Formvollendet: “Ballet for Life” des Béjart Ballet Lausanne zu Gast in der Deutschen Oper

Irgendwo im Himmel setzen sich Freddie Mercury und Mozart gemeinsam ans Klavier. Maurice Béjart erschuf 1996 mit “Ballet for Life” ein getanztes Kunstwerk, in dem er den zu frühen Tod Jorge Donns und Freddie Mercurys verarbeitete. Beinahe zehn Jahre später tourt das Ballett erneut unter der Leitung von Gil Roman durch die Welt und gastiert auch in der Deutschen Oper.

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Foto: Gregory Batardon

Das Béjart Ballet Lausanne setzt sich aus 37 Tänzern zusammen. In manchen Szenen stehen diese alle gleichzeitig auf der Bühne. Die Choreographie spielt in diesen Momenten oft mit dem Prinzip “einer unter vielen”. Für wenige Augenblicke tritt einer der Tanzenden ins Scheinwerferlicht, nur um sich dann wieder in die Masse einzufügen.

Besonders hervor stechen Julien Favreau als Freddie Mercury und Oscar Chacón als Jorge Donn. Béjart kreierte “Ballet for Life” nachdem ihm aufgefallen war, dass der Sänger und einer seiner besten Tänzer im gleichen Alter der gleichen Krankheit erlegen waren. Laut eigener Aussage wollte er jedoch kein trauriges Stück über AIDS machen. “Es ist ein Ballett über die Jugend und die Hoffnung“ beschrieb er sein Werk.

Favreau hat sich Mercurys typische Gesten angeeignet. Wer auch immer die Band je live erlebt hat oder auch nur Videos von live-Auftritten kennt, erkennt die charakteristischen Bewegungen des Sängers gleich wieder, auch wenn diese im Tanz stilisiert daherkommen.

Auch Chacón zeigt eine unglaublich starke Bühnenpräsenz, wechselt mühelos zwischen Grazie und Härte und erhält für sein exzellentes Solo zu Mozarts „Maurerischer Trauermusik“ wohlverdienten Szenenapplaus.

“Ballet for Life” lebt davon, dass die Tänzer nicht nur Tänzer sind. Jede Figur hat ihren eigenen Charakter, der schauspielerisch interpretiert wird. So bleiben trotz der Masse an Tänzern und der klaren Vorrangstellung der beiden Protagonisten viele individuelle Gesichter in Erinnerung. Niemals ist das Kollektiv nur Kollektiv, immer erkennt man nicht nur das Gesamtbild sondern auch die dazugehörigen Puzzleteile.

Alle Szenen werden zu Queen Songs oder Mozart-Stücken getanzt. Klassisches Ballet getanzt zu Musik von Queen? Funktioniert das? Es funktioniert sogar hervorragend, was dem Zuschauer spätestens nach Brian Mays Gitarrensolo aus “Brighton Rock” klar wird. Die Mozart-Einwürfe sind mit einer Ausnahme Instrumentalstücke und genau diese Ausnahme, das “Addio” aus Cosi Fan Tutte, fügt sich nicht so recht in das Gesamtbild ein, auch wenn es thematisch passt. Die vier Sänger in Abendgarderobe die die Lippen zum eingespielten Gesang bewegen wirken fast ein wenig lächerlich.

Diese Szene bleibt das einzige Fragezeichen an einem Abend voller Ausrufezeichen. Ob die Szene am See, der Tanz in der Pathologie oder der Engel auf Plateauschuhen: Alles fügt sich zu einem abstrakten Gemälde aus Tanz, Form und Musik.

“Ballet for Life” hat keine eigentliche Handlung. Es gibt immer wieder kurze Szenen zu entdecken, doch hier werde keine Biografien vertanzt sondern Gefühle und Ideen miteinander verwoben. Gil Roman beschreibt es als “großen Videoclip” und genau diese Ästhetik macht das Ballett zu einem spannenden Erlebnis.

Zu dem Gesamtkunstwerk gehören nicht nur die Choreographie sondern auch das Bühnenbild, das Licht (Clément Cayrol, Dominique Roman) und die Kostüme.

Während “Radio Ga Ga” tanzen gleich 15 Ensemblemitglieder angeleitet von “Freddie” Favreau in einem maximal neun Quadratmeter großen Kasten. Gleichzeitig bewegt sich rechts davon ein einzelner Tänzer in kraftvollen Pirouetten und Battements über die Bühne.

In Chacóns Solo-Szene zur Maurerischen Trauermusik werden schließlich riesige Röntgenbilder von der Decke heruntergelassen.

Die hauptsächlich in schwarz-weiß gehaltenen Kostüme von Gianni Versace erinnern in ihrer Schlichtheit an Sportbekleidung. Farben werden nur spärlich als Akzente eingesetzt. Die Kostüme spiegeln das in der Choreographie verwurzelte Verhältnis zwischen Kollektiv und Individuum wider. So werden häufig dieselben Schnitte eingesetzt, dann jedoch die Uniformität durch einzelne farbliche Veränderungen aufgebrochen.

Es gibt einige gesprochene Einwürfe im Stück, vorgetragen von den Tänzern. Einige Satzfetzen wurden auf Deutsch übersetzt, das Meiste wird jedoch auf Englisch dargeboten. Weswegen ausgerechnet das zentrale Leitmotiv “Ihr habt uns gesagt: Macht Liebe, keinen Krieg. Wir haben Liebe gemacht, weshalb führt die Liebe dann Krieg gegen uns” und der Passage um “S. I. D. A.” (AIDS) im französischen Original belassen wurden, das im wenig frankophilen Deutschland weit weniger Menschen verstehen als Englisch, bleibt ein Rätsel.

Alles in allem bietet “Ballet for Life” einen spannenden und ungewöhnlichen Tanzabend mit hervorragenden Tänzern. Das Stück ist eine gelungene Collage aus Rockmusik und klassichem Ballett, die obwohl ihr ein klarer Spannungsbogen und eine klar strukturierte Handlung fehlt, niemals langweilig oder unverständlich wird.

Text: Julia Weber

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