Berührendes Kammerspiel: “Die letzte Nacht des Martin Luther King” in der Vaganten Bühne

Um Martin Luther King ranken sich die Legenden. Katori Hall schuf mit “Die letzte Nacht des Martin Luther King” (im Original “The Mountaintop“), dessen deutsche Erstaufführung unter der Regie von Andreas Schmidt am 15. Mai 2015 in der Vaganten Bühne statt fand, ein Theaterstück, das sich dem Mann hinter der Legende mal humorvoll, mal dramatisch, mal surrealistisch nähert.

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Foto: Vaganten Bühne

Dr Martin Luther King (Tino Führer) hat sich nach einem turbulenten Tag auf sein schäbiges Zimmer im Lorraine Motel in Memphis zurückgezogen. Bei Kaffee und Zigaretten will er die Rede “Warum Amerika zur Hölle fährt” für den nächsten großen Auftritt vorbereiten. Er schickt einen Freund los, ihm seine geliebten Pall Malls zu besorgen und ordert beim Zimmerservice seinen Kaffee. Zimmermädchen Camae (Vanessa Rottenburg) ist nicht nur bildschön sondern auch alles andere als auf den Mund gefallen. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch zwischen Flirt und politischer Auseinandersetzung während draußen ein Gewitter tobt.

Camae gehört zur Black Panther Party. In ihren Augen sind die friedlichen Demonstrationen nicht zielführend. “Demonstrationen bringen nichts”, erklärt sie, flucht wie ein Rohrspatz und entschuldigt sich sofort. Schließlich sitzt sie immer noch im Zimmer eines Pfarrers.

Im Laufe des Abends wird immer klarer, dass Camae nicht nur ein einfaches Zimmermädchen sein kann. Sie weiß zu viel über King, lässt immer mal wieder Hinweise fallen, die den Zuschauer schon früh ahnen lassen, dass die junge Frau von ganz oben geschickt wurde. Das Stück spielt in der Nacht von 3. auf den 4. April 1986. Am 4. April wurde King von einem Heckenschützen ermordet.

Bis Camae jedoch – etwas überzogen theatralisch bei rotem Licht – damit herausrückt, dass sie ein Engel ist, von Gott geschickt um King in den Himmel zu holen, erhitzt sich die politische Debatte zwischen den beiden immer mehr. Camae hält in Kings Schuhen und seinem Sakko eine bewegende Rede, in der sie viel Wahres anprangert, jedoch statt der von King gepredigten Bruderschaft mit den Weißen für einen Fortschritt der Schwarzen ohne Hilfe des “weißen Mannes” plädiert. Die Rede ist so mitreißend, dass King sich am Ende den Kommentar erlaubt: “Das war gut – für eine Frau.”

Als King plötzlich einen Atemstillstand erleidet, schreit Camae ihn mit seinem Taufnamen Michael an, den er seit er ein Junge war nicht mehr benutzt hat. Ihre Tarnung fliegt auf und Camae gesteht ihre Mission.

Bis hierhin ist “Die letzte Nacht des Martin Luther King” wirklich gelungenes, spannendes, mitreißendes und manchmal auch urkomisches Sprechtheater. Vanessa Rottenburg und Tino Führer spielen intensiv und lassen ihre Figuren in jeder Sekunde lebendig werden. Sobald jedoch der übernatürliche Faktor ins Spiel kommt, wird es stellenweise ein wenig zäh.

So ist der Anruf bei Gott, mit dem King versucht die Schöpferin (!) davon abzubringen, ihn jetzt schon in den Himmel zu holen, amüsant und kurzweilig. Alles in allem dehnt sich die Phase zwischen Erkenntnis des Unvermeidlichen und Akzeptanz desselben doch stark. Die ein oder andere Kürzung hätte hier gut getan. Camaes eigene Geschichte ist das Highlight des zweiten Teils. Rottenburg spielt hier mit großartiger Mimik zwischen Verletzlichkeit und Hass.

Der Einspieler am Ende, bei dem Engel Camae ihrer “Aufgabe” Martin Luther King einen Blick in die Zukunft erlaubt, zeigt die Nachrichten zu Kings Tod, Protestmärsche bei denen weiße und schwarze nebeneinander marschieren, aber auch Prominente wie Oprah Winfrey und Michael Jackson. Der Einspieler endet mit Bildern von US-Präsident Obama. Rein aufs Stück bezogen ist dies sicherlich die hoffnungsfrohe Botschaft, die sich King gewünscht hätte. Die Tatsache, dass Obamas Präsidentschaft einiges an Symbolcharakter für die Gleichberechtigung verliert, wenn man sich genauer mit seiner Herkunft auseinandersetzt, wird ebenso verschwiegen wie die Erkenntnisse, dass das Leben in den USA für Menschen mit dunkler Hautfarbe immer noch schwieriger ist als für weiße.

Insgesamt ist “Die letzte Nacht von Martin Luther King” ein berührendes Kammerspiel mit zwei exzellenten Darstellern.

Text: Julia Weber

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