Anspruchsvoll – “Roméo und Juliette” in der Deutschen Oper

Sasha Waltz bringt eine Choreographie zu Berlioz‘ “Roméo et Juliette” auf die Bühne der Deutschen Oper. Den Zuschauer erwartet eine anspruchsvolle Performance in schwarz und weiß, bei der nicht alle Ideen zünden.

SASHA WALTZ ROMEO UND JULIETTE DEUTSCHE OPER BERLIN   Premiere: 18.04.2015

Foto: Bernd Uhlig

Als Hector Berlioz im Jahr 1827 das Pariser Gastspiel einer englischen Theatergruppe anschaute, war er sofort begeistert. Doch die Fassung von “Romeo und Julia”, die der Komponist zu Gesicht bekam, hatte mit dem Ursprungstext nur noch wenig gemein. Das Stück galt als eines der schwächeren Werke Shakespeares und wurde von David Garrick so adaptiert, dass der Fokus rein auf der Liebesgeschichte lag. Rosalinde verschwand ebenso wie Julias Amme. Somit war die Basis der Symphonie Dramatique, die Berlioz erschuf, bereits romantisch verfälscht.

In der heutigen Zeit ist nun bekannt, dass der damals hauptsächlich wahrgenommene Aspekt der unsterblichen Liebe nie die Zielaussage des Barden war. Mit dieser Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung im neunzehnten und im einundzwanzigsten Jahrhundert umzugehen, ist die eigentliche Herausforderung. Sasha Waltz hat diese Herausforderung angenommen und eine Ballettchoreographie zum Stück geschaffen.

Berlioz‘ Musik fokussiert sich auf einige Schlüsselszenen: Im ersten Akt wird die Ausgangssituation dargestellt: Die Feindschaft zwischen Capulets und Montagues, die immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führt. Des Weiteren wird hier das Stück bereits “erklärt”. Die Solisten Ronnita Miller und Thomas Blondelle erzählen gemeinsam mit dem Chor die gesamte Geschichte um Roméo und Juliette. Rein musikalisch gesehen ist dies als Leitfaden sicherlich in Ordnung, da zugleich auch schon die Themata aus den einzelnen Sätzen erklingen.

Dramaturgisch ist diese Teil der Einleitung jedoch mehr als problematisch. Waltz hat sich – dem Libretto folgend – entschieden, die gesamte Geschichte einmal im Schnelldurchlauf auf die Bühne zu bringen. Eine Entscheidung, die zwar nachvollziehbar, aber auch etwas uninspiriert ist. Schließlich sieht man die Handlung im Folgenden auch noch einmal in voller Länge.

Musikalisch gibt es absolut nichts auszusetzen. Das Orchester unter der Leitung von Donald Runnicles liefert eine exzellente Performance ab. Themata werden hin und her gespielt. Vom leisesten Piano bis ins Fortissimo werden Spannungsbögen gewoben und feine Streicherpassagen wechseln sich mit an Jagdszenen erinnernde Blechbläser-Partien ab.

Der Zuschauer jedoch nimmt in erster Linie die Performance auf der Bühne wahr. Das Bühnenbild (Pia Maler Schriever, Thomas Schenk, Sasha Waltz) besteht nur aus zwei schief aufeinander stehenden Ebenen, die zwischenzeitig auseinanderkippen und so den parallelen Ablauf der Hochzeit des Paares auf der oberen Plattform und den Kampf der verfeindeten Häuser in der bedrohlichen Enge zwischen den Platten ermöglichen. Zusätzliche Spannung wird durch das Lichtdesign (David Finn) erzielt. Mal kommt die Beleuchtung von der Seite und wirft lange Schatten, mal werden nur winzige Bereiche der Bühne ausgeleuchtet.

Der harte schwarz weiß Kontrast wird auch in den Kostümen verwendet. Die Capulets treten meist in weiß, die Montagues meist in schwarz auf. Das Konzept wird jedoch nicht durchgängig klar verwendet. Insbesondere in der Ballsequenz verschwimmen die Grenzen zwischen den beiden verfeindeten Sippen.

Waltz hatte ursprünglich die Idee, das Stück in die Jetzt-Zeit zu transportieren, indem sie ihm den Konflikt zwischen Israel und Palästina zu Grunde legte. Tatsächlich taucht die Idee eines Religionskonflikts noch in den Kostümen des Chores (Leitung: William Spaulding) auf. Hier trägt eine Seite Kopfbedeckungen die an Flügelhauben christlicher Nonnen erinnern. Auf der anderen Seite sieht man Hüte, die an die Schtreiml cassidischer Juden angelehnt sein könnten.

Waltz lässt ihre Tänzer durchweg barfuß auftreten. Requisiten gibt es beinahe keine, wodurch manche pantomimische Darstellung – etwa Roméos Tanz mit dem Dolch und Juliettes späterer Freitod – etwas überzogen wirkt.

Die Balkonszene ist ein klares Highlight in der Choreographie. Der Pas de deux zwischen Roméo (Joel Suárez Gómez) und Juliette (Yael Schnell) wartet mit einigen Überraschungen auf. Die Bewegungen der Tänzer sind stets fließend, nur selten reißt der Kontakt zwischen den beiden Akteuren ab. Das Ganze wirkt wie in Bewegung übersetzte Poesie.

Im starken Kontrast dazu steht die grell ausgeleuchtete Szene in der Roméo in Verbannung gezeigt wird, der von Juliettes Tod erfährt. Die Verzweiflung des Liebenden, das Aufbäumen gegen das Schicksal, wird hier dargestellt, indem Roméo immer wieder versucht die beinahe senkrecht stehende weiße Ebene zu erklimmen, jedoch ein ums andere Mal wieder abrutscht.

Berlioz‘ Musik fokussiert sich auf einige Kernelemente der Geschichte. Die Choreographie hält sich ebenfalls beinahe akribisch an diese Kernelemente. So wird nur angedeutet, dass Juliette den Schlaftrunk nimmt. Von Graf Paris ist keine Spur. Der gesamte Konflikt um die Ermordung Tybalts und Mercutios – die entscheidende Szene, die zu Roméos Verbannung und dem dramatischen Ende der Geschichte führt – kommt nicht zur Geltung.

Ein absoluter Höhepunkt des Abends ist jedoch das Finale, wenn Frère Laurent die verfeindeten Familien am Grab der Liebenden dazu auffordert, Frieden zu schließen. Sowohl die gesangliche Leistung von Nicolas Courjai als auch die tänzerische Leistung seines Alter Egos Orlando Rodriguez sind herausragend und verdienen den frenetischen Applaus, den die beiden am Ende der Aufführung ernten.

Text: Julia Weber

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Eine Antwort zu Anspruchsvoll – “Roméo und Juliette” in der Deutschen Oper

  1. irgendwoanderspree schreibt:

    das wollte ich auch umbedingt anschauen!

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