Theater hinter den Kulissen – Der Weg zum perfekten Bühnenbild

Teil 1: Zu Besuch beim Bühnenservice Berlin – Die Werkstätten

In einem 25000 Quadratmeter großen Gebäude zwischen Berghain und Neuer Presse entstehen auf dem Gelände des alten Ostbahnhofs die Bühnenbilder für gleich vier der größten Schauspielhäuser Berlins sowie für das Maxim Gorki Theater. Ein Blick in die Montagehalle zeigt die metallenen Unterbauten für „Salome“, „La Traviata“, “Mord an Mozart” und „Jewgeni Onegin“. Weiter hinten sieht man zwei überdimensionierte Grammophon-Tische, Teile für das Bühnenbild von „My Fair Lady“, das in zwei Wochen in der Komischen Oper Premiere feiern wird.

Es ist ein trüber Sonntagmorgen doch beim Bühnenservice herrscht gute Stimmung. Bei grünem Tee in bunten Tassen sitzt die Chefetage zum Jour Fixe zusammen, um den aktuellen Stand der Produktionen zu besprechen.

Auf dem Tisch liegen die Tabellen, denen zu entnehmen ist, welche Stundenanzahl in welcher Abteilung für welches Haus eingeplant ist. Pro Produktion müssen 4000 bis 5000 Arbeitsstunden für ein Opern-Bühnenbild berechnet werden. Bei nur acht Angestellten in der Plastik-Abteilung im Vergleich zu 26 Tischlern bedeutet das ein hohes Maß an Planungsarbeit. Insgesamt beschäftigt der Bühnenservice 260 Mitarbeiter.

Eigentlich sollen sich die Häuser untereinander absprechen, damit die Premieren sich nicht ständig überschneiden, doch das klappt so gut wie nie.

Wir haben am Anfang der Spielzeit sehr geschwitzt”, erklärt Geschäftsleiter Rolf Suhl. “Wir bemühen uns, die Kapazitäten optimal auszunutzen und die Aufgaben so zu verteilen, dass wir alles in der Zeit schaffen.” Doch wenn es gleich drei Premieren klassischer Opern an den drei großen Häusern parallel gibt, bleibt dem Bühnenservice nur der Griff zum Telefon. Externe Freiberufler werden punktuell hinzugeholt oder Teile der Produktion ausgelagert.

Die Dekoration steht normalerweise zwei bis vier Wochen vor der Premiere. Während die Ausstattung für “My Fair Lady” noch den letzten Schliff bekommt, ist von den Kulissen für die gleichzeitig stattfindende “Aida” Premiere in der Deutschen Oper kaum noch etwas zu sehen.

Da wurde gestern schon einiges abgeholt“, erklärt Werkstattleiter Knuth Schneider. „Die Stellprobe ist auch schon bald.“ Auf den ersten Blick unterscheidet ihn nichts von den Angestellten in seinem Bereich. Er trägt Turnschuhe, Jeans, Karohemd, ein Maßband am Gürtel. Die Mitarbeiter kennt er samt und sonders mit Vornamen und wird von allen Seiten freundlich begrüßt.

Für gewöhnlich werden die Premieren in den Opernhäusern bereits zwei bis drei Jahre im Voraus geplant. Sobald Regisseur und Bühnenbildner für eine Produktion gefunden sind, wird die Bühnentechnik auch bald hinzugezogen. Anhand der Entwürfe des Bühnenbildners werden einfache Bauproben erstellt, um die Umsetzbarkeit einer Idee zu überprüfen und eventuell auf Probleme hinzuweisen. Zusätzlich ermöglicht diese frühe Zusammenarbeit dem Bühnenservice, die Verteilung der benötigten Arbeitsstunden auf die einzelnen Abteilungen besser abschätzen zu können.

In der Plastikabteilung wird gerade die tiefgezogene Kaminverkleidung aus „Jewgeni Onegin“ zusammengeklebt. „Heute bauen wir uns eine Form und können davon dann beliebig viele Kopien machen“, erklärt Schneider. „Damit könnten wir in die Großproduktion gehen“. Die Tiefzugmaschinen erleichtern ebenso wie die inzwischen routinemäßig verwendeten 3D- Entwürfe und Isometrien die Arbeit der Plastiker ungemein. Bevor es die Möglichkeit gab, Modelle durch Unterdruck abzuformen, wurde alles mit Pappmaché oder anderen Modelliermassen in stundenlanger Feinarbeit aufgebaut. Von Hand modelliert wird hin und wieder immer noch. Weiter hinten arbeitet gerade einer der Plastiker an einem menschlichen Torso.

Zwischen 70 und 75 Stücke im Jahr beliefert der Bühnenservice. Fünf bis sechs Bühnenbilder entstehen parallel. Das ist eine Herausforderung für die Mitarbeiter. Auch die Zusammenarbeit mit den Bühnenbildnern will gelernt sein, denn diese gehen – abhängig von ihrer Ausbildung und ihrer Erfahrung – sehr unterschiedlich an Arbeiten heran. Häufig werden daher zunächst Muster erstellt, die dem Bühnenbildner vorgelegt werden können, um sicherzustellen, dass dessen Vorstellungen richtig umgesetzt werden.

Auch Restaurationsarbeiten werden beim Bühnenservice durchgeführt. In der Deko-Abteilung liegt ein riesiges Stück Stoff auf dem Boden, auf dem einige Flicken angebracht worden sind. Was da gerade restauriert wird, weiß Schneider gar nicht. „Aber von der Deutschen Oper ist es nicht, dafür sieht es noch nicht schlimm genug aus“. Die Deutsche Oper hat viele Produktionen schon seit über 30 Jahren im Repertoire. Die Bühnenbilder leiden zwar kaum während der eigentlichen Spielzeit, doch das Auf- und Abbauen hinterlässt seine Spuren.

Im Nachbarraum warten die Grammophone fürs „My Fair Lady“ Bühnenbild auf ihren Anstrich. Die Trichter und Tische wirken riesig, wenn man davorsteht. Es ist kaum vorstellbar, dass das alles auf die Bühne der Komischen Oper passen soll.

Ich falle da auch jedes Mal wieder drauf rein“, lacht Schneider. „Das liegt an diesem Portal, was in der Komischen Oper die Bühne einrahmt. Dadurch wirkt die recht klein.“

Häufig komme es vor, dass er eines der Ausstattungsstücke, die er selber in der Halle gehabt hätte und von denen er die Maße genau kenne zum ersten Mal in der Oper sehe und dann enttäuscht sei, wie unscheinbar es wirke.

Die Anordnung der Abteilungen im Gebäude ist auf größtmögliche Effizienz angelegt. Die Anlieferung erfolgt vom linken Flügel, die Montagehallen und die großen Tore, durch die die Bühnenbilder abtransportiert werden können, sind rechts zu finden. Im Erdgeschoss sind Schlosserei und Tischlerei angesiedelt, während sich im ersten Stock Bühnnemalerei, Plastik und Dekoration befinden. Diese Anordnung ermöglicht einen reibungslosen Ablauf beim Bau der Bühnenbilder.

So unterschiedlich die Aufgabengebiete in den einzelnen Abteilungen sind, so unterschiedlich ist auch die Atmosphäre in den Arbeitsbereichen. Während in der Plastik- und Deko-Abteilung trotz der straffen Organisation ein Hauch von künstlerischer Freiheit und kreativem Chaos zu spüren ist, ist in Schlosserei und Tischlerei alles straff getaktet. Hier hat man das Gefühl, in einem Industriebetrieb zu stehen. Die Lautstärke in der Schlosserei macht ein normales Gespräch beinahe unmöglich. Es riecht nach Metall. Hinter Sichtabtrennungen wird geschweißt, fliegen Funken. In einem Metallschrank stehen Metallbohrer in Reih und Glied.

Die Tischlerei wirkt daneben schon beinahe ruhig und das trotz der stetig arbeitenden Fräsmaschine im Hintergrund. Der Holzgeruch ist allgegenwärtig. Hier werden nicht nur die finalen Bühnenbilder geschaffen sondern auch Modelle für zukünftige Produktionen gebaut. Vor einem solchen Modell unterhält sich gerade der Konstrukteur aus dem Deutschen Theater mit dem zuständigen Tischler. Beinahe alles wird aus großen Dreischichtplatten gefertigt, eine noch relativ neue Technik, die eine Menge Zeitersparnis gebracht hat.

Früher mussten wir das alles mit Nut- und Feder-Brettern bauen. Das hat ewig gedauert“, sagt Schneider.

Aus der Tischlerei führt der Weg zurück in die Montagehalle, in die wir schon zu Anfang einen Blick erhaschen konnten. Die Vorgaben für die Bühnenbilder sind streng. Nicht nur müssen sie sich aus Transportgründen in Einzelteile zerlegen lassen, es muss auch auf jedem Teil angegeben sein, wie viel dieses wiegt, damit die Monteure in den Häusern sich darauf einstellen können. Auch die Brandschutz-Vorschriften sind sehr streng. Häufig lassen sich Vorstellungen der Bühnenbildner durch diese Einschränkungen nur unvollständig umsetzen.

Wenn jemand drauf besteht, einen Echtholz-Boden oder eine Echtholz-Wandverkleidung zu haben, dann muss er halt damit leben, dass es keine Pyrotechnik gibt“, sagt Schneider schulterzuckend. „Sicherheit geht vor.“

Text: Julia Weber

1) Premierentermine:

  • Aida – Deutsche Oper – 22.11.015
  • My Fair Lady – Komische Oper – 22.11.2015
  • La Traviata – Staatsoper im Schiller Theater – 19.12.2015
  • Salome – Deutsche Oper – 24.01.2016
  • Mord an Mozart – Staatsoper im Schiller Theater – 28.01.2016
  • Evgeni Onegin – Komische Oper – 31.01.2015
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