Albern – „Sweeney Todd“ an der Oper Halle

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© Theater, Oper und Orchester GmbH Halle, Foto: Falk Wenzel

Die gruselige Geschichte um den Barbier Sweeney Todd feierte am 11. März in der Oper Halle Premiere. Das Publikum erlebt in dem Stück ein musikalisch und schauspielerisch hervorragendes Ensemble, das gegen eine sehr gewöhnungsbedürftige Inszenierung (Martin Mlotk) anspielt.

Im viktorianischen London kehrt ein zu Unrecht verurteilter Sträfling nach Ende seiner Gefängnisstrafe zurück. Sweeney Todd nennt sich der Mann, der einst unter dem Namen Benjamin Barker einen Frisörsalon betrieb. Er sinnt auf Rache an jenem Richter Turpin, dem er seine Verurteilung zu verdanken hatte, eine Sehnsucht, die sich noch verstärkt als er herausfindet, dass Turpin nicht nur Mitschuld am Tod seiner Frau trägt sondern auch Sweeneys und Lucys gemeinsame Tochter Joanna in seine Obhut genommen hat und gedenkt, das junge Mädchen zu heiraten.

„Sweeney Todd“ ist ein blutrünstiges Musical und nichts für schwache Nerven. Es geht um Rache, Vergeltung, menschliche Abgründe. Die Geschichte ist spätestens seit dem Hollywood Film mit Johnny Depp in der Hauptrolle auch in Deutschland bekannt, die Musik von Stephen Sondheim hat Ohrwurm-Potential.

Die Kostüme (Andy Besuch) in Halle sind eine extravagante Mischung aus der Mode des 19. Jahrhunderts und jener der 70er Jahre. So trägt Mrs. Lovett eine Acryl-Sporthose zum Vollbrustkorsett. Das Ensemble trägt hochgesteckte Perücken und Krinolinen-Röcke zum verschmierten Makeup. Das Bühnenbild kommt in Pastellfarben daher. Werbung für bekannte deutsche Einzelhandelsketten prangt an jeder Ecke. Im Springbrunnen steht eine Schaufensterpuppe mit blonden Locken. Alles wirkt ein bisschen wie das Set in einem „Barbie“-Film. Mrs. Lovetts Pastetenladen fällt hier aus dem Rahmen, mit altmodischer, brauner, kaputter Fassade ist er der Schandfleck am Marktplatz.

Musikalisch ist die Haller „Sweeney Todd“ Inszenierung gut gelungen. In wenigen Passagen erscheinen die Stimmen der Darsteller und auch der Chor etwas zu leise im Vergleich zum Orchester, worunter dann auch die Verständlichkeit des Textes leidet.  Hier liegt ein generelles Problem des Stücks: Die Schnelligkeit, mit der die Texte zum Teil schon im Original gesungen werden, macht es für die Darsteller zu einer echten Herausforderung bei der deutschen Übersetzung nicht die Hälfte der Silben zu verschlucken. Das gesamte Ensemble glänzt hier mit einer wirklich sauberen Artikulation, sodass kaum eine Zeile verloren geht. Lediglich die Architektur des Saales macht hier hin und wieder einen Strich durch die Rechnung, da es zu einem unfreiwilligen Echo-Effekt in den mittleren Reihen kommen kann.

Hat man als Regisseur die Verpflichtung, den Stoff ernst zu nehmen, den man interpretiert? Dies ist die große und allumfassende Frage, die sich bei „Sweeney Todd“ in Halle stellt. Am Ende des Tages ist das, was hier geboten wird eher Persiflage als ernst zu nehmende Interpretation. Liegt einem der Stoff und die Geschichte am Herzen und kennt man andere Interpretationen (sei es der Hollywood-Film oder auch die Magdeburger Inszenierung von 2013), wird man als Zuschauer enttäuscht sein. Natürlich sind die Figuren als Karikaturen angelegt. Pirelli ist zum Beispiel ein Clown, wie er im Buche steht und wird auch stets als solcher dargestellt. Mlotk geht mit seiner Inszenierung jedoch weiter.

Mrs. Lovett ist hier nicht einfach nur Hals über Kopf verliebt in Sweeney Todd, sondern stelzt dauergeil und dauer-high (oder dauer-betrunken?) über die Bühne, giert zwischenzeitig nicht nur Richter Turpin und Anthony, sondern auch den Jungen Tobias (Julius Dörner) an und ist durchweg unendlich unsympathisch, wird am Ende quasi zur Inkarnation des Bösen an sich und verliert jegliche Menschlichkeit.

Richter Turpin (Tomas Möwes) ist ein tattriger, geiler Greis im rot-glänzenden, an Hugh Hefners Bademantel erinnernden Overall. Büttel Bamford (Stefan Stara) trägt unterm Trenchcoat ein Röckchen und schleimt sich nicht etwa nur bei seinem Chef ein, als er diesem zum Besuch beim Barbier rät, sondern wird regelrecht aufdringlich.

Über all diese seltsamen Auslegungen der bekannten Figuren könnte man fast noch hinwegsehen, wären da nicht Anthony und Johanna. Eigentlich kennt man die beiden als niedliches Liebespaar, für das man während des gesamten Stücks auf ein Happy End hofft. Halle versagt dem Zuschauer diesen Lichtblick im Dunkel. Johanna ist eine oberflächliche Barbie, die vor ihrem ersten Lied erst mal besoffen in den Dorfteich kotzt. Anthony ist ein selbstverliebter, arroganter Schnösel, der sich während „Johanna“ an einer Laterne räkelt, ständig in Schlagermanier durch die Gegend springt und sein Rüschenhemd aufreißt, um allen zu zeigen, was er doch für ein toller Hecht ist. Was er für Johanna empfindet ist offensichtlich – und hat mit Liebe im romantischen Sinne eigentlich nichts zu tun: Immer wieder verkündet er stolz „Anthony!“ wenn er mal wieder etwas Heroisches getan hat.  Johanna ist für ihn nur Mittel zum Zweck seine eigene Arroganz zu befriedigen. Insgesamt wirkt das alles albern und überzogen.

Dass durch die Figur der Bettlerin (Dagmar Gelbke), die als Flaschen-sammelnde Pennerin auch schon mal bei Mrs. Lovett an die Hauswand pinkelt, ein gesellschaftskritischer Unterton eingeschlagen werden soll, passt nicht wirklich zu diesem Grundkonzept. Ebenso wenig sinnvoll ist der „Vorspann“ des Stückes bei dem die Figuren in Stichpunkten vorgestellt werden und in dem der mit-wichtigste Plot-Twist leider schon verraten wird.

Die einzige Figur, deren Interpretation ansatzweise traditionell daherkommt ist Sweeney Todd (Gerd Vogel) selbst. Als abgehalfterter Alice Cooper Verschnitt mit langem schwarzem Haar und schwarzem Lidstrich sinnt der Mann auf Rache an Richter Turpin, weil dieser ihm Frau und Kind genommen hat. Gerd Vogel spielt mit großer Intensität. Gesanglich wirkt seine Intonation in den Tiefen anfangs etwas gequält, was im Lauf des Stücks jedoch immer weniger auffällt.

Mrs Lovett, Katharina Schutza, liefert sowohl schauspielerisch als auch gesanglich eine wirklich hervorragende Leistung ab. Stimmlich ist sie mit Martin Gerke (Anthony) zusammen das Highlight des Abends. Andromahl Raptis als Johanna übertreibt es stellenweise mit dem Vibrato, brilliert jedoch durch ihre in den Höhenlagen immer noch glasklare Stimme.

Insgesamt spielt hier ein wirklich hochkarätiges Ensemble gegen eine lausige Inszenierung an, deren bester Moment der am Ende des zweiten Aktes über den Tänzern einsetzende Blutregen ist. Musikalisch lässt „Sweeney Todd“ in Halle nichts zu wünschen übrig, die Interpretation des Stücks ist allerdings sicherlich nicht jedermanns Sache.

Text: Julia Weber

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