Klassisch: “Jesus Christ Superstar” Gastspiel in der Deutschen Oper

Über 40 Jahre hat Andrew Loyd Webbers Rockoper “Jesus Christ Superstar” schon auf dem Buckel. Nachdem die Gil Mehmert Inszenierung in Bonn und Dortmund große Erfolge feierte ist nun die West End Produktion (Regie: Bob Tomson) auf Deutschlandtournee. Den Zuschauer erwartet eine gesanglich hervorragende Produktion im klassischen Gewand.

Pamela Raith

Foto: Pamela Raith

Zwei Steinsäulen flankieren die Bühne, dazwischen ein goldenes Metallgerüst, von dem eine Freitreppe hinunterführt, die bei Bedarf zweigeteilt und zu den Seiten hin verschoben werden kann: Das Bühnenbild von Paul Farnsworth ist schlicht. Die einzelnen Szenenbilder werden in erster Linie durch die Lichteffekte (Nick Richings) dargestellt. So ist das Licht im Tempel von Priester Caiaphas rötlich, bei Jesus Einzug in Jerusalem erstrahlt alles in gelbgold und in Gethsemane herrschen Grüntöne vor.

Die Kostüme (ebenfalls Farmsworth) sind eine moderne Interpretation des Kleidungsstils der damaligen Zeit. Während Pastelltöne und gedeckte Farben vorherrschen, stechen Jesus weißes Gewand, Maria Magdalenas rotes Kleid und Herodes völlig abgedrehter Glitzerlook hervor. Ein besonders nettes Detail sind sicherlich die Schilde der römischen Legionäre. Mit der Inschrift SPQR wurden hier nämlich nicht hölzerne oder metallene Repliken versehen, sondern durchsichtige Plastikschilde, wie sie heutzutage von der Polizei genutzt werden. Den Tiefpunkt hinsichtlich der Bühnengestaltung bildet leider die Kreuzigungsszene. Es ist sicherlich eine Herausforderung einen Weg zu finden, diese darzustellen, ohne wahlweise in den Kitsch oder die Blasphemie abzurutschen. In diesem Fall vereinen sich Kitsch und Blasphemie wenn der martialisch – in einer sehr ausgedehnten Szene – ans Kreuz genagelte Jesus in bester Kruzifixmanier dahängt und vom “göttlichen” Licht des Deckenscheinwerfers beschienen wird.

Glenn Carter spielte die Rolle des Jesus bereits Ende der neunziger Jahre. In der aktuellen Produktion beweist er, dass er gesanglich auch mit über 50 noch in der Lage ist, die schwierigen Passagen von “Gethsemane” zu meistern. Ob seine eher klassische Herangehensweise an die Stücke (hohe Passagen werden grundsätzlich ausgesungen und nie geschrieen) gefällt, ist sicherlich Geschmackssache. Gerade im Vergleich mit “Judas” Tim Rogers wirkt seine Performance hin und wieder etwas blass.

Rogers überzeugt durch eine exzellente Aussprache, die es auch in den verzweifelten oder sehr schnell gesungenen Passagen möglich macht, jedes einzelne Wort zu verstehen. Sein Judas ist wütend, stark und präsent.

Dass die Interaktion zwischen Carter und ihm in manchen Szenen (insbesondere zu Beginn bei “Heaven on their minds”) zu wünschen übrig lässt, liegt nicht an den Schauspielern selbst sondern ist wohl auf die Regie zurückzuführen, die allgemein vermehrt auf statische Bilder setzt. So verharren die auf der Bühne anwesenden Nebendarsteller oft im Freeze um nicht vom Spiel der Hauptakteure abzulenken. Bei “Damned for all time” steht Judas in der Mitte der um ihn herum im Kreis schreitenden Priester und wenn Maria Magdalena Jesus vorschlägt “let me try and cool down your face a bit” und er antwortet “this is good”, ohne dass die beiden sich auch nur berührt hätten, lässt dies den Zuschauer etwas ratlos zurück. Insbesondere die Beziehung zwischen Maria Magdalena und Jesus kommt durch diese fehlende Dynamik nicht richtig zur Geltung.

Rachel Adededjs Stimme hat einen großen Wiedererkennungswert. Etwas jazzig, etwas rauchig und dann doch wieder absolut klar in den Höhen, liefert sie eine gute Performance ab. Auch Cavin Cornwall als Caiaphas und Alistair Lee als Annas sind ihren Rollen absolut gewachsen. Cornwalls warmer Bass und Lees starker Tenor ergänzen sich perfekt.

Für mitreißende Momente sorgen auch Johnathan Tweedie als Pontius Pilatus und Kristofer Harding als Simon Zealotes:

Tweedie schafft es, den Charakter des römischen Präfekten in all seinen Facetten auszuleuchten. Er setzt nicht auf große Gesten sondern spielt subtil aber mit großer Intensität und Bühnenpräsenz. Nach Hardings bravouröser Leistung in “Simon Zealotes” hätte man sich gewünscht, noch viel mehr von ihm zu hören.

Insgesamt bietet die West End Produktion von “Jesus Christ Superstar” gute bis sehr gute Unterhaltung mit einer gesanglich hervorragenden Cast und einigen wenigen inszenatorischen Fehlgriffen.

Text: Julia Weber

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Heart_EventDie meisten Häuser befinden sich momentan in der allsommerlichen Spielzeitpause (von gelegentlichen Gastspielen einmal abgesehen). Wir nutzen den Moment und fragen unsere Leser: Was war Ihr schönstes kulturelles Event im vergangenen Jahr 2014/2015 in Berlin oder auswärts? Was hat Sie besonders berührt oder besonders mitgerissen? Was hat Sie persönlich zu Tränen gerührt oder zum Lachen gebracht? Wir sind gespannt auf die Antworten.

Erstellt am von jwmusikultur | 2 Kommentare

Formvollendet: “Ballet for Life” des Béjart Ballet Lausanne zu Gast in der Deutschen Oper

Irgendwo im Himmel setzen sich Freddie Mercury und Mozart gemeinsam ans Klavier. Maurice Béjart erschuf 1996 mit “Ballet for Life” ein getanztes Kunstwerk, in dem er den zu frühen Tod Jorge Donns und Freddie Mercurys verarbeitete. Beinahe zehn Jahre später tourt das Ballett erneut unter der Leitung von Gil Roman durch die Welt und gastiert auch in der Deutschen Oper.

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Foto: Gregory Batardon

Das Béjart Ballet Lausanne setzt sich aus 37 Tänzern zusammen. In manchen Szenen stehen diese alle gleichzeitig auf der Bühne. Die Choreographie spielt in diesen Momenten oft mit dem Prinzip “einer unter vielen”. Für wenige Augenblicke tritt einer der Tanzenden ins Scheinwerferlicht, nur um sich dann wieder in die Masse einzufügen.

Besonders hervor stechen Julien Favreau als Freddie Mercury und Oscar Chacón als Jorge Donn. Béjart kreierte “Ballet for Life” nachdem ihm aufgefallen war, dass der Sänger und einer seiner besten Tänzer im gleichen Alter der gleichen Krankheit erlegen waren. Laut eigener Aussage wollte er jedoch kein trauriges Stück über AIDS machen. “Es ist ein Ballett über die Jugend und die Hoffnung“ beschrieb er sein Werk.

Favreau hat sich Mercurys typische Gesten angeeignet. Wer auch immer die Band je live erlebt hat oder auch nur Videos von live-Auftritten kennt, erkennt die charakteristischen Bewegungen des Sängers gleich wieder, auch wenn diese im Tanz stilisiert daherkommen.

Auch Chacón zeigt eine unglaublich starke Bühnenpräsenz, wechselt mühelos zwischen Grazie und Härte und erhält für sein exzellentes Solo zu Mozarts „Maurerischer Trauermusik“ wohlverdienten Szenenapplaus.

“Ballet for Life” lebt davon, dass die Tänzer nicht nur Tänzer sind. Jede Figur hat ihren eigenen Charakter, der schauspielerisch interpretiert wird. So bleiben trotz der Masse an Tänzern und der klaren Vorrangstellung der beiden Protagonisten viele individuelle Gesichter in Erinnerung. Niemals ist das Kollektiv nur Kollektiv, immer erkennt man nicht nur das Gesamtbild sondern auch die dazugehörigen Puzzleteile.

Alle Szenen werden zu Queen Songs oder Mozart-Stücken getanzt. Klassisches Ballet getanzt zu Musik von Queen? Funktioniert das? Es funktioniert sogar hervorragend, was dem Zuschauer spätestens nach Brian Mays Gitarrensolo aus “Brighton Rock” klar wird. Die Mozart-Einwürfe sind mit einer Ausnahme Instrumentalstücke und genau diese Ausnahme, das “Addio” aus Cosi Fan Tutte, fügt sich nicht so recht in das Gesamtbild ein, auch wenn es thematisch passt. Die vier Sänger in Abendgarderobe die die Lippen zum eingespielten Gesang bewegen wirken fast ein wenig lächerlich.

Diese Szene bleibt das einzige Fragezeichen an einem Abend voller Ausrufezeichen. Ob die Szene am See, der Tanz in der Pathologie oder der Engel auf Plateauschuhen: Alles fügt sich zu einem abstrakten Gemälde aus Tanz, Form und Musik.

“Ballet for Life” hat keine eigentliche Handlung. Es gibt immer wieder kurze Szenen zu entdecken, doch hier werde keine Biografien vertanzt sondern Gefühle und Ideen miteinander verwoben. Gil Roman beschreibt es als “großen Videoclip” und genau diese Ästhetik macht das Ballett zu einem spannenden Erlebnis.

Zu dem Gesamtkunstwerk gehören nicht nur die Choreographie sondern auch das Bühnenbild, das Licht (Clément Cayrol, Dominique Roman) und die Kostüme.

Während “Radio Ga Ga” tanzen gleich 15 Ensemblemitglieder angeleitet von “Freddie” Favreau in einem maximal neun Quadratmeter großen Kasten. Gleichzeitig bewegt sich rechts davon ein einzelner Tänzer in kraftvollen Pirouetten und Battements über die Bühne.

In Chacóns Solo-Szene zur Maurerischen Trauermusik werden schließlich riesige Röntgenbilder von der Decke heruntergelassen.

Die hauptsächlich in schwarz-weiß gehaltenen Kostüme von Gianni Versace erinnern in ihrer Schlichtheit an Sportbekleidung. Farben werden nur spärlich als Akzente eingesetzt. Die Kostüme spiegeln das in der Choreographie verwurzelte Verhältnis zwischen Kollektiv und Individuum wider. So werden häufig dieselben Schnitte eingesetzt, dann jedoch die Uniformität durch einzelne farbliche Veränderungen aufgebrochen.

Es gibt einige gesprochene Einwürfe im Stück, vorgetragen von den Tänzern. Einige Satzfetzen wurden auf Deutsch übersetzt, das Meiste wird jedoch auf Englisch dargeboten. Weswegen ausgerechnet das zentrale Leitmotiv “Ihr habt uns gesagt: Macht Liebe, keinen Krieg. Wir haben Liebe gemacht, weshalb führt die Liebe dann Krieg gegen uns” und der Passage um “S. I. D. A.” (AIDS) im französischen Original belassen wurden, das im wenig frankophilen Deutschland weit weniger Menschen verstehen als Englisch, bleibt ein Rätsel.

Alles in allem bietet “Ballet for Life” einen spannenden und ungewöhnlichen Tanzabend mit hervorragenden Tänzern. Das Stück ist eine gelungene Collage aus Rockmusik und klassichem Ballett, die obwohl ihr ein klarer Spannungsbogen und eine klar strukturierte Handlung fehlt, niemals langweilig oder unverständlich wird.

Text: Julia Weber

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Spitze: „Cabaret“ im Tipi im Kanzleramt

1966 in New York uraufgeführt ist “Cabaret” (Musik: John Kander; Texte: Fred Ebb, Buch: John Masteroff) eines der bekanntesten Musicals. Mit der Inszenierung im Tipi am Kanzleramt kam das Stück 2004 “nach Hause” nach Berlin, wo auch die Handlung angesiedelt ist.

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Foto: Sandra Basenach

Bradshaw kommt Anfang der dreißiger Jahre nach Berlin. Er bezieht ein Zimmer am Nollendorfplatz und verliebt sich in Berlin und in Sally Bowles, eine Tänzerin aus dem Kit Kat Club. Seine Vermieterin Frau Schneider verliebt sich in ihren Mieter, den Obsthändler Herrn Schultz. Doch die Zeiten ändern sich. Das Ende der wilden zwanziger Jahre kündigt den Beginn des Nationalsozialismus an.

Die Inszenierung von Vincent Paterson existiert schon seit 2004. Damals in der Bar jeder Vernunft uraufgeführt, wurde das Stück 2014 im Tipi wieder aufgenommen. Alle Sprechtexte wurden auf Deutsch übersetzt. Bei den Liedern entschied man sich teilweise – etwa bei “Maybe this time” – für die englischen Originaltexte und verwendete an anderen – handlungsrelevanten – Stellen die deutsche Übersetzung von Robert Gilbert.

Das Bühnenbild (Momme Röhrbein) kommt ohne viel Schnickschnack aus. Die reale Welt, dargestellt durch Wände die zu Bradshaw’s Zimmer, dem Flur des Mietshauses oder dem Obstladen von Herrn Schultz zusammengeschoben werden, kontrastiert mit der bunten Welt des Kit Kat Clubs, in der sich alles vor einem silbernen Glitzervorhang abspielt. Eingerahmt wird die Handlung von zwei Zugfahrten. Die in diesen Szenen eingesetzte perspektivisch verjüngte Lokomotive sollte als schöner und vor allem effektiver Einfall Erwähnung finden.

Die Besetzung kann sich sehen lassen. Schauspielerisch wie gesanglich leistet die gesamte Cast hervorragende Arbeit. Während aller Spiel- und Gesangsszenen bleibt es auf dem Rest der Bühne selten ruhig. Niemand fällt auch nur für Sekunden aus der Rolle. Der Zuschauerraum wird ebenfalls mitbespielt. Die vierte Wand wird in den im Club spielenden Szenen permanent durchbrochen, das Publikum automatisch in die Handlung hineingezogen und ins Geschehen integriert.

Guido Kleineidam stand auch schon 2004 als Cliff Bradshaw auf der Bühne, ist aber immer noch mit Herzblut und viel Energie dabei. Von der Überforderung seiner Figur angesichts der holden Weiblichkeit in Gestalt Sallys bis hin zu seinem Entsetzen als er zum ersten Mal die Hakenkreuzbinde am Arm seines vermeintlichen Freundes Ernst sieht, ist sein emotionales Spiel absolut glaubhaft. Man wünscht diesem etwas seltsamen Typen ein Happy End, das er niemals bekommt.

Eine weitere starke Sympathieträgerin ist Regina Lemnitz als resolutes Fräulein Schneider. Lemnitz überzeugt nicht nur schauspielerisch, sondern beweist auch gesanglich Stärke. Kein Ton wackelt. Ihre Stimme ist auch in den Höhen noch absolut klar und harmoniert in “Heirat” hervorragend mit Uwe Dreves (Herr Schultz) Tenor.

Sophie Berners Sally Bowles ist gesanglich top. Ihre tiefe rauchige Jazzstimme passt perfekt in den Kit Kat Club. Schauspielerisch ist sie rollenbedingt etwas schwächer als Kleineidam und Lemnitz, schlägt sich aber wacker.

Oliver Urbanski ist ein souveräner Conférencier, beweist Witz und Charme und schwingt nicht zuletzt in “Säht ihr sie mit meinen Augen” elegant das Tanzbein. Lediglich der übertrieben starke deutsche Akzent in den auf Englisch gesungenen Passagen wirkt manchmal etwas aufgesetzt.

Anja Karmanski schließlich ist ein schreiend komisches Fräulein Kost, bei dem jede Geste und jeder Gesichtsausdruck für Erheiterung sorgen.

Die Band unter der Leitung von Adam Benzwi, immer präsent am linken Bühnenrand und mehr als einmal aktiv in die Handlung eingebunden, leistet großartige Arbeit. Die schmissigen Rhythmen zwischen Jazz und Ragtime, laden zum mitwippen ein, während die Melancholie der leiseren Nummern wie etwa „Der Morgen gehört mir“ (wundervoll gesungen von „Bobby“ Michael Chadim) beinahe zu Tränen rührt.

Dem Stück einen Berliner Unterton zu verleihen und es wirklich „heim zu holen“ ist ebenfalls in weiten Teilen gelungen. Fräulein Kost sprichst breitestes Berlinerisch und Sally findet den Nollendorfplatz toll, weil es dort so „schwu… ngvoll“ ist. Nicht vereinbar mit diesem Berliner Flair ist allerdings „Zwei Ladies“, dessen bayerische Lederhosennostalgie wohl ein Relikt der Perzeption Deutschlands durch die Amerikaner ist. Das Klischee an dieser Stelle zu bedienen ist die einzige Entscheidung im Stück, über die sich streiten lässt.

Beinahe 40 Jahre hat “Cabaret” bereits auf dem Buckel. Doch angestaubt ist die Geschichte um den jungen Schriftsteller Cliff Bradshaw definitiv nicht. Im Gegenteil – gerade angesichts der aktuellen Flüchtlingsproblematik gewinnt das Stück erneut an Aktualität.

„Cabaret“ macht betroffen und nachdenklich, doch das Stück macht auch jede Menge Spaß und garantiert einen vergnüglichen Theaterabend.

Text: Julia Weber

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Mit Musik Geschichten erzählen – Peter Lund im Interview

Foto: Matthias Heyde

Peter Lund ist Professor im Studiengang „Musical/Show“ an der Universität der Künste, Berlin. Außerdem führt er bei Musiktheater-Produktionen in ganz Deutschland Regie und schreibt neue Stücke für die Musical-Bühne. Mit MusiKultur Berlin sprach er über den kreativen Prozess, neue Projekte und die Zukunft des Musiktheaters.

Ihre Zusammenarbeit mit der Neuköllner Oper zieht sich ja nun schon über Jahrzehnte. Zwischenzeitig war sogar einmal vom Umzug des Hauses die Rede, weil sich Neukölln so verändert hatte. In den letzten Jahren scheint sich ja erneut eine Entwicklung abzuspielen, da Neukölln langsam aber sicher zum “in-Viertel” mutiert. Nimmt man das auch beim Publikum wahr?

Ich glaube das setzt sich noch anders zusammen. Die jungen Leute, die nun endlich wirklich Neukölln oder Kreuzkölln für sich entdeckt haben, gehen noch nicht in die Neuköllner Oper. Das ist nicht das Theater das international wahrgenommen wird, sondern eher von kulturinteressierten Berlinern oder Zugereisten, die das Musiktheater lieben und das Genre kennen. Ein junger Spanier oder eine junge Brasilianerin fährt dafür nicht nach Berlin. Aber natürlich freuen die Gäste sich, dass man jetzt um die Neuköllner Oper herum nach einer Vorstellung viel besser noch ein Bier trinken gehen kann. Das ist schon richtig hip geworden und das wird das Haus sicher auch langfristig verändern.

Sie haben Ihre Zusammenarbeit mit Thomas Zaufke einmal als Ping Pong Spiel zwischen Texter und Komponist berschrieben. Ist die Zusammenarbeit da wirklich so eng?

Es ist gerade mit Thomas Zaufke wirklich ziemlich eng. Den kenne ich jetzt auch schon ziemlich lange aber das war von Anfang an eine relativ glückliche Beziehung, weil wir einen sehr ähnlichen Geschmack haben. Das ist natürlich großartig, weil wir genau wissen worüber wir reden. Wenn ich eine Idee habe, weiß Thomas ganz genau, was ich meine. Dadurch ist das wirklich ein ganz, ganz schnelles Hin und Her.

Während der Stückentstehung reden wir sehr viel miteinander, bis das grobe Exposé steht. Dann werden die Strecken ein bisschen größer. Ich entwickele das Exposé, gebe es ihm wieder und wir reden noch mal drüber, ob die musikalischen Momente stimmen.

Dann irgendwann schreib ich den Text und er schreibt die Musik. […]

Bei richtigen Baustellen, wo wir nicht wissen, wie das nun werden soll und richtig intensiv daran basteln müssen, was durchaus zweimal pro Stück vorkommt, treffen wir uns auch mal am Klavier und spielen die Stellen in vier verschiedenen Varianten durch. Das ist dann wirklich total eng.

Sie waren übrigens beinahe ihr eigener Prophet. Zitat Peter Lund 2004: “Vielleicht macht die Komische Oper in zehn Jahren ja auch ein Brontë-Musical.” – knapp 10 Jahre später gab es statt dessen die “Schwestern im Geiste” in der Komischen Oper. War das Zufall?

(lacht) Das ist totaler Zufall. Ich weiß nicht mal mehr, dass ich das gesagt habe. Das war damals noch überhaupt nicht geplant. Das mit dem Brontë-Musical kam aus einer ganz anderen Ecke: Weil wir einen Jahrgang mit vielen jungen Damen hatten, die alle eine Rolle brauchten, lag das Brontë-Thema recht nahe.

Die Ideen zu den Koproduktionen des Studiengangs Musical und der Neuköllner Oper stammen meist direkt aus dem Leben und sind oft auch gesellschaftskritisch. Fließen diese Aspekte im Laufe der Entstehung erst langsam ins Stück ein oder bauen Sie das Stück gezielt um die Ihnen wichtigen Aspekte herum?

Da wir fast jedes Jahr in der Pflicht sind eine Produktion zu machen, bin ich eher nicht in der Situation, dass ich jetzt noch 20 Ideen habe, die ich dringend loswerden muss. Ich kann mir den Jahrgang angucken und mir dann überlegen, was da für eine Idee kommt, was man machen könnte. Umgekehrt sind wir auch dankbar für Inspirationen. Häufig ist das jetzt auch schon so, dass von außen ein Anstoß kommt. Bei “GRIMM!” war das die Anfrage aus Graz, ob wir nicht Lust hätten, mal ein Märchenmusical zu schreiben. Für “Stimmen im Kopf” war es eine befreundete Psychotherapeutin die meinte, “Hast du nicht mal Lust über das Thema was zu machen?”. So entstehen die Grundthemen. Danach fließen die Ideen eine nach der anderen ein. Da ist nichts mehr geplant. Man sammelt auf, was sich am Rande des Weges ergibt.

Inwieweit beeinflussen die Darsteller, wie sich diese Koproduktionen entwickeln?

Die beeinflussen ihre persönlichen Rollen total. Natürlich hat auch jeder Jahrgang seine Chemie und es gibt in einer Geschichte immer die Reise des Helden oder einen Konflikt zwischen Gut und Böse, Schwach und Stark. Das verteilt sich in jedem Jahrgang neu auf die Figuren, aber es gibt immer gewisse Typen, die etwas dominanter wirken oder andere, die wirken fremd. Man kann die Geschichte mit jedem Jahrgang erzählen, aber wer sie dann erzählt ist total persönlich. Da werden die Rollen auch sehr unterschiedlich je nachdem welcher Darsteller sich die Rolle nimmt und für wen ich dann schreibe. Teilweise werden die Rollen auch in Improvisation entwickelt und da scheint der Darsteller dann natürlich durch.

Sie lehren jetzt seit über 10 Jahren als Professor an der UdK. Was begeistert Sie an der Arbeit mit jungen Menschen?

Ich forsche gerne in diesem Feld. Das gehört zu unserer Arbeit an der Universität dazu, dass wir den Auftrag haben zu forschen. Am Theater ist das nicht immer so. Man behauptet natürlich, dass man permanent Neuland schafft. Das ist nicht ganz wahr, denn Theater will auch Erfolg und Theater will liefern und darf dabei nicht zu teuer werden.

All diese Sachen hab ich an der Uni nicht. Musical ist ja ein […] eher zielorientiertes Genre. Es muss irgendwie fertig werden und es muss irgendwie funktionieren.

Dass man das an der Universität so wunderbar aufknacken kann und sich mal den Luxus gönnen kann zu sagen „es darf auch mal nicht funktionieren und wir schauen einfach mal was da passiert“, das finde ich toll.

Und es ist auch toll jedes Jahr wieder neue Fragen zu haben: Leute die ganz frisch draufgucken und einen davon abhalten in diesen Trott zu verfallen, wo Sachen einfach selbstverständlich sind. Es ist der Tod jeder Kunst zu sagen “Das war schon immer so” oder “Das gehört sich so”. Da kommen einfach junge Menschen aus den Löchern gekrabbelt […] und fragen “warum”, “weswegen”, “weshalb” oder sagen “find ich doof”. Das ist eine ganz große Bereicherung.

Der Musicalmarkt bietet wenig Jobsicherheit. Kann man jemandem wirklich dazu raten, diesen Karriereweg einzuschlagen?

Also wenn die Begabung groß genug ist kann man das durchaus. Man muss sich selber fragen, ob man das psychisch erträgt, dass man dauernd in dieser Bewerbungssituation ist, denn das ist der Darsteller an sich immer: Man stellt sich an die Straßenecke und singt ein Lied und hofft, dass die Leute stehen bleiben. Der Moment des Darstellers ist in jeder Minute der aktive. Keiner wartet auf dich, keiner braucht dich unbedingt und du musst davon leben, dass du was zu erzählen hast.Wenn du ein extrovertierter Mensch bist und das Talent mitbringst, was man ja nicht kaufen kann, ist das ein toller Job, der dann auch erst mal nicht so fürchterlich krisenanfällig ist. Unsere Studenten kriegen fast alle einen Einstiegsjob und können die ersten Jahre gut arbeiten.

Dann ist natürlich bei einem so unglaublich anstrengenden, körperlich betonten Job nach zehn Jahren die Frage, ob man gesund genug ist um ihn zu machen. Andererseits ist man, wenn man durch diesen Job durchgelaufen ist, auch gebrieft darin sich weiter zu entwickeln oder auch viel für andere Jobs schnell zu lernen.

Ich finde es ist keine Risiko-Ausbildung weil sie einen auch darin ausbildet, sich selbst zu präsentieren, sich darzustellen, ganz viele Sachen die in der heutigen Gesellschaft total wichtig sind. Das kann man auf jeden Fall hinterher.

Sie selbst wollten ursprünglich Bühnenbilder werden. Wann und warum wurde daraus Regie?

Ich glaube wie viele wusste ich überhaupt nicht dass es einen Regisseur gibt. Wenn man auf Theater guckt ist das der letzte Beruf, von dem man irgendwie begreift, was der eigentlich tut. Und genauso ging es mir als Jugendlicher, dass ich gedacht habe: “Bühnenbildner, das gefällt mir, was der macht”. Ich hab mich nicht auf die Bühne getraut – das ist auch immer noch so, das muss ich nicht haben – aber ich wollte dabei sein.

Dann hab ich irgendwann aber gelesen dass der Bühnenbildner das tun muss, was der Regisseur sagt, was ja Gott sei Dank nicht ganz so ist. Der Bühnenbilder ist ja eine eigene kreative Energie. Aber trotzdem hab ich mir gedacht “Dann werd ich mal lieber Regisseur” und das liegt mir auch einfach, von daher ist das schon gut so.

Sie haben Opern, Operetten, Sprechtheater und Musicals inszeniert. Haben Sie unterschiedliche Herangehensweisen für unterschiedliche Genres?

Musiktheater in sich, also Oper, Operette und Musical, unterscheidet sich gar nicht so besonders, bis auf die Tatsache, dass es anders klingt. Die Arbeitsweise ist sehr ähnlich. Es ist einfach sehr teamorientiert und hochgradig komplex, weil so viel abgestimmt werden muss und fast hundert Leute wissen müssen, was sie gemeinsam wollen.

Schauspiel funktioniert da ganz simpel anders, weil es individualistischer ist und dem einzelnen Schauspieler viel mehr Verantwortung überträgt. Dadurch ist die Funktion des Regisseurs auch eine ganz andere. Man muss mit viel mehr eigenen und individuellen Leuten verfahren, denen auch mehr Raum geben und als Regisseur vielleicht eher gucken: was nehme ich da, wie setz ich das zusammen und wie krieg ich das auf eine Linie?

Ein Musical muss der Komponist erst mal schreiben. Man kann das nicht improvisieren. Also, das “Jazz-Musical” gibt es zwar auch aber eigentlich gibt es Musical wirklich hauptsächlich in dieser sehr strengen Form. Es ist auch kein Wunder, dass das Musical diese etwas zwiespältige Form des Ensuite-Musicals erfunden hat, das auf der ganzen Welt gleich aussieht. Das ist zwar nicht unbedingt schön, aber man versteht es ein bisschen. Weil es so anstrengend ist, es auf die Bühne zu kriegen, gibt es eine sehr große Bereitschaft, es genauso an einer anderen Stelle noch mal zu machen. Dadurch werden viele Risiken ausgeschaltet und es kommt dazu noch die kommerzielle Seite des Ganzen.

Schauspiel ist da einfach flexibler, aufregender, spannender.

Mir als Regisseur gefällt das Musiktheatralische weil ich da mehr Einfluss habe, auch bildnerisch. Beim Schauspiel finde ich es spannend, dass das einfach ganz anders ist.

In der Komischen Oper werden ja aktuell viele Operetten neu aufgelegt. Lange Zeit galt die Operette als überholt, die Zuschauerzahlen sprechen aber eine andere Sprache. Es gibt auch eingefleischte Opern-Gänger die Musicals für eine Zeiterscheinung halten, die aussterben wird. Wie sehen Sie das?

Sie sind eine Zeiterscheinung, aber sie sterben nicht aus. Es wird irgendwann wieder eine neue Gattung dafür geben. Das ist nun mal wirklich genau dasselbe. Da können Sie sich auf den Kopf stellen. Es gibt ein unterhaltendes Musiktheater. Bei Gluck war das noch die Oper oder auch die Volksoper, wo es damals schon Sprechtexte dazwischen gab. Das hieß dann irgendwann Operette und nun heißt es eben Musical. Das ist mir so egal. Da stirbt gar nix aus: Das ist einfach die Form des Musiktheaters, die ohne größere Schwellenangst direkt zu einem Publikum spricht, das die Musik hören will, die es auch sonst hört, also Gebrauchsmusik. Mit dieser Musik werden Geschichten erzählt und das hat immer schon geklappt und klappt heute noch und wird auch noch in hundert Jahren weiter klappen.

Wie macht man einen klassischen Stoff einem modernen Publikum zugänglich?

Mittlerweile denk ich es wäre fast besser, die historischen Sachen auch wieder historisch zu erzählen.

Es macht ja tierisch Spaß, ein altes Bild anzugucken oder in ein altes Schloss zu gehen und sich auch wirklich ein bisschen in diese Zeit zurück zu versetzen.

Man darf bloß nicht denken, altmodische Leute haben auch langsamer gesprochen oder ein bisschen wie Großvater geguckt. Das ist ja nicht wahr, die waren damals jung.

Ich glaube in dem Moment, wo man Sachen einfach wieder genau so nimmt, wie man sie heute empfindet, kannst du das entweder in ein modernes Kleid bringen oder du kannst es eben auch in einer ganz historischen Form wunderbar auf die Bühne bringen. Es stellt sich glaube ich nur die Frage, ob man dem Stoff oder der Materie zubilligt heutig zu sein. Julia ist eben 13 und sie ist verliebt und sie will Romeo haben. Man darf bloß nicht sagen: Damals diese Mädchen waren aber anders. Waren sie einfach nicht! Man muss diese Bezüge herausarbeiten und dann finde ich, ist fast alles heutig, jede Form einer Geschichte.

Mit dem “Jedermann” haben Sie sich 2014 mit einem sehr klassischen Theaterstoff beschäftigt und daraus gemeinsam mit Wolfgang Böhmer eine “Rockoper” gemacht. Wie kam es dazu?

Es war eine Anfrage aus Erfurt. Die wollten den Jedermann spielen und zu unserem Glück sind die Rechte vor zwei Jahren frei geworden. Das ist ja häufig ein Problem, dass die Schauspieltexte natürlich nicht für eine Musikalisierung frei sind oder eben sehr teuer. Durch die Höhe des Themas, Sterben, Leben… klang das sehr musiktheatralisch und das ist es auch gewesen. Das hat wunderbar funktioniert. Der Titel „Rockoper“ stimmt im Nachhinein nicht ganz. Es ist doch eher ein Musical geworden. Es rockt ab und zu aber es musicalt auch und es opert eben auch im Sinne dieses ganzen klassischen Klangapparates. Das fand ich toll, was Wolfgang Böhmer da gemacht hat. Es ist ein bisschen zwiespältig, weil „Rockoper“ ist ja immer „Jesus Christ Superstar“ und „Hair“. So ist es nicht geworden. Es ist eine ganz eigene und sehr überzeugende Sache geworden, die in Erfurt auch Generations-übergreifend total gut ankam und ich bin ganz stolz, dass das als Musiktheater so funktioniert hat.

Mit “Frau Luna” haben Sie 2013 zum ersten Mal bei einem Stück in der Wiener Volksoper Regie geführt, eine Operette in der Operettenhauptstadt. Wie fühl man sich, wenn man das geschafft hat?

Oh! Stolz und froh! Operette ist mein absolutes Steckenpferd. Ich liebe die einfach. Schon als Jugendlicher. In Flensburg im Theater wurden noch viele Operetten gespielt und das waren schöne Produktionen und ich fand das immer ziemlich klasse. Ich mochte auch die komische Wiener Welt. Ich finde es auch gut, dass sie mich in Wien was Berlinerisches inszenieren haben lassen. Ich weiß nicht ob sie es mir zugestanden hätten eine „Lustige Witwe“ oder eine „Fledermaus“ zu machen. Das hätte ich vielleicht auch gar nicht gewollt. Die „Luna“ war ein ganz tolles Vehikel. Das kannte in Wien wirklich kaum jemand. Das denkt man ja nicht. In Berlin kennt das ja nun jeder. […] Das war ein wirklich schöner Erfolg, weil die Leute so neugierig waren und wir wirklich auch mal was anderes probieren konnten.

Was sind die nächsten Projekte? Woran arbeiten Sie aktuell?

Jetzt ist wirklich mal ein bisschen Ruhe im Karton. Ich habe ein paar Textbearbeitungen laufen. In Graz hab ich den Opernball neu gemacht für Bernd Motti, der da inszeniert und ich schreibe mit Wolfgang Böhmer für nächsten Sommer für die Neuköllner Oper ein Musical. Ein Musiktheater würd ich das fast lieber nennen, da es um eine Jüdische Greiferin geht. Die Gestapo hat teilweise Juden gezwungen selber andere Juden, die in Berlin untergetaucht waren, zu suchen und zu verraten: Ein ganz schreckliches Schicksal und auch eine sehr traurige Geschichte und daraus machen wir ein Musical. Aber da schimpfen die Leute ja immer, wenn man solche Stoffe „Musical“ nennt. Das wird sehr anspruchsvoll glaub ich.

Die Studenten haben dieses Jahr Pause. Nächstes Jahr haben wir kein Absolventenabgangsjahr.

Und dann werde ich wahrscheinlich wie es aussieht noch mal nach Wien gehen an die Volksoper. Aber ich glaube das ist noch geheim. Das ist eine Ausgrabung, das darf ich noch nicht verraten weil ich glaube, das soll eine Überraschung werden.

Das Interview führte Julia Weber

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