftritt haben sie trotz Franz‘ Versprechen, ihnen einen zu besorgen, auch noch nicht gehabt. Und so fristen sie ihr Dasein in Franz‘ Kneipe, der „Stammzelle“ und träumen „in der Bar der altbekannten Verkannten“ vom Ruhm.

Eines Tages tauchen die Hinterbänkler (ebenfalls Hasselt, Frickel und Stadlmann) in der Bar auf. Auch wenn die drei unterschiedlichen Parteien angehören (die Mutti ist bei der CDU, der Vater bei der FDP und der chaotische Sohn bei der Piratenpartei), haben sie das gleiche Problem: Sie müssen eine Rede im Bundestag halten. Bisher sind sie da immer drum herum gekommen und hatten „auf der letzten Bank“ ein nettes, überdurchschnittlich gut bezahltes Leben.

Die drei von der Stammzelle sehen ihre Chance gekommen. Die Hinterbänkler werden mit Ninis „Cocktail Deutschland“ ausgeknockt und Nini, Tom und Franz nutzen die Chance, dem ganzen Land zu zeigen, was der Politik fehlt: Eine gehörige Portion Show und Spektakel.

Bald darauf sind sie mit ihrer frisch gegründeten Partei, der PDF zu Gast im „Heute Journal“, casten neue Mitglieder im Publikum und werden im Handumdrehen zur beliebtesten Partei in den Forsa-Umfragen. Bei einer von einem anonymen Spender geschenkten Ballonfahrt schauen Nini und Franz auf Deutschland hinunter. Bei „das ist alles mal deins“ knistert es gehörig zwischen den Beiden. Ein Zwischenfall, der auch von Tom, der schon seit Ewigkeiten in Nini verschossen ist, nicht unbemerkt bleibt. Die innerparteiliche Krise ist nicht mehr abzuwenden.

Noch einmal treten die Drei beim Bundespresseball „Nur für die Show“ gemeinsam ins Rampenlicht. Doch es bleibt die Frage offen, wer Kanzlerkandidat werden soll. Während Nini mit „Wenn ich erst Kaiserin bin“ die Monarchie in Deutschland wieder einführen möchte, inszeniert sich Tom als „Abwrackkanzler“, der kurzerhand alle Frauen, alle Idioten und alle anderen außer sich selbst abwracken möchte. Franz schließlich rock’n’rollt sich mit „Franz, der Kanzler“ in die Herzen der
Wählerschaft.

Die Hinterbänkler haben sich derweil aus dem Staub gemacht und sitzen nun im Europaparlament, das gerade beschlossen hat, die Musik in Fußgängerzonen auf maximal zwei Minuten, zwei Akkorde und nicht zu viel Inhalt zu normieren. Doch Hans Hinterbänkler hat einen anderen Plan. Er träumt von einem Hinterbänkler-Schattenkabinett.

Hasselt, Stadlmann und Frickel spielen mit viel Begeisterung und vollem Körpereinsatz. Da werden in der „Heute Journal“-Szene schon mal fünf Rollen von drei Darstellern gespielt, werden hinter der Bühne in Sekunden Perücken gewechselt und selbst das Unmögliche (eine Kampfszene zwischen Franz und Hans, beide gespielt von Frickel) möglich gemacht. Der Showdown zwischen Hinterbänklern und den drei von der Stammzelle wird schließlich nicht gespielt, sondern als Regieanweisung vorgelesen: Der klassische Mauerblick ist hier eine wirklich geschickte und vermutlich die einzig richtige Lösung.

Die Musik – wie immer live von den drei Darstellern auf Keyboard, Gitarre, Querflöte, Schlagzeug und Bass gespielt, wenn auch diesmal mit Unterstützung einer iPad-App – geht ins Ohr, lädt zum Mitschnipsen ein und pendelt irgendwo im weiten Feld zwischen Pop und Rock. Stadlmann glänzt gesanglich mit starkem Sopran und – während der ersten Rede vorm Bundestag – mit bemerkenswerten Stepptanzfähigkeiten. Besonders die Kanzlerkandidaten-Songs, der Ohrwurm „Dieses Land braucht mehr Show“ und das herrliche „Nur für sie“ zeigen einmal mehr die Songschreiber-Qualitäten von van Hasselt.

Was aber den Abend bei den Stammzellen wirklich von anderen Musicalabenden unterscheidet, sind die vielen Kleinigkeiten im Stück, die vielen kleinen Spitzen, nicht nur gegen die Politik: Da findet Nini auf der Toilette im Bundestag eine Zeitung mit „Puder drauf“, lehnen sich Franz und Nini in „Titanic“-Manier aus dem Fesselballon und bringt FDPler Hans Hinterbänkler für seine CDU-Frau den Müll runter und bestellt sich in der Kneipe „was mit mehr Prozent als meine Partei“, während sein Sohn zur Melodie von „Wir lagen vor Madagaskar“ den Aufstieg und Fall der Piratenpartei besingt. Da kommt der Spanier nach Brüssel und erzählt die Geschichte von Europa und dem Stier bis hin zu „Bürokratia war für Stier rotes Tuch“, während die Hinterbänkler von der „dunklen Seite der Macht“ träumen.

Alles in Allem erwartet den Zuschauer bei „Die Drei von der Stammzelle“ eine clevere, witzige Geschichte mit guter Musik, starken Darstellern und einer überragend singenden Nini Stadlmann. „Dieses Land braucht mehr Show“, und gerne mehr von dieser Sorte.

Text: Julia Weber

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