Mitreißend – „Carmen“ in der Oper Leipzig

Nach „Don Pasquale“ und „La Centerola“ bringt Lindy Hume nun die Neuinszenierung von Georges Bizets „Carmen“ auf die Bühne der Oper Leipzig. Dabei wird aus der Hauptfigur eine selbstbewusste, emanzipierte Frau in einer Zeit, da von Emanzipation noch nicht die Rede sein konnte.

Oper Leipzig am 20.11.2018 HP1 "Carmen"

Foto: Tom Schulze

Das Bühnenbild (Bühne und Kostüm: Dan Potra) ist aufs Notwendigste beschränkt, bewegliche Mauern-Elemente entführen den Zuschauer auf den Platz vor der Stierkampf-Arena, in die Gassen von Sevilla, die zwielichtige Kaschemme von Lillas Pastia (Jean-Baptiste Mouret) und in die Schlucht. Metallene Treppenaufgänge und das geschickte Spiel mit Licht und Schatten runden das Bild ab (Lichtdesign: Matthew Marshall). In diesem Sevilla gibt es keine Blumen und keinen Schnickschnack. Hier herrscht kalte Realität.

Die Zeitlosigkeit des Bühnenbilds steht im Kontrast zur Wahl der historisch anmutenden Kostüme, die das Stück am ehesten Anfang des 20ten Jahrhunderts verorten lassen. Bowler-Hüte und Hosenträger sind die vorherrschenden Kleidungsstücke der Bürger von Sevilla.

Als Bizet an seiner vierten und letzten Oper „Carmen“ schrieb, hatte er eigentlich vor, dieses Werk gänzlich ohne Arien zu komponieren. Erst auf Drängen von außen fügte er diese nach und nach in sein Stück ein. Unvorstellbar heute, dass gerade die bekanntesten Melodien in der Rohfassung gar nicht vorkamen.

Carmens erster Auftritt an der Zigarrettenfabrik mit der „Habanera“ ist einer dieser nachträglich eingefügten Momente, an denen Bizet mit perfektionistischer Besessenheit feilte. Bereits in dieser Arie kann Wallis Giunta ihr ganzes Können zeigen. Die kanadische Mezzosopranistin spielt Carmen mit vollem Körpereinsatz und stimmlicher Brillianz. Ihre Ausstrahlung auf der Bühne zieht von der ersten Minute das Publikum in ihren Bann.

Umso bemerkenswerter ist es, dass Leonardo Caimi als Don José in keiner der Duettszenen der beiden ungleichen Charaktere blass wirkt oder untergeht. Sein Tenor fügt sich mit Giuntas Stimme zu einem wahren Hörgenuss zusammen.

Im krassen Gegensatz zur lauten, aufreizenden, faszinierenden Carmen steht Micaëla, gespielt von Olena Tokar, die als niedliches Mauerblümchen im Blumenkleid doch in keiner Sekunde an Präsenz verliert und insbesondere mit ihrer Arie „Je dis que rien ne m’épouvante“ im dritten Akt zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Torero Escamillo (Gezim Myshketa) ist mit seinem Pelzmantel beinahe ebenso auffällig und seltsam wie die beiden Clown-artigen Schmuggler Dancaïro und Remendado (Jonathan Michie und Sven Hjörleiffson).

Regisseurin Lindy Hume beschreibt Escamillo und Carmen selbst als „Traumpaar der Oper“, allerdings ist die Chemie zwischen diesen beiden, die starke Anziehung, die gefühlte Seelenverwandtschaft für den Zuschauer kaum spürbar.  Auch stimmlich wirkt die Verbindung der beiden Sänger nicht halb so stark wie die zwischen Carmen und Don José. Warum sich Carmen für den Stierkämpfer entscheidet, bleibt weitestgehend unverständlich.

Der vierte Akt, das Aufeinandertreffen von Don José und Carmen vor der Stierkampfarena und das tragische Ende, sind als Kammerspiel inszeniert, als Spiegel-Szene zum Stierkampf hinter den hohen Mauern. Carmen imitiert dabei immer wieder die Bewegungen des Stiers, des unzähmbaren, wilden Tieres. Der einzige Moment der Angst in ihrem Austausch mit Don José ist, als sie dem Tod bereits in die Augen sieht. Ob das Kunstblut in einer sonst auf Effekthascherei verzichtenden Produktion wirklich nötig ist, ist wohl Geschmacksache.

Dank der hervorragenden Akustik im Opernhaus sind die Lautstärke von Gesang und Orchester (Musikalische Leitung: Matthias Foremny) stets ausgewogen. Die Texte sind so gut verständlich, dass man selbst in den Chorszenen keinen  Blick auf den Übertitel-Bildschirm werfen muss, sofern man der französischen Sprache mächtig ist.

Alles in Allem bietet die Neuinszenierung von Georges Bizets „Carmen“ an der Oper Leipzig eine Mischung aus hervorragenden Stimmen, großartiger Musik und exzellentem Schauspiel in einem düster-minimalistischen Setting.

Text: Julia Weber

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