Experimentell – „Confessions – Oper im Dunklen“ im LOFFT Theater Leipzig

Der Mensch ist ein Augentier. Der visuelle Reiz wird allen anderen Sinnen vorgezogen. Im LOFFT Theater Leipzig gastierte für zwei Tage die Litauische Produktion „Confessions – Oper im Dunkeln“. Die Idee: Das Publikum erlebt ein Musikstück für alle Sinne – außer den Sehsinn.

confessions

Foto: Martynas Alexa

Viel wird im Vorhinein nicht verraten. Das Kreativteam (Komposition: Jens Hedman, Ruta Vitkauskaite; Gesang: Åsa Nordgren) führt in der „räumlichen Oper im Dunkeln“ – so die Beschreibung auf der Homepage des LOFFT – in einem siebenteiligen Stück durch die sieben Todsünden.

Die „Zuschauer“ betreten einen dunklen Raum. Drei Reihen Stühle gruppieren sich wie Tortenstücke um einen zentralen, auf einem Podest befindlichen rosa „Thron“. Wer auf diesem Platz nehmen will, muss online auf der Seite der Produktion ein Geständnis ablegen und einen Vertrag unterschreiben und erlebt einen noch spezielleren Abend als der Rest der Gäste.

Speziell ist dieser Abend tatsächlich. Vor Beginn der Vorstellung werden die zur Verfügung gestellten Masken angelegt, der visuelle Reiz also künstlich lahm gelegt.

Was dann folgt ist spannend und manchmal etwas gewöhnungsbedürftig. „Confessions“ erwartet vom Zuhörer, offen zu sein für Klänge und Klangbilder abseits der bekannten Pfade. Wer des öfteren mit Neuer Musik zu tun hat und die „Fremdheit“ nicht als störend wahrnimmt, dem wird einiges geboten. Menschliche Sprech- und Singstimmen, einzelne Instrumente und Geräusche verweben sich zu einem dichten Klangteppich, der anschwillt, aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen scheint und sich dann wieder in Wellen durch den Raum bewegt.

Dieses räumliche Hören ist zentraler Bestandteil der Performance. Bilder entstehen vor dem inneren Auge – und werden im Laufe des Stückes unterstützt von anderen Sinneseindrücken. So trifft einige der Zuhörer beim Klang des Meeresrauschens plötzlich tatsächlich die spritzende Gischt und im „Völlerei“ Part stinkt es im gesamten Raum plötzlich bestialisch nach Fisch. Für wen Monty Pythons „Der Sinn des Lebens“ an diesem Punkt schon schwer zu ertragen war, sollte wohl einen Bogen um „Confessions“ machen.

Hin und wieder kann der Abend – trotz des „ausgeschalteten“ Sehsinns – zur Reizüberflutung führen. Der Mensch verlässt sich im Alltag so stark auf seinen Sehsinn, dass das Wegfallen desselben automatisch zu Unsicherheit und damit zu einer erhöhten Alarmbereitschaft und Verletzlichkeit führt. Wenn plötzlich fremde Finger den Nacken berühren oder jemand vernehmlich nur Zentimeter vom rechten Ohr entfernt schnarcht, kann dies leicht unangenehm werden.

Wer sich auf diese sehr ungewöhnliche Reise einlässt, erlebt eine Achterbahnfahrt durch die Welt der Sinne. Schönheit, Grusel und Ekel liegen hier nah beieinander. Interessant ist es sicherlich, für sich selbst zu erfahren, wie man bestimmte akustische und olfaktorische Reize ohne die Ablenkung durch das Visuelle wahrnimmt und verarbeitet.

Text: Julia Weber

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