Spannend: „Schwestern im Geiste“ in der Neuköllner Oper

25.03.2014

In der jährlichen Koproduktion der Neuköllner Oper mit dem Studiengang Musical der Universität der Künste in Berlin, werden die Zuschauer in diesem Jahr ins England des 19. Jahrhunderts entführt, genau genommen in den Haushalt der berühmten Schriftsteller-Schwestern Brontë. Eingängige Melodien und faszinierende Charaktere machen das Musical „Schwestern im Geiste“ zu einem Genuss.

Milly und Aydin stehen kurz vorm Abi. Beide sind Sorgenkinder für Lehrerin Lotte. Während Aydin (Jacqueline Reinhold) eventuell die finalen Klausuren gar nicht mehr schreiben wird, da sie ihren Cousin heiraten soll, der in Bursa eine Autowerkstatt hat, ist Milly (Rubini Zöllner) resistent gegen jeglichen gut gemeinten Rat. Die Schwestern Brontë und deren Werke, mit denen sie sich im Deutschunterricht auseinandersetzen soll, interessieren das Mädchen wenig. Gerade mal den Kinderschuhen entwachsen, neigt die eigentlich schlaue junge Frau schon zum Zynismus und sieht keine Perspektive
für ihre Zukunft. Lotte (Teresa Scherhag) würde ihr gerne helfen – auch deshalb, weil sie mehr für das Mädchen empfindet, als für eine Lehrerin schicklich und erlaubt ist.

Im viktorianischen England leben vier Geschwister unter einem Dach. Der älteste, Branwell (Andres Esteban), ist hochbegabt, scheitert jedoch ein ums andere Mal beim Versuch, eines seiner Manuskripte veröffentlichen zu lassen und bringt sich mit Frauengeschichten und Alkohol immer wieder in Schwierigkeiten. Die Schwestern sind klug – eine Eigenschaft, die in einer Gesellschaft, in der Frauen hauptsächlich das nette Accessoire des Mannes sind, die Gäste zu bewirten und die Kinder zu gebären haben, nicht gern gesehen wird. Die wilde Emily (Dalma Viczina) pfeift auf die Menschen und läuft lieber durch die Natur. Charlotte (Keren Trüger), die Älteste, träumt von der Karriere als Schriftstellerin und
gleichzeitig davon, dass ihr der eigene Mr. Rochester in den Schoß fällt, eine schillernde Persönlichkeit mit einem dunklen Geheimnis, wie sie ihn sich in ihrem Roman „Jane Eyre“ ausgedacht hat. Als Arthur Nichols (Denis Edelmann), ein solider Pfarrer, um ihre Hand anhält, zögert sie deswegen sehr lang. Anne (Katharina Abt), die Jüngste, verliebt sich wiederum unglücklich in den Freier ihrer Schwester, wagt jedoch niemals, dies auch zuzugeben.

In zwei parallelen Ebenen werden die Geschichten von Milly, Aydin und Lotte auf der einen und den Brontë-Geschwistern auf der anderen Seite erzählt. Das Bühnenbild (Ulrike Reinhard) besteht aus in Weiß auf Schwarz geschriebenen Sätzen aus den Büchern der drei Schwestern, die sich in Stufen nach oben stapeln. Requisiten gibt es kaum. Zwei Tische, ein paar Stühle, eine frei im Raum stehende Tür. Mehr ist nicht nötig, um die Geschichte zu erzählen. Liebevoll ist jede einzelne Figur bis ins Detail ausgearbeitet. Dazu gehören auch die Kostüme von Anna Hostert. Insbesondere Hausmädchen Tabby
(Sabrina Reischl) bleibt auf der Ebene der Brontë-Zeit im Gedächtnis. Sie sorgt frech und pfiffig für so manchen Lacher, wenn sie Charlotte in Sachen Männer und Ehe berät („Kommt ein Mann, der dich fragt, sag ja!“), wie ein Derwisch mit einem Besen durchs Haus tanzt oder durch gezielten Einsatz ihrer weiblichen Reize Arthur um den Finger wickelt.

Durch das gesamte Stück ziehen sich die Verbindungen zwischen Emily und Milly, Aydin und Anne sowie Charlotte und Lotte. Emilys Roman „Sturmhöhe“ wird nach seiner Publikation in erster Linie deswegen zum Skandal, weil keine der Figuren darin wirklich liebenswert ist und in allen Einzelheiten die Grausamkeit der Menschen beschrieben wird. Ähnlich wie Catherine Earnshaws Liebe zu Heathcliff, ist auch für Emily ihr Bruder Branwell die einzige echte Bezugsperson. Als dieser sich in Reaktion auf den literarischen Erfolg seiner Geschwister und das eigene Versagen zu Tode säuft, zerbricht auch
Emily. Millys Lied „Erzähl mir nichts“ und Emilys „Ich brauche den Wind und den Sturm und den Regen“ sind Ausdruck des gleichen Überdrusses gegenüber der gesamten Gesellschaft.

Charlotte und Lotte sind beide nach außen hin stark und selbstbewusst. Charlotte ist es, die den Haushalt der Brontës zusammenhält und die ihre Schwestern ermutigt, ihre Manuskripte unter den männlich klingenden Pseudonymen Currer Bell, Acton Bell und Ellis Bell an den Verleger zu senden. Lotte lebt alleine, hat studiert und reagiert auf Ailyns Neuigkeiten, dass sie gedenkt, sich verheiraten zu lassen, mit absolutem Unverständnis.

Aidyn schließlich scheint sich zunächst ohne Wiederstand den Wünschen ihres Vaters zu beugen. Erst nach einer Auseinandersetzung mit Lotte wird klar, dass auch Aydin Träume hat – nämlich eine glückliche Familie mit einer Professur in Istanbul vereinen zu wollen.

Während Charlotte und Lotte sich über weite Strecken nur über die Distanz der gesamten Bühnenbreite verständigen, verwischen zwischen Milly und Emily sowie Aylin und Anne am Ende die Grenzen zwischen den Parallelwelten, insbesondere, als Anne ihr modernes Ich auffordert, für ihre Träume zu kämpfen.

Die Musik von Thomas Zaufke ist mitreißend, einige der wiederkehrenden Themata bleiben lange im Ohr. Die von Neva Howard choreografierten Ensemblestücke, allen voran „Skandal/Erfolg“ sind fetzig und begeistern. Die Texte von Peter Lund und die Melodien der Solostücke unterstreichen die Charaktere der einzelnen Figuren und geben den durchweg hervorragenden Stimmen der Darsteller Raum, sich in Gänze zu entfalten.

Neben „Waren mal drei Schwestern“, das als Grundmotiv immer wieder auftaucht und den Zuschauern in seiner Einfachheit und gleichzeitigen Bedrohlichkeit einen Schauer über den Rücken laufen lässt, ist ein weiteres sich wiederholendes Melodiesegment das Lied über „Angria“. Einst schrieben Branwell und Charlotte gemeinsam eine Geschichte, die von einer Schlacht auf hoher See um dieses von ihnen erdachte Land handelte. In einer Erinnerungssequenz gleich am Anfang des Stücks segeln die vier Geschwister übers Meer, hissen die Segel und verschwinden für einen Moment in ihren kindlichen
Träumen, ehe Charlotte mit einem trockenen „Wir sind nicht mehr in Angria“ den Traum mit einem Schlag zerplatzen lässt.

Wer die Werke und Biografien der drei Schwestern kennt, wird viele Kleinigkeiten im Stück entdecken, die nur angedeutet oder in Zwischentönen erzählt werden. „Schwestern im Geiste“ bietet jedoch nicht nur Brontë-Fans einen unterhaltsamen Abend voller Emotionen, sondern ist spannende Unterhaltung für jedermann, der gute Musik und ausgefeilte Charaktere schätzt.

Text: Julia Weber

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