Bild- und Stimmgewaltig – „Les Contes d’Hoffmann“ in der Komischen Oper

Foto: Monika Rittershaus

Barrie Koskys Neuinszenierung des letzten, unvollendeten Werkes von Jacques Offenbach, ist keine leichte Muße, doch das Stück begeistert durch große Stimmen, starke Bilder und ein hervorragend spielendes Ensemble.

Ein verwirrter Mann sitzt in einem erleuchteten Flaschenmeer und brabbelt vor sich hin, von Mozart’s Don Giovanni, von der Musik und immer wieder von Stella, der Darstellerin der Donna Anna.

In Barrie Koskys Neuinszenierung von „Les Contes d’Hoffmann“ gibt es gleich drei Hoffmann-Darsteller. Zunächst ist das die Sprechrolle Hoffmann (Uwe Schönbeck), die durch die Handlung führt, sich erinnernd an oder fantasierend von Begegnungen mit drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. An seine Seite treten zwei Alter Egos, im ersten Akt Hoffmann II (Dominik Köninger), im zweiten Akt Hoffmann III (Edgaras Montvidas). Ebenso stets an seiner Seite: Die Muse (Karolina Gumos), die ihn verfolgt und stets zu schützen versucht, die er jedoch ein ums andere Mal wegstößt.

Das Stück beeindruckt vor allem durch starke, wenn auch oft abstrakte Bilder (Bühnenbild und Kostüm: Katrin Lea Tag). Dabei geht es eher minimalistisch zu. Der Hintergrund ist schwarz. Ein schwarzes bewegliches Quadrat bewegt sich scheinbar schwebend im Raum. Requisiten beschränken sich auf das Nötigste. Farben werden als Akzente in den Kostümen – wie etwa beim gelben Barock-Ensemble der Muse im ersten Akt – in einer eher farblos schwarz-weißen Welt eingesetzt.

Die Sprechtexte, entlehnt aus E.T.A. Hoffmann’s “Don Juan” und anderen seiner Werke, werden auf Deutsch vorgetragen. Schönbecks Darstellung liegt dabei irgendwo zwischen Irrenhaus und Marcel Reich Ranicki. Die Gesangstexte hingegen wurden im Französischen belassen. Dadurch mag dem einen oder anderen Zuschauer ein Detail entgehen, doch auch wenn man der Sprache nicht mächtig ist und nicht ständig aus dem Augenwinkel den mitlaufenden deutschen Text an der Rückenlehne des Vordersitzes verfolgen möchte, begeistert “Les Contes d’Hoffmann” in jeder Minute.

Dies ist vor allem auf die grandiosen Stimmen der Darsteller zurückzuführen. Karolina Gumos starker Mezzosopran und Dominik Köningers warmer Bariton sind es, die in der ersten Hälfte besonders begeistern. Die Walzer-Sequenz am Ende des zweiten Aktes ist dann auch eines der Higlights der Vorstellung.

Nicole Chevalier, der die Aufgabe zufällt, gleich alle von Hoffmann’s Geliebten zu spielen, glänzt mit glockenreinem Sopran und niemals übertriebenem Vibrato. Ihre Darstellung der Olympia sorgt für mehr als einen Lacher im Publikum und als Kurtisane Giulietta sorgt sie im dritten Akt gemeinsam mit Edgaras Montvidas‘ Hoffmann III für ordentlich Bühnenerotik. Die Stimmen der beiden ergänzen sich perfekt und balancieren sich gegenseitig aus.

Als Figur des Bösewichts in all seinen möglichen Inkarnationen tritt Dimitry Ivanshchenko in Erscheinung. Sein dunkler Bass kontrastiert mit der helleren Stimme Hoffmanns. Auch schauspielerisch nimmt man ihm ohne weiteres sowohl den schmierigen Lindorf als auch dem gruseligen Augenverkäufer Coppelius problemlos ab.

Hoffmanns Trip durch die menschlichen Abgründe und Ängste ist manchmal erschütternd, manchmal belustigend und manchmal brutal, immer jedoch unterhaltsam – bis zur letzten Minute, in der Hoffmann I aus dem Sarg heraus im Duett mit der über ihn wachenden Muse das “La ci darem la mano” aus Mozarts Don Giovanni singt.

Text: Julia Weber

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