Zwischen Zwei Welten: „Hedwig and the Angry Inch“ im Admiralspalast

02.06.2013

Im Admiralspalast-Klub in Berlin befindet sich der Ort, an dem Hedwig ihre Geschichte erzählen darf. Über eine im Regen etwas glitschige Betontreppe betreten die Zuschauer den kahlen Kellerraum. Sofas und Sessel stehen in mehreren Reihen im lockeren Halbkreis um die Bühne, die sich mit Einbauschränken von anno dato, einem Perserteppich und einigen alten Röhrenfernsehern perfekt in die Umgebung einfügt (Bühnenbild: Momme Röhrbein). Kleine Tische stehen hier und da. Es herrscht
Wohnzimmeratmosphäre bei „Hedwig and the angry Inch“.

Hedwig and the Angry Inch

Foto: Dennis Veldman

Hedwig (Sven Ratzke), ein dank der Kostüme von Angelika Rieck und der Maske von Ulrike Reimann schillernd buntes Wesen, eine Grenzgängerin zwischen Ost und West, DDR und BRD, Deutschland und Amerika, Mann und Frau, betritt den Raum. Einen Vorhang gibt es nicht. Die Band, bestehend aus Gitarrist (Jan Terstegen), Keyboarder (Chriostopher Noodt), Bassist (Florian Friedrich), Schlagzeuger (Hans Schlotter) und Backgroundsänger/in Yitzhak (Maria Schuster) spielt natürlich live. Die Musik ist rockig, fetzig, mitreißend und leider in den ersten Reihen ein wenig zu laut.

Der Amerikaner John Cameron Mitchell schuf Anfang der 1990er Jahre diese Figur, die so vieles in sich vereint, verarbeitete in ihrer Geschichte, die sie dem Zuschauer in den  nächsten Stunden erzählen wird, auch eigene Erfahrungen, mixte eigene Eindrücke aus dem geteilten Berlin mit der Geschichte einer Babysitterin in seinem Elternhaus, die sich nebenbei als Prostituierte verdingte.

Die Musik zur Story lieferte Stephen Trask. Ohrwurmträchtige Rocknummern mit Country-Einflüssen, leise Balladen und Punk-Einlagen bilden ein kunterbuntes lautes Gesamtbild. Die Musik ist eine der großen Stärken dieser Produktion, lädt ein zum mitwippen, mitsingen, mittanzen. Es ist beinahe sicher, dass am Ende des Abends eine Melodie aus „Wicked little Town“ oder „Wig in a Box“ noch stundenlang im Kopf herumspukt. Ratzke intoniert tonsicher und mit passender Rockröhre, Schuster glänzt lange Zeit nur im Hintergrund, reißt jedoch mit ihrem Stück „Gigolo“ das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Was ist das für eine Geschichte, die Hedwig erzählt? Hedwig wurde als mädchenhafter Junge Hansel in Ostberlin als Kind einer deutschen Mutter und eines Amerikaners  geboren. Erste Berührungen mit dem Westfernsehen brachten „Jesus Christ Superstar“, das Feindsenderhören im Backofen (!) der kleinen Wohnung brachte die Begeisterung für amerikanische Musik mit sich. Als Hansel einen US-Soldaten kennen lernt, kommt eins zum anderen. Um aus dem Osten zu entkommen und den Amerikaner heiraten zu können, wird Hansel zu Hedwig – aber der Kurpfuscher, der die Operation vornimmt, lässt einen „angry Inch“ zurück.

Und so bleibt Hedwig immer irgendwie zwischendrin, gehört nie klar zu einer Seite. In Amerika strandet sie in einem Trailerpark. Dann lernt sie Tommy, den Jesus-Freak kennen und lieben. Doch Tommy wird mit Hedwigs Songs berühmt, nutzt sie aus und lässt sie schließlich sitzen. Immer wieder geht eine Tür auf der Bühne auf und man hört den Jubel von Tommys großem Konzert, irgendwo da draußen. Hedwig hingegen tourt mit ihrer zusammengewürfelten Band durch die Vororte oder spielt eben im Keller unterm
Admiralspalast. Immer dabei: Yithzak, der einst ihre Vorband spielte und nun als  Backgroundsänger bei Hedwig arbeitet, die ihm verboten hat, jemals wieder eine Perücke zu tragen. Genau wie Hedwig ist Yithzak in vielerlei Hinsicht eine tragische Figur – einer, der irgendwo gelandet ist, wo er eigentlich nie hin wollte und nicht genau weiß, wie er da wieder herauskommen soll.

„Hedwig and the angry Inch“ ist eine typische Berliner Geschichte. Viele Witze der Produktion richten sich in der deutschen Fassung von Wolfgang Böhmer und Rüdiger Behring ans Berliner Publikum, insbesondere an die Generation, die die Trennung Deutschlands und den Mauerfall noch miterlebte. Hedwig selbst kann man lieben oder hassen, verstehen oder kopfschüttelnd ignorieren. Tatsache ist: Jeder wird sich in irgendeiner der Facetten dieser vielschichtigen, widersprüchlichen Figur wiederfinden,
die ihren Platz in der Welt sucht und dabei mit der Vergangenheit und dem Schicksal hadert. Wenn man sich auf dieses schräge, bunte Wesen einlässt, verspricht die Produktion unter der Regie von Guntbert Warns im Klub des Admiralspalasts jede Menge Spaß, Glamrock und den einen oder anderen nachdenklichen Moment.

Am Ende wird Hedwig sich mit ihrer Vergangenheit und ihrer Nemesis Tommy Gnosis versöhnen, wird Yitzhak seine Perücke zurückbekommen. Und in Berlin wird man sich ein wenig fühlen, als sei man im „Wicked little Town“ gelandet, einer kleinen verrückten Stadt, die ein wenig schräg ist, ein wenig seltsam, aber trotzdem liebenswert.

Text: Julia Weber

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Musical, Rezension abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.