Wortgewaltig: „Im Anhang war das Word“ in der Kulturbrauerei

12.05.2012

Im Maschinenhaus der Berliner Kulturfabrik tummelt sich ein kleines Publikum vor einer beinahe leeren Bühne. In den nächsten eineinhalb Stunden wird hier Tom van Hasselt, Mitglied der Stammzellformation, sein Soloprogramm „Im Anhang war das Word“ präsentieren. Dieses Programm, so van Hasselt zu Beginn der Show, sollte eigentlich „Am Anfang war das Wort“ heißen. Aber die Rechtschreibkorrektur ist überall, und wenn man nicht aufpasst, sind alle Flyer schon gedruckt, bevor man den Fehler bemerkt.

Der junge Kabarettist spielt mit den Erwartungen der Zuschauer, jongliert virtuos mit Worten und verkörpert dabei abwechselnd sich selbst, den Oberprogrammierer Hassat Velmont, dessen Exfrau Svante Thomsal und eine ganze Reihe weiterer Charaktere, die sich auf der MS Facebook oder in der Cloud tummeln.

Die Geschichte von Tom, der das Passwort nicht findet, um sein selbst geschriebenes Programm zu öffnen, und der sich schließlich als Opfer des übermächtigen Oberprogrammierers der Aufgabe gegenübersieht, diesen Staatsfeind Nummer ein zu finden und zu überführen, bietet die Basis für gesellschaftskritische Betrachtungen, die nachdenklich machen, aufhorchen lassen.

Van Hasselt nimmt alles aufs Korn, was die Generation Facebook ausmacht. So bittet Svante ihren Hassat: „Öffne mal ein neues Fenster“, und muss im nächsten Vers betonen, dass sie damit nicht das Fenster der Windows-Benutzeroberfläche meint, sondern das reale Fenster im Flur. Dem Zuschauer wird vor Augen geführt, wie durch die Informationsschwemme, die virtuelle Datenflut, die Onlinevernetzung mit „Freunden“ und das ständige sich Mitteilen auf all den verschiedenen Internetplattformen das Zwischenmenschliche im Hier und Jetzt manchmal zu kurz kommt, wie trotz all der geschriebenen, getwitterten, geposteten Nachrichten doch in den entscheidenden Momenten die Worte fehlen.

Das alles wird verpackt in fetzige Songs, deren Melodien für den Moment unterhalten, allerdings keine Ohrwürmer sind (vermutlich ganz im Sinne des Erfinders, der anmerkt: „Ein Hit heißt deshalb Hit, weil er so lange auf deine Geschmacksnerven einprügelt, bis die sagen: Okay, wir ergeben uns, es ist toll. Das nennt man auch das audiorezeptive Stockholmsyndrom.“) und eher den Text unterstützen als sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Während der Show bedient der Komponist gleich fünf Instrumente, spielt in einem Stück sogar gleichzeitig Klavier und Vibraphon, während er singt. Respekt verdient an dieser Stelle besonders das Duett zwischen Svante und Tom, in dem van Hasselt ständig
zwischen Fistel- und Normalstimme wechselt.

Van Hasselt macht in seiner One-Man-Show kurz gesagt beinahe alles richtig. Beinahe? Ja, nur beinahe, denn auf der MS Facebook gibt es plötzlich einen Kurzabstecher in Richtung Politkabarett, der nicht so ganz zum restlichen Konzept des Musicals passen möchte, auch wenn die pointierten Texte einige Lacher beim Publikum hervorrufen. Alles in Allem jedoch unterhält das Programm (ob nun passwortgeschützt oder nicht) mit intelligenten Texten und immer wieder neuen  überraschenden Wendungen. Man findet sich selbst in den von van Hasselt erdachten Figuren wieder, muss unwillkürlich über sich selbst lachen, wippt im Rhythmus der Musik und wundert sich am Ende, dass das Programm tatsächlich schon vorbei ist.

Text: Julia Weber

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