Zum Mitlachen und Mitdenken: „Einer flog über das Kuckucksnest“ im Schlossparktheater

Es ist Nacht in der psychiatrischen Anstalt. Dem Zuschauer präsentiert sich ein Zimmer mit – ausgenommen einige Schmierereien und mehrere Tintenklecks-Bilder – weißen Wänden. Hinten sieht man das Schwesternzimmer auf dessen Regalen sich allerlei Pillenbehälter aneinander reihen. Eine Bluesgitarre erklingt und Insasse Häuptling Bromden hält wie so oft Zwiegespräch mit seinem toten Vater. Dies ist der atmosphärische Auftakt zu Michael Bogdanovs Inszenierung von Dale Wassermanns Stück „Einer flog übers Kuckucksnest“ im Schlosspark Theater. Nach „Amadeus“ ist dies das zweite durch einen Film von Miloš Forman zu Weltruhm gelangte Theaterstück, das hier auf die Bühne gebracht wird.

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Foto: DERDEHMEL/Urbschat

Auch für Jörg Schüttauf ist es nach „Misery“ der zweite Einsatz im Schlosspark Theater. Als rüpeliger, glücksspielender Randle McMurphy mischt er die bisher ruhige Psychiatrie ordentlich auf, legt sich mit Schwester Ratched an und sorgt für jede Menge Trubel, bevor er nach einer wilden Party dem gnadenlosen amerikanischen Gesundheitssystem zum Opfer fällt und durch eine Lobotomie zum Schweigen gebracht wird.

Schüttauf spielt begeisternd und mitreißend, macht McMurphy menschlich und sympathisch. Hier entwickelt sich die Freundschaft zu Bromden in ruhigen Momenten, dort stolziert McMurphy laut singend im Handtuch über die Bühne. Schüttaufs voller Körper- und Stimmeinsatz wird belohnt. Immer wieder gibt es kurzen Szenenapplaus oder amüsierte Lacher aus dem Publikum.

Erzfeindin Ratched wird von Franziska Troeger verkörpert. Herrlich boshaft treibt sie mit ihrem mitfühlenden Ton ihre Schäfchen in die Enge. Ihr Regiment weitet die resolute Dame jedoch auch auf die ihr untergebenen Angestellten (Lisa Borsig, Stefan Kleinert und Till Priebe) sowie auf den eigentlich weisungsbefugten Arzt Dr. Spivey – herrlich verwirrt gespielt von Achim Wolff – aus.

Peter Theiss ist die ideale Besetzung für den „großen Häuptling“. Sein gesamter Habitus  und die raue Stimme geben seiner Figur die nötige Tiefe.

Doch nicht nur diese beiden gewinnt das Publikum lieb. Mit Marc Laade als Billy Bibbit, Martin Gelzer als Scanlon, David A. Hamade als Cheswick und Marlon Putzke als Ruckley spielt hier ein absolut brilliantes Ensemble. Jeder gibt in seiner Rolle alles, gibt den Insassen ein Gesicht, macht sie lebendig und jeden auf seine Weise liebenswert. Sei es der kleine Martini (Santiago Ziesmer), der an Halluzinationen leidet, Billy mit dem Mutter-Komplex oder Dale Harding (Oliver Nitsche), der verklemmte „Vorsitzende des Patientenrates“, dessen Komplexe es ihm unmöglich zu machen „da draußen“ zu bestehen.

Immer wieder wird mit dem Kontrast zwischen Außenwelt und dem Mikrokosmos der Station gespielt. Die teilweise verrückten und vollkommen sinnlosen Stationsregeln werden von McMurphy immer wieder infrage gestellt. Kostümbildnerin Birgit Voss verstärkt diesen Kontrast. McMurphy tritt auch während seiner Zeit in der Anstalt stets in Straßenkleidung auf. Auch die Kleidung der zur Party eingeladenen Damen Candy (Anne Rathsfeld) und Sandra (Debora Weigert) ist schrill, bunt und im reinweißen Anstaltsraum so fremd und unpassend wie es nur irgend möglich scheint.

Als Ken Kesey den Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ 1962 veröffentlichte, auf dem Theaterstück wie Film beruhen, wollte er mit diesem Kritik an einer Gesellschaft üben, in der das Individuum nur die Wahl hat, sich dem System unterzuordnen oder bestraft zu werden: Eine Weltsicht, die auch heute im Stück noch spürbar wird und durchaus ein Gedanke, der nichts an Aktualität verloren hat.

Insgesamt gelingt es der Inszenierung ein ebenso stimmiges wie stimmungsvolles Bild zu zeichnen. „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist rundum gelungene Unterhaltung zum Mitlachen, Mitfiebern und sicherlich auch ein wenig zum Mitdenken.

Text: Julia Weber

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