Märchenhafter Traum in Pastell: Ballett “Dornröschen” in der Deutschen Oper

14.02.2014

Nacho Duatos vorsichtige Neuinszenierung des Ballet-Klassikers “Dornröschen” von Peter I. Tchaikowsky feierte am Freitag Premiere in der Deutschen Oper. Das Publikum erwarten märchenhafte Bühnenbilder, opulente Kostüme und eine durchweg hervorragende tänzerische Darbietung.

“Der Stoff ist so poetisch, so lohnend für die Musik, dass ich von dem Ballett ganz gefesselt war” schrieb Tchaikovsky einst in einem Brief. “Dornröschen” war eine Auftragskomposition für den Direktor des Kaiserlichen Theaters in St Petersburg, die der Komponist in enger Zusammenarbeit mit dem Ballettmeister Marius Petipa anfertigte. Seither haben sich viele Choreographen des Stoffes angenommen, in Berlin zuletzt Vladimir Malakhov im Jahr 2005. Nun reiht sich auch Nacho Duato in den Reigen ein, dessen Choreographie ebenfalls im Auftrag eines St Petersburger Theaters entstand.

Duato übernahm die Originalchoreographie Pepitas, nahm jedoch kleine Änderungen vor, um sie dem Tänzerpersönlichkeiten der Compagnie in St. Petersburg anzupassen. Auch für die Adaption mit dem Staatsballett wurde an Ausdruck und Details gefeilt, um den Figuren einen individuellen auf ihre Darsteller abgestimnmten Charakter zu geben. Deutlich wird dies beispielsweise gleich während des Prologs beim Pas de Six, dem ersten Auftritt der Feen. Jede der Zauberinnen hat ihre ganz eigene Ausstrahlung und Präsenz. Eine tanzt mit ruhiger Sanftmut, die andere mit überschwänglicher Energie. Die Fliederfee (Sarah Mestrovic) schließlich wirkt regelrecht majestätisch.

Iana Salenko überzeugt als junge Aurora mit graziler Anmut. Obwohl sie klein und zierlich ist, dominiert sie doch die Bühne mit Leichtigkeit. Das Zusammenspiel mit dem sprung- und ausdrucksstarken Leonid Sarafanov (Prinz Desiré) stimmt ebenfalls, auch wenn zwischen den beiden leider keine Chemie spürbar wird. Eine der vermutlich stärksten Szenen des Abends ist der gemeinsame Auftritt von Fliederfee, Prinz Desiré und Aurora im zweiten Akt. Das Trio harmoniert hier hervorragend und die Übergänge zwischen den einzelnen Parts sind fließend.

Unterstützt wird das Staatsballett vom Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Robert Reimer, das Tchaikovskys Musik mit viel Leidenschaft und einer dynamischen Bandbreite spielt, die nur mit einem großen Orchester überhaupt zu erreichen möglich ist. Im dritten Akt hat man an wenigen Stellen das Gefühl, dass Teile der Bühnenkonstruktion bei den tiefsten Tubaklängen mitschwingen. Ansonsten malt das Orchester einen Klangteppich der sich ohne Fug und Naht in das Gesamtbild einfügt.

Das ganze Stück wirkt ein wenig, als sei man in einen Zeittunnel geraten. Die Ausstattung von “Dornröschen” ist opulent und detailverliebt. Das Bühnenbild und die Kostüme von Angelina Atlagic sind in Pastelltönen gehalten. Die Tänzer bewegen sich durch eine Traumwelt, die ein wenig an Bilder von Thomas Kinkade erinnert. Die Grenze zum Kitsch wird mehr als einmal überschritten. Doch bei einem märchenhaften Stoff wie es „Dornröschen“ stören weder die mondbeschienene Seenlandschaft und das Schwanenboot im zweiten Akt noch die goldene Pforte in den Himmel – oder direkt auf Wolke Sieben? – durch die Aurora und Desiré nach ihrer Hochzeit im dritten Akt das Schloss verlassen, das Gesamtvergnügen der klassischen Inszenierung.

Der im Original vorhandenen pantomimischen Szenen im Stück entledigte sich Duato – bis auf wenige Ausnahmen – gleich ganz. Die Geschichte wird ganz allein durch Tanz erzählt. Die Musik wurde leicht gekürzt, die Handlung auf den Hauptstrang beschränkt.

Wer sich mit den historischen Modeerscheinungen auskennt, wird bemerken, dass die Kostüme im ersten Akt an die Mode Ende des 18ten Jahrhunderts angelehnt sind, die Herren in Justaucorps und Dreispitz und die Damen im eng geschnürten Korsett auftreten, während die Kostüme im zweiten Akt eher viktorianisch anmuten. Hier wird geschickt der Zeitsprung sichtbar gemacht, der zwischen Auroras Stich mit der Spindel und dem Auftauchen Prinz Désirés hundert Jahre später liegt.

Carabosse, die böse Fee (kraftvoll, Rishat Yulbarisov), bringt ein wenig Moderne in die beschauliche Schönheit. Das schwarze Kleid, das sie trägt, bildet einen harten Kontrast zu den sonst vorherrschenden Pastellfarben. Carabosses Dienerschaft bewegt sich katzenartig mit Elementen aus Akrobatik, Jazz und Modern Dance auf der Bühne und schafft einen weiteren Kontrapunkt in der ansonsten rein klassischen Ballettchoreographie.

Alles in allem ist Duatos „Dornröschen“ Inszenierung sicher keine Überraschung. Das historische Flair und die hervorragende tänzerische Leistung aller Beteiligten eignen sich jedoch bestens zu einem Ausflug in eine märchenhafte Traumwelt, aus der man nur ungern in den grauen Alltag zurückkehrt.

Text: Julia Weber

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