Düster und fantastisch: Dirty Granny Tales mit „Telion’s Garden“ im English Theatre

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Musikalisch irgendwo zwischen Metal, Folk und Progressive Rock angesiedelt erzählt die Gruppe Dirty Granny Tales mystische Geschichten, die an die Filme von Tim Burton und Guillermo del Toro erinnern. Die aktuelle Show „Telion’s Garden“ bezaubert, bedrückt und begeistert in gleichem Maße.

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Foto: Olivia Duta

Phaedon und seine Freundin Maria leben in einem Kriegsgebiet. In der Stunde der Not taucht eine seltsame Gestalt auf, die dem Jungen verspricht, ihn in ein Land des Friedens zu bringen, wenn er einen Vertrag unterschreibt. Was Phaedon nicht weiß: Der Vertrag schließt nur ihn ein, Maria muss er zurücklassen. Und Telions Garten ist nicht das Paradies, als das er zunächst erscheint.

Die Bühne ist bis auf die Instrumente und Sitzplätze der Musiker leer. Die aktuellen Spielplätze werden auf einer Leinwand im Hintergrund eingeblendet. Zwischen den Stücken wird dort auch der Fortgang der Geschichte als weiße Schrift auf schwarzem Grund dargestellt. Diese Zwischenstücke sind tatsächlich für das Verständnis unerlässlich, da die Texte der Lieder teilweise schwer verständlich sind.

Dirty Granny Tales unter der Leitung von Stavros Mitropoulos stammen aus Griechenland. Während der Show agieren sie nicht nur als Musiker sondern sind Teil der Geschichte. Als Telions Diener tragen sie fantastische Kostüme (Beatrice Baumann et. al.). Schwarzer Stoff, stachelige Haare, Schminke, die das Gesicht zur Maske werden lässt und Assoziationen zu Porzellanpuppen weckt: Die Darstellung geht bis ins Detail. Seien es die mechanischen Bewegungen des Bassisten (Thanos Mitropoulos) beim Spielen oder die speziellen Gangarten der Cellistin (Dalai Theofilopoulou) und des Schlagzeugers (Uli Muehe) stimmt alles. Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen und genau das gelingt der Gruppe an diesem Abend hervorragend. Im Bann dieser Geschichte wird zwischen den einzelnen Stücken auch nur selten geklatscht. Fast wirkt es, als hielte das Publikum den Atem an.

Unterstützt werden die vier Musiker von den Tänzerinnen Ruby Wilson und Giulia del Balzi, die Phaedon und sein Umfeld zum Leben erwecken. Riesige weiße Vögel, seltsame florale Wesen und die verdrängte Erinnerung an Maria sind Teile dieses Reigens. Das opulent-bunte Bildmaterial in den Projektionen macht die Illusion perfekt.

Musikalisch sind Dirty Granny Tales weit vom Mainstream entfernt. Wer sich jedoch auf die Mischung aus düsterem Symphonic Metal, Folk und Progressive Rock einlässt, den erwartet eine fantastische Reise. Die ausgeklügelten, vielschichtigen Arrangements der Songs ziehen den Zuhörer unweigerlich in ihren Bann. Die Melodieführung ist eingängig, der Rhythmus lädt zum Mitwippen ein. Alle Musiker beherrschen ihre Instrumente in Perfektion. Die gesangliche Leistung von Gitarrist Stavros Mitropoulos ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Er wechselt zwischen hoher Kopfstimme, tiefem Bariton und Growling, ohne auch nur ein einziges Mal zu straucheln. Die vom Rest der Truppe beigesteuerten Harmonien sorgen mehr als einmal für Gänsehaut.

„Telion’s Garden“ ist auf seine düster-fantastische Art eine spannende und ergreifende Show zwischen Traum und Albtraum: Ein lohnenswerter Abstecher in eine etwas seltsame Fantasiewelt.

 Text: Julia Weber

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Am 25. Januar 2015 wurde „MusiKultur Berlin“ ins Leben gerufen. Seitdem berichten wir hier über Musik, Theater, Tanz und Konzerte in und um Berlin. Die erste Rezension ging am 6. Februar – also exakt vor einem Jahr – online. Wir freuen uns, dass wir hier und auf unserer Facebookseite schon so viele positive Rückmeldungen von den Lesern bekommen haben.

Das neue Jahr wird hoffentlich wieder viele neue Einblicke bringen. Neben Rezensionen möchten wir auch weitere Interviews und Hintergrundberichte veröffentlichen. Zusätzlich werden ausgewählte Artikel in Zukunft auch in englischer Sprache abrufbar sein.

Nur wer sich umhört, kann besser werden. Darum fragen wir an dieser Stelle Sie als Leser: Was interessiert Sie besonders? Welche Themengebiete würden Sie gerne prominenter vertreten sehen? Worüber wollten Sie immer schon einmal mehr erfahren?

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Theater hinter den Kulissen – Der Weg zum perfekten Bühnenbild

Teil 3: Kerstin Laube im Interview

Kerstin Laube ist die Leitung des Studiengangs „Bühnenbild und Szenischer Raum“ an der Technischen Universität Berlin. Sie hat sich Ende letzten Jahres Zeit für ein Interview mit uns genommen und uns einen Blick in die Ateliers erlaubt.

Neben Bühnenbild/Szenischer Raum werden die Studenten auch in Regie, Schauspiel- und Musiktheatergeschichte sowie Kostümgeschichte unterrichtet. Hinzu kommen die Module “Raumtheorie” und “Kommunikation im Raum”. Darunter kann man sich jetzt als Laie nicht allzu viel vorstellen. Was steckt denn dahinter?

Raumtheorie ist das theoretische Pendant zum Kostüm- und Bühnenbild. Der Studiengang heißt ja “Bühnenbild und Szenischer Raum” wobei auch der Raum im weitesten Sinne betrachtet wird. Wir sind ja auch eng mit der Architektur verknüpft. Raumtheorie ist ein theoretischer Kurs, in dem Texte gelesen werden und, in dem wir uns mit Raumphänomenen beschäftigen und die Studierenden eng eingebunden werden, also auch einbringen können, was sie interessiert, was sie gerne machen möchten. Wir sprechen auch über die Philosophie des Raumes und fragen “was ist eigentlich Raum und was kann man damit machen?”. Dies geschieht auch anhand ganz konkreter Projekte. Eines dieser Projekte ist jetzt aktuell eine Ausstellungsgestaltung, bei der wir die Szenografie für “Zu Vermessen” in Potsdam machen. Da geht es unter anderem um die Geschichte des Textilhandwerks in Brandenburg .

Der Studiengang setzt einen Bachelor in einem verwandten Berufsfeld voraus: Beispielsweise in Architektur, Theaterwissenschaften oder Regie. Woher kommen die meisten Bewerber? Gibt es deutliche Umterschiede darin, wie Leute mit unterschiedlichen Vorkenntnissen an ein Thema herangehen?

Im Schnitt kommen 40 bis 50 Prozent der Studierenden aus der Architektur, andere kommen aus der Freien Kunst, dem Design (z.B.Produkt-oder Modedesign), der Kostümgestaltung oder haben im Ausland schon Bühnenbild studiert und wollen das hier in Berlin noch einmal vertiefen. Dann haben wir einige Theater- und Kulturwissenschaftler, die aber schon in ihrem Beruf am Theater gearbeitet haben und somit auch schon Praxiserfahrung mitbringen. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Architekten , Designern und Theoretikern, also den Kulturwissenschaftlern. Die Archtiekten wollen oft gleich etwas bauen und losbasteln , die Kulturwissenschaftler gehen stärker inhaltlich an diese Aufgaben heran. Das befruchtet sich aber gegenseitig sehr gut. Das Interdisziplinäre ist auch ein Merkmal des Studiengangs.

Ist es eine besondere Sorte Mensch, der diese Laufbahn einschlägt? Gibt es bestimmte Charakterzüge die immer wieder auftauchen?

Man braucht eine Affinität zur Kommunikation. Das hat sich stark verändert. Früher war man der Künstler im stillen Kämmerlein, heute ist das Arbeiten viel team-orientierter. Man sollte gern mit Menschen zu tun haben, da man ja auch viel mit Schauspielern, Musikern, anderen Künstlern zusammenarbeitet. Und man muss seinen eigenen Weg gehen wollen. Es gibt kein konkretes Konzept, wohin es nach dem Studiengang für die Absolventen geht. Wir versuchen unsere Studierenden zur Selbständigkeit zu erziehen. Man muss in der Lage sein, sich durchzusetzen und sollte nicht darauf hoffen, dass jemand kommt, der einem eine Anleitung gibt, wie es weitergeht. Da braucht man viele Kontakte, aber auch Glück, die richtigen Regisseure kennen zu lernen. Der Kampfgeist muss dann auch stark ausgeprägt sein, die Leidenschaft für den Beruf, denn zuweilem muss man Durststrecken durchhalten.

Das Bühnenbild-Studium an der TU ist mit 2000 Euro pro Semester ja nicht gerade billig. Führt das nicht zu einem elitären System?

Das denkt man. Es sind sehr viele Frauen hier. Von den letzten 18 Studenten hatten wir nur maximal vier Männer. Frauen nehmen sich mehr Zeit für ihre Ausbildung, während Männer oft lieber schneller Geld verdienen wollen. Elitär würd ich das nicht nennen. Wir haben einige Studentinnen aus Italien und Frankreich, die noch von den Eltern gefördert werden, weil sie sehr jung sind, andere haben Stipendien von der DAAD und bekommen ca 1000 Euro pro Monat. Im Vergleich zu dem, was man im Ausland und gerade in Amerika an Universitäten bezahlt, ist das auch gar nicht viel. Dafür bekommen die Studierenden hier eine wirklich erstklassige, intensive, praxisorientierte Betreuung. Die Materialkosten werden durch die Studiengebühren auch gedeckt. Außerdem haben die Studenten hier eigene Ateliers. Der Studiengang ist in erster Linie eine Weiterbildung und die meisten arbeiten parallel in Jobs. Die Freitage und die Semesterferien sind komplett frei, da gibt es genug Zeit, in Projekten zu arbeiten und dennoch nebenbei Geld zu verdienen.

Wo machen die Studierenden ihre Praktika?

Sie gehen natürlich hier an die Berliner Theater, also an die Schaubühne, die Volksbühne, das Deutsche Theater oder das Maxim Gorki Theater. Einige von denen, die stärker in Richtung Ausstellungsgestaltung tendieren, sind auch in Werbeagenturen tätig. Da gibt es ein bisschen mehr Geld. Ganz viele machen auch eigene Projekte z.B. in der Filmausstattung. Da werden wir von Babelsberg immer wieder angefragt. Das sind kleine Projekte, wo die Studenten dann auch nicht nur assistieren sondern gleich die ganze Ausstattung übernehmen.

Ich habe in einem Artikel Ihres Kollegen Hartmut Meyer gelesen, dass die Regieassistenz häufig nicht den Weg ins Berufsleben ebnet. Wie findet ein Alumnus seinen ersten richtigen Job?

Unser Konzept ist, dass die Studierenden schon während der Ausbildung die Kontakte knüpfen. Wir haben eine Kooperation mit der Berliner Musikochschule Hans Eisler für Opernregie. Zudem haben wir ausschließlich Dozenten aus der Praxis, die hier lehren. Da ergeben sich so viele Kontakte, dass die Hälfte der Studenten gleich nach dem Studium oder schon währenddessen einen Job finden. Auch gegen die Festassistenz habe ich nichts, da ja hier in Berlin sehr viel produziert wird. Man sollte das meiner Ansicht nach nur nicht viel länger als ein Jahr machen, denn sonst wird man vom Assistieren so verschlungen, dass die eigene Kreativität auf der Strecke bleibt.

Sie sind ursprünglich Architektin, haben unter anderem die Wista in Adlershof mitgestaltet. Viele Kollegen vereinen Architektur und Bühnenbild. Ist das eine das philistinische Stand- und das andere das künstlerische Spielbein?

Ich wusste eigentlich überhaupt nichts über den Beruf des Bühnenbildners. Ich komme aus Bensberg bei Köln. Das ist eine Kleinstadt, da gab es das nicht. Ich wollte immer etwas Künstlerisches machen aber meine Eltern haben mir damals davon abgeraten. Mein Vater war Bauingenieur und sagte mir “mach doch Architektur”. Ich habe dann auch ganz klassisch erst einmal Architektur studiert. Dann bin ich nach Berlin an die UdK gewechselt und hatte ein Schlüsselerlebnis, als ich als Studentin zum ersten Mal in der Volksbühne am Rosa_Luxemburg Platz saß. Die Karten kosteten damals fünf Mark. Ich habe mir jede Vorstellung angesehen und wusste “da” muss ich hin”. Eine Zeit lang habe ich noch parallel als Architektin gearbeitet, aber irgendwann hat es sich rauskristallisiert, dass Bühnenbild für mich das Richtige ist. Inzwischen ist es als Architekt genauso schwierig wie als Bühnenbildner, auch in der Architektur ist der Arbeitsmarkt hart umkämpft. Die meisten Studierenden, die hierher kommen, haben einen Bachelor in Architektur und während des Erststudiums bemerkt, dass sie lieber etwas Kreativeres machen wollen. Man profitiert als Bühnenbildner sehr stark von dieser Architektur-Grundausbildung. Man wird anders wahrgenommen, wenn man Entwürfe richtig aufzeichnen und technisch mitdenken kann.

Sie haben in diversen Produktionen in ganz Deutschland von Hamburg über Sachsen bis NRW mitgewirkt. Muss man sich auf ein Nomadenleben einstellen, wenn man Bühnenbild studiert?

Absolut. Das ist durchaus etwas, was man sich überlegen muss. Projekte gibt es überall und man reist meistens mit dem Regisseur mit. Es sei denn, man wird Ausstattungsleiter an einem Haus, aber das schafft man noch nicht, wenn man jung ist. In den ersten zehn Jahren ist man auf jeden Fall erst einmal Nomade. Am Anfang ist das ganz spannend aber irgendwann erreicht man den Punkt, wo man sagt “das kenn ich jetzt schon”. Ich finde es aber trotzdem immer noch eine Herausforderung, hin und wieder an ein neues Haus zu gehen, wenn es ein tolles Projekt ist und/oder die Projektpartner sehr interessant sind. .

Es gibt ja sogenannte Ehen, in denen Regisseure und Bühnenbildner über Jahre hinweg eng zusammenarbeiten. Meistens ist es aber so, daß ein Regisseur mehrere Bühnenbildner an der Hand hat und umgekehrt. Man ist also nicht permanent nur mit einem Partner zusammen sondern   arbeitet abwechselnd in verschiedenen teams. Es ist eine sehr enge Zusammenarbeit. Im Vorfeld gibt es ca ein Jahr Vorbereitungszeit, dann die Probenarbeit am Theater. Da muss man schon gut aufeinander eingespielt sein.

In der Deutschen Oper haben Sie zuletzt an “OHIO” mitgearbeitet. Stellt Musiktheater andere Ansprüche an einen Bühnenbildner als Sprechtheater?

“OHIO” war schon ein experimentelleres Format, weil es drei kleine zeitgenössische Musiktheterstücke an einem Abend waren. Es waren beinahe Schauspiellibretti und es wurde auch viel während der Proben entwickelt, was eher schauspieltypisch ist. Man hatte zwar ein Gesamtbühnenbild, das schon sehr lange im Vorhinein geplant war, aber andere Aspekte waren sehr nah am Schauspiel. Beim Musiktheater gibt es normalerweise mehr Ausstattungsetat als beim Schauspiel. Außerdem muss der Bühnenbildner früher konzeptioneller denken. Eine Oper ist näher an der Architektur, da gibt es einen Entwurf und der wird dann gebaut, während im Schauspiel vieles noch während der Entstehung verändert wird. Im Musiktheater gibt die Musik auch eine Struktur vor, an die man gebunden ist. Im Sprechtheater wird zuweilen noch spät viel umgestellt und gegen den Strich gebürstet. Das geht in dieser Form im Musiktheater eher nicht.

Das Interview führte: Julia Weber

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Anspruchsvoll: „Mord an Mozart – Eine relative Vernichtungstheorie“ in der Staatsoper im Schiller Theater

Salieri ermordet Mozart und rechtfertigt sein Handeln vor der Welt, Gott und sich selbst damit, dass der Mann Mozart seines eigenen Genies nicht würdig sei. Freud belehrt Einstein in einem Brief, dass Erotik und Aggression die zwei Haupttriebe des Menschen seien und somit Krieg völlig unvermeidlich. Der Großinquisitor von Sevilla klagt Christus an, das Gleichgewicht der Welt gestört zu haben, indem er den Menschen die Freiheit gab, mit der sie nichts anfangen können.

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Foto: Vincent Stefan

Drei Erzählstränge aus drei Epochen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich doch alle mit demselben Thema befassen: Warum greift der Mensch zu Gewalt?

In einem düster-spannenden Theaterabend verweben Annika Haller, Elisabet Stöppler, Max Renne und Jens Schroth die drei Geschichten mithilfe der Musik miteinander und so wird aus Fragmenten ein verständliches Ganzes: Bedrückend und faszinierend zugleich.

Die Bühne (Bühnenbild: Annika Haller) wirkt im ersten Moment ein wenig vollgestellt. Links ein offener Würfel, darin ein Konzertflügel, davor ein Bett. In der Mitte eine Rampe, die zum Zuschauerraum hin abfällt und auf der zu Beginn des Stückes Salieris Schreibtisch steht. Rechts eine kleine Zusatzbühne, ein Klavier, ein Gestell, an dem im Laufe des Abends immer wieder beschriftete Schiefertafeln aufgehängt werden. Hinter diesen Aufbauten wird zwischenzeitig ein Vorhang aufgezogen, der den Blick auf das Orchester freigibt.

Als Prolog fungiert Mozarts Variation über Salieris „Mio caro Adone“. Mozart (Stephan Rügamer) spielt selbst zunächst das Thema auf dem Glockenspiel, dieses wird von Max Renne am Klavier und Johannes Graner am Vibraphon aufgegriffen, dann von Adrian Heger am Flügel und schließlich kommt noch Valentin Butt am Akkordeon hinzu. Während gleich sechs Metronome vor sich hin klappern, verweben sich die Melodien der sechs Instrumente miteinander, werden zu einem fulminanten Ganzen: Das Genie Mozarts steht im Raum, gleichermaßen bewundert und verhasst von Salieri (Markus Hollop).

In Nikolai Rimsky-Korsakows Oper „Mozart und Salieri“ hadert der Italiener mit seinem Schicksal, schwankt zwischen Begeisterung für die Musik des ewig Kind gebliebenen Genies und dem Gefühl, dass Mozart selbst seines Talents nicht würdig sei. Hollops tiefer Bariton passt recht gut zu der Rolle. Allerdings tendiert er dazu, in den wütenden Passagen allzu sehr durch die Zähne zu artikulieren, was das Verständnis des Textes für den Zuschauer erschwert. Rügamers klarer Tenor bildet den Kontrapunkt zu Salieris tiefem Timbre. Schelmisch und witzig kommt dieser Mozart daher. Der Mord durch Salieri spiegelt dessen innere Zerrissenheit. Er sorgt dafür, dass Mozart den vergifteten Wein zu sich nimmt, möchte ihm im nächsten Moment Einhalt gebieten und nähert sich schließlich dem Todkranken auf zärtlich-liebevolle Weise ehe er ihn erdrosselt.

Die Geschichte um Mozart und Salieri bietet nur die Introduktion in das musikalische Abenteuer des Abends, doch es legt die Grundsteine für alle weiteren Bestandteile. So taucht Einstein (Sophie Heinrich) bereits als untalentierter blinder Fiedler auf, der in einer Kneipe „Voi Che Sapete“ heruntersägt und vor seinem Abgang die berühmte Formel zur Relativitätstheorie auf die Tafel schreibt.

In der zweiten Szene begegnen wir ihm erneut. Freud empfängt einen Brief des Wissenschaftlers in dem dieser ihn nach dem Sinn des Krieges fragt. Während Einstein gefühlvoll den zweiten Satz aus Mozarts Sonate für Violine und Klavier B-Dur (KV 378) zum Besten gibt, hackt Angela Winkler als Freud zunächst die Antwort des Psychologen mit einer alten Schreibmaschine aufs Papier um diese durch die folgenden Sätze hinweg zu verlesen. Hier taucht zum ersten Mal die Dualität von Sprache und Musik auf, die gleichzeitig Stärke und Schwäche der Inszenierung ist.

Zwar verweben sich der gelesene Text und die Musik wunderbar miteinander, doch konkurrieren sie auch um Aufmerksamkeit. Kaum einem Zuschauer wird es gelingen, beide Stränge gleichzeitig mit vollem Bewusstsein zu verfolgen. Fokussiert man sich auf die Musik so wird der Text, das gesprochene Wort Teil derselben, wird Melodie, verliert an Aussage, wenn auch nicht an Bedeutung. Richtet man das Augenmerk jedoch bewusst auf die von Freud dargebrachten Thesen, wird die Musik zur Hintergrundbeschallung. Zwischen diesen beiden Extremen schwankend lässt sich niemals ein Konsens erreichen. Dieses Problem taucht auch in der nächsten Szene erneut auf in der Fjordor Dostojewskijs „Die Brüder Karamasov“ gegen die Musik von Dmitri Schostakowitsch gesetzt ist. Insbesondere wenn Winkler als Großinquisitor gegen das Streichquartett anschreit, ist die Reizüberflutung beinahe unvermeidlich.

Im Epilog schließlich erklingt die neu komponierte „Requiem Filtrage“ von David-Robert Coleman (musikalische Leitung). Eine Aufnahme von Mozarts Requiem wird vom Orchester mit Sphärenklängen und Disharmonie überlagert. Easy Listening geht anders, doch die Spannung in dieser Abschlussszene, in der Salieri sich seiner Tat stellen muss und das Genie am Ende doch triumphiert, hält das Publikum bis zur letzten Sekunde im Bann.

Text: Julia Weber

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Mitreißendes Potpourri – “Alles Märchen! In Concert” im The Ballery

Als Michael Bellmann (Musik) und Ralf Rühmeier (Texte) vor mehr als zwei Jahren zwei Stücke mit Märchenbezug bei der schreib:maschine präsentierten, stand noch nicht fest, was aus ihrem Projekt einmal werden würde. Nach und nach reifte ein ganzer Abend voller kleiner Szenen heran, in denen sich bekannte und unbekannte Märchenfiguren auf ganz ungewohnte und frische Art präsentieren. Im The Ballery in der Nollendorfstraße wird den Zuschauern eine bunte, fröhliche und freche Show geboten.

ALLES MÄRCHEN! - in concert

Foto: Markus Müller-Witte

Mit von der Partie sind viele in Berlin ansässige Musicaldarsteller, Absolventen der UdK und einige Gastsänger aus der aktuellen Elisabeth-Cast, die sich auf das Experiment eingelassen haben. Der Raum ist winzig, Zuschauer und Darsteller sitzen bunt gemischt. Mikrofone gibt es nicht, ebensowenig ein Bühnenbild oder Kostüme. Alles wirkt ein wenig wie der bunte Abend bei einer Sommerfreizeit, allerdings ist das, was die Dartseller begleitet von Bellmann am Klavier hier auf die Bühne bringen Musical wie es leibt und lebt, mit allen Emotionen, allem schauspielerischen, tänzerischen und natürlich stimmlichen Anspruch.

Dabei ist den Künstlern hin und wieder das Nervenflattern anzumerken. So nah am Publikum, auf Augenhöhe, ohne Rampe, Maske und Scheinwerferlicht zu singen, verlangt auch Profis noch einiges ab.

Den Anfang macht Dorothee Kahler. Mit “Es war einmal…” lädt sie den Zuschauer ein, ihr in eine Märchenwelt zu folgen, von der die Gebrüder Grimm nur einen winzigen Bruchteil überlieferten.

In dieser Welt begegnen wir Henker Helmut (Dennis Weißert), der eigentlich viel lieber Comedian oder Schauspieler geworden wäre, dem schüchternen Bäcker Bernd (Thomas Hohler), der seinen ganzen Mut zusammen nimmt und seiner Geliebten einen Antrag macht, und dem niedlichen Schweinchen Dumm (Fabian-Joubert Gallmeister), das davon träumt fliegen zu können.

Auch die Frauen haben es nicht leicht. Betty Vermeulen mimt die Königin der Nacht mit jeder Menge Sexappeal und Jazz in der Stimme und besingt deren Plan, sich mithilfe eines kleinen, dicken aber wohlhabenden Mannes zu sanieren, nachdem ein vermeintlicher Prinz sie mittellos sitzen ließ. Rapunzel (Maike Katrin Merkel) ist Facebook- und Selfie-süchtig und König Blaubarts Liebste (Katrin Höft) hat die Kosenamen satt.

Bellmann und Rühmeier haben ein Sammelsurium an Figuren geschaffen. Manche sind liebenswert, andere sind selbstsüchtig, wie etwa Aschenputtels Mutter (Karen Helbing), die sich auf dem Sterbebett darüber freut, dass es ihr im Himmel wesentlich besser gehen wird als ihrer Tochter. Der wohl gruseligste Kerl ist der die Königin stalkende Kerkerwächter (intensiv gespielt von Michael Souschek). Die Texte sind bissig, die Musik mitreißend. Dass es keinen roten Faden, keine Story gibt, die die einzelnen Szenen miteinander vereint, macht überhaupt nichts. Gerade die Abwechslung macht “Alles Märchen! In Concert” zu einem Vergnügen. Sichtlich Spaß haben auch die beteiligten Darsteller, die sich die Figuren mit all ihren Facetten zu Eigen gemacht haben.

“Alles Märchen!” ist witzig, frisch und ungewöhnlich. Die hervorragenden Darsteller, die bissigen Texte und die mitreißende Musik machen diesen Musical-Abend zu einem echten Highlight.

Text: Julia Weber

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