Ambitioniert – „Christzilla“ in Berlin-Neu-Buckow

Seit 16 Jahren existiert das Ensemble Estragon. Die bunt gemischte, engagierte Truppe, die 1999 aus einem Kirchenchor hervorging, bringt immer wieder neue Musicalstoffe auf die Bühne in der Evangelischen Gemeinde Berlin-Neu-Buckow. Das neuste Projekt heißt „Christzilla“, ist überraschend kirchenkritisch und wartet mit schmissigen Songs und guten Ideen auf.

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Foto: Ensemble Estragon

30 Jahre ist es her, seit Monsignore Camerlengo ohne die Zustimmung der Päpstin eine Konklave einberief um darüber abstimmen zu lassen, ob man es wagen solle, die DNA Christus aus dem Turiner Grabtuch zu extrahieren und mit deren Hilfe den Messias zu klonen. Nach einer heißen Debatte, ob dies „Gott spielen“ sei oder ob man den natürlichen Prozess („Er wird ohnehin zurückkommen“) nur beschleunige, entschied eine knappe Mehrheit sich für das Experiment. 36/35 Stimmen – bei 70 Stimmberechtigten?

Leider ging bei der Erschaffung des Jesus-Klons einiges daneben und so bricht 30 Jahre später eine Riesenechse aus dem Vatikan aus und beginnt damit, die Welt „aufzuräumen“, zerstört zunächst den Tempel und dann einen Konsumtempel in Rom. Ganze Viertel müssen evakuiert werden und auf dem Italienischen Nachrichtensender RAItube sieht man Heerscharen von Römern mit Eiern und Mehl beladen gen Norden fliehen.

Die Schweizer Garde bricht den Kampf gegen das Ungeheuer ab, die senilen Exorzisten fliehen kopflos vor „Christzilla“ und selbst die vatikanische Antiterroreinheit „ZULU“ muss sich geschlagen geben. Bruce Chetta, Chef der Schweizer Garde, und Jacques Cuzzi, der Anführer der ZULU Einheit machen sich auf die Suche nach der jungen Forscherin Getsemani, die vor 30 Jahren bei dem Klon-Versuch assistierte.

Dolores Getsemani lebt – inzwischen verheiratet mit Tierschützer und Bio-Ei-Fanatiker Pietro – mit ihren zwei Kindern und der verwirrten Schwiegermutter auf einem kleinen Weingut wo sie spezielle gegen Mehltau resistente Traubensorten entwickelt.

Geschickt werden Kirchen-Kritik, Ethik-Diskussion und Evangelium zu einer leichtfüßigen, manchmal nachdenklichen, manchmal urkomischen Geschichte verwoben. Lediglich gegen Ende des zweiten Aktes schwächelt das Stück ein wenig. Schauspielerisch wie stimmlich legt sich das junge Ensemble ordentlich ins Zeug. Besonders Monsignore Camerlengo (Michal Chlosta), Dolores (Marie –Kristin Ohms), Pietro (Sandro Kortler) und die Päpstin (Svenja Hecklau) schaffen es, ihre Rollen glaubhaft auszufüllen. Auch das Comic Relief Pärchen Bruce (Thomas Jäger) und Jacques (Mario Koslowski) sorgt für ordentlich Heiterkeit im Publikum.

Die Musik von Jens Seipolt wird live gespielt. Die Besetzung des kleinen Begleitorchesters ist klassisch. Hier hätte bei einigen Stücken ein wenig mehr Rock gutgetan. Insbesondere die mitreißenden Ensemble-Parts wie „Konklave“ und „Im Vatikanischen Archiv“ hätten den stärkeren Einsatz von Schlagzeug und E-Gitarre gut vertragen können. Diese Ensemble-Parts sind es dann auch, die besonders im Ohr bleiben, auch wenn die Tontechnik ab und an ihre Probleme mit der sehr niedrigen Decke der Bühne zu haben scheint, wodurch weiter hinten stehende Chormitglieder wesentlich schlechter zu verstehen sind als die an der Rampe positionierten.

Das Bühnenbild wird über weite Strecken so minimalistisch wie möglich gehalten, was bei den Platzverhältnissen auch kaum anders möglich ist. Nur ein Teil der Geschichte wird live auf der Bühne gespielt (Inszenierung: Ute Gebauer), während andere Teilinformationen über Video-Einspieler (Inszenierung: Stephan Walsh) vermittelt werden. Die Videos wurden mit Liebe zum Detail und teilweise unter tatkräftiger Mithilfe weiterer Gemeindemitglieder gedreht und fügen sich nahtlos in die Handlung ein. Besonders der „ZULU“ Einsatz im Konsumtempel „La Rinacente“ und das Videotagebuch des Professors V. sind hier als Highlights zu nennen.

Auf der Homepage des Musicals heißt es, der Besuch lohne sich für Kinder ab neun Jahren. Diese werden sicherlich ihren Spaß haben, Umfang und Tiefe der Geschichte werden sich allerdings wohl erst jungen Erwachsenen erschließen.

Alles in Allem ist dem Ensemble mit „Christzilla“ ein wirklich gutes, vergnügliches Musical gelungen. Die jungen Darsteller sind mit vollem Herzen bei der Sache, ein Enthusiasmus der aufs Publikum überschwappt und über mache stimmlichen Unsicherheiten hinwegsehen lässt.

Text: Julia Weber

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