Grenzüberschreitend – Ballett „Magnificat“ in der Oper Leipzig

Mario Schröders Ballett “Magnificat” an der Oper Leipzig verbindet das gleichnamige Werk von Johann Sebastian Bach mit Giovanni Battista Pergolesis “Stabat Mater” und Indischen Klängen von Komponist Indigo Masala: Ein gewagtes und gelungenes Experiment.

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Foto: Ida Zenna

Goldene Vorhänge umrahmen die Bühne. Tänzer in weißen langen Stoffhosen, weißen T-shirts und halbdurchsichtigen roten Jacken wirbeln über die Bühne. “Magnificat” erklingt der gewaltige Auftakt zu diesem Ballettabend vom Gewandhausorchester (musikalische Leitung: Felix Bender) und dem links und rechts des Orchestergrabens postierten Chor (Einstudierung: Thomas Eitler-de Lint).

Im Laufe des Abends wird der goldene Vorhang mehrmals fallen oder nach oben gezogen werden und den Blick auf die beweglichen Gerüst-artigen Bühnenelemente sowie das dem Zuschauerraum gegenüberliegende drehbare “Hamsterrad” freigeben (Bühne/Kostüm: Paul Zoller). Lichteffekte erschaffen in diesem Rahmen unterschiedliche Welten, vom goldenen Palast bis hin zur düster-traurigen Gruft (Licht: Michael Röger).

“Magnificat” erzählt keine zusammenhängende Geschichte, sondern verschmilzt kleine Szenen miteinander von denen manche für den Zuschauer deutlicher erkennbar und zugänglich sind als andere. So wird die Thematik der Zukunftsvision, der utopischen Traumvorstellung einer besseren Welt, die im Hier und Jetzt geschaffen werden soll und die im Text des “Magnificat” durchschimmert, ebenso auf die Bühne gebracht wie die Verzweiflung und Trauer des “Stabat Mater”. Die Idee: Aus Schmerz und Trauer kann Veränderung entstehen, wenn sie überwunden werden.

Während die Bibelstelle, auf der das Magnificat beruht, sich mit der anstehenden Geburt Jesu beschäftigt, basiert Pergolesis Stabat Mater auf einem mittelalterlichen Gedicht in dem Maria um ihren gekreuzigten Sohn trauert. Diese beiden gegensätzlichen Punkte, Geburt und Tod, verbindet bei diesem besonderen Ballettabend die Indische Musik, die schlichtweg das Leben beschreibt und feiert. So heißt es übersetzt in einem der Gesangstexte: “Meine Kinder tanzen im Blumengarten. Wie hübsch, das zu betrachten.” Dabei dreht sich stets das Rad im Hintergrund weiter, beginnt der Zyklus des Lebens immer und immer wieder von vorne, reihen sich Bruchstücke der drei Werke lückenlos aneinander.

Tatsächlich sind die indischen Passagen sowohl musikalisch als auch tänzerisch jene, die in diesem Reigen am stärksten beeindrucken. Die Kombination aus modernem Ballett und den für unsere westeuropäischen Ohren recht ungewohnten Klängen und Harmonien ist spannend zu erleben. Wenn Percussionist Ravi Srinivasan pfeifend mit einem tanzenden “Vogel” (Fang-Yi Liu) auf der Bühne interagiert, hat man gleich ein Lächeln auf den Lippen.

Tänzerisch ist “Magnificat” ein Kraftakt. Die Choreographie verlangt den jungen Tänzern des Leipziger Balletts einiges ab. Fernab des klassisch-aufrechten Habitus winden sich hier die Körper, scheinen Gliedmaßen sich autonom vom Torso zu verdrehen.

Das Ensemble agiert als Einheit, aus der selten jemand besonders hervorsticht. Zwar gibt es Abschnitte, die als Pas de Deux getanzt werden – so etwa die “Kampfszene” zwischen Lou Thabart und Luke Francis – doch der Augenmerk des Zuschauers bleibt nie lange auf einer Figur. Absichtlich haben Choreograph Mario Schröder und Dramaturg Thilo Reinhardt auf klar erkennbare Rollen im Stück verzichtet, eine Entscheidung, die “Magnificat” zwar zu einem bildgewaltigen Opus macht, die emotionale Verbindung des Publikums zum Stoff jedoch erschwert. Eine Identifikation des Einzelnen mit den dargestellten Situationen wäre durch fixe Figuren sicherlich einfacher.

Alles in Allem ist “Magnificat” ein spannender, gelungener Ballettabend.

Text: Julia Weber

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