Chaos im Kopf : „Hauptquartier“ in der Kulturbrauerei

28.05.2012

Alles beginnt, als Melanie Haupt und Vivan Bhatti, beide Mitglieder der in der Berliner Kulturfabrik beheimateten Stammzellformation, an einem heißen Tag gemeinsam „an der Bar des einzigen Saloons im Umkreis von 100 Metern“ hocken. Ein Einbruch wird geplant. Der Einbruch in Melanies Kopf. „Das ist ja nicht mal illegal“, beschwert sich ihr Kumpel.

Und plötzlich finden sich die beiden in einem Raum ohne Wände wieder, in Melanies Gehirn. Dieses erweist sich zunächst als eine ziemliche Enttäuschung, denn der Raum ist leer bis auf eine winzige Bretterbude. An der Bretterbude befinden sich jedoch eine Klingel und der Verweis „Hier klingeln für Emotionen, Informationen, Erinnerungen“.

Die Frage „Was bin ich, wer bin ich und warum bin ich eigentlich so“, stellt sich wohl jeder von Zeit zu Zeit, und so lässt der Anfang des Stücks hoffen auf Wiedererkennungsmomente, Selbstironie, vielleicht auch die ein oder andere Erkenntnis. Leider werden diese Erwartungen nicht erfüllt. Die musikalische
Erzählung – denn dies ist, wie man schnell merkt, kein Musical im eigentlichen Sinne – plätschert vor sich hin. Die Songs, bei denen Vivan Bhatti seine Virtuosität an der Gitarre unter Beweis stellt und Melanie Haupt eine hervorragende gesangliche Leistung vorlegt und zeigt, dass sie neben Deutsch auch Italienisch, Französisch, Englisch und Russisch beherrscht, wirken willkürlich ausgewählt und scheinen nichts mit der Handlung zu tun zu haben.

Haupt erzählt – mit Bhatti als komödiantischem Sidekick – mit viel Elan und in ständig wechselnden Rollen eine Geschichte, die viel Potenzial hat. Was macht uns zu dem, was wir sind? Was erwartet man, wenn man an seiner eigenen Tür auf die Klingel unter besagtem Schild drückt. Wer öffnet einem die Tür? Es sind doch oftmals unsere Mitmenschen, die in unserem Kopf herumspuken. Die  Familie, der ätzende Mitschüler aus der Grundschule, die beste Freundin, der Ex-Freund. Doch statt echten Menschen begegnet Melanie hier ihren  personifizierten Eindrücken von Kleingeist über Langeweile und Wut bis hin zu Gelassenheit und Humor.

Zwischen all diesen Figuren und Emotionen springt sie von einer Sekunde zur anderen hin und her, hängt mal als Humor lachend überm Barhocker und brüllt im nächsten Moment mit hochrotem Kopf als Wut herum. Wo diese Emotionen in ihrem Kopf eigentlich herkommen, was ihr Auslöser ist, wird nicht verraten. Und genau hier ist der Knackpunkt. Denn als Zuschauer ist die Identifikation mit der Figur, das Mitfühlen, Mitempfinden, Verstehen, wohl nur möglich, wenn er Beweggründe nachvollziehen kann. Da diese Beweggründe nicht erklärt werden, bleibt das Ganze etwas eindimensional.

Was bringt es, in den eigenen Kopf einzubrechen und dort seine gesammelten verqueren Emotionen zu treffen, wenn man die Ursache für diese Emotionen nicht mitgeliefert bekommt? Niemand ist einfach so grundlos wütend. Man hätte sie gerne erfahren, die Gründe für das Chaos im Kopf. Stattdessen wird der Zuschauer am Ende der Show nach 90 Minuten mit einer Lösung abgespeist, die schlicht unbefriedigend wirkt – Melanie erkennt, dass all diese Emotionen zu ihr gehören, dass dieses Chaos ein Teil von ihr ist und dass sie Gelassenheit, Humor und Erkenntnis ziemlich sympathisch findet. Aha. Und jetzt? Ist die Frage „Wer bin ich, was bin ich und warum bin ich eigentlich so“ damit beantwortet? Es bleibt von diesem Einbruch ins Gehirn ein großes Fragezeichen.

Text: Julia Weber

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