Demnächst gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten. „ABBA – Thank you for the Music“ kommt ab 1. Juli zurück ins Estrel Festival Center. “Cabaret” ist seit heute bereits zurück im Tipi am Kanzleramt und ab 11. August predigt Frank’n‘Furter wieder „Don’t dream it, be it” im Admiralspalast.

Doch auch an Premieren mangelt es nicht. An der Staatsoper im Schiller Theater feiert am 1. Juli Claudio Monteverdis „ORFEO“ Premiere. Ähnlich wie bei „Roméo und Juliette“ kommt es hier zur Verschmelzung von Ballett und Oper. Die Choreographie kommt von Sasha Waltz.

Im Heimathafen Neukölln kann man am 24. Juli „Herz der Finsternis“, eine Floßfahrt mit dem Theater der Migranten erleben und sich mit der aktuellen Flüchtlingsproblematik auseinander setzen.

Vom 21. Bis 26. Juli gastiert das Béjart Ballet Lausanne mit „Ballet for Life“ in der Deutschen Oper. Gleich zwei Tage später geht es dort mit dem Gastspiel der Westend Produktion von „Jesus Christ Superstar“ in einer hochkarätigen Besetzung mit Glenn Carter als Jesus, Tim Rogers als Judas und Rachel Adedeji als Maria Magdalena weiter.

Auch auf den September kann man sich bereits freuen. Das Schlossparktheater bringt „Amadeus“ auf die Bühne, jenes Stück auf dem der berühmte Film von Miloš Forman beruht.

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Gelungene Deutsche Uraufführung: “Golem” in der Neuköllner Oper

Die Geschichte um den Prager Golem ist eine alte Legende, die 1923 von Nikolae Bretan geschriebene einaktige Oper jedoch kam in Deutschland lange nicht zur Aufführung. Der zweite Weltkrieg und die Schoah kamen dazwischen. Das Stück geriet in Vergessenheit. Nun – über siebzig Jahre nach Bretans Tod – wagt sich die Neuköllner Oper an eine Inszenierung von “Golem” (Regie: Paul-Georg Dittrich): Ein gelungenes Projekt.

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Foto: Matthias Heyde

In der Geschichte vom Prager Golem erschafft Rabbi Löw einen Mann aus Lehm, nachdem ihm in einer Vision prophezeit wurde, dass dieser das Volk der Juden vor Angriffen von außen schützen werde. Der Golem ist in der Legende kein eigenständiges Wesen sondern erwacht nur zum Leben, wenn ihm ein Zettel mit dem Namen Gottes unter die Zunge geschoben wird. In einer anderen Variante der Sage trägt der Golem das Wort “Wahrheit” (Emeth) auf der Stirn, welches durch Auslöschen der ersten beiden Zeichen zu “Tod” (Meth) verkürzt werden kann, das den Golem deaktiviert.

Bretan vermischt die beiden Versionen. In seiner Oper ist der Golem (Martin Gerke) stets “aktiv”, haust in einer dunklen, ungemütlichen Zelle eher wie ein Tier als ein Mensch, weil sein Schöpfer (James Clark) ihn nicht im Haus haben möchte. Er trägt den Zettel unter der Zunge, der ihn “Das Leben schmecken” lässt. Und genau dort beginnt das Problem, denn Golem schmeckt das Leben wie ein Mensch, fühlt wie ein Mensch und sehnt sich danach ein Mensch zu sein. Der Grund dafür ist nicht zuletzt Anna (Ulrike Schwab), Rabbi Löws Enkelin. Zum einen scheint sie fasziniert von Golem, zum anderen hat sie panische Angst vor ihm, die sie in den Wahnsinn zu treiben droht. Denn die Liebe des Golems führt dazu, dass Anna nach und nach ebenfalls zu Lehm wird, ihr menschliches Leben verliert.

Immer wieder fleht Golem seinen Schöpfer Löw an, er möge einen Menschen aus ihm machen, doch dazu ist Löw nicht fähig. Am Ende entscheidet er sich, den Zettel aus Golems Mund zu nehmen, um Anna vor ihrem Schicksal zu retten.

“Golem” ist ein Kammerspiel. Die Figuren agieren auf einer zweigeteilten Bühne miteinander (Ausstattung: Pia Dederichs) . Rechts befindet sich eine etwas altmodische, aber gemütliche Wohnstube mit Blick in das dahinter liegende Schlafzimmer. Links ist Golems “Hütte”, ein Raum mit schwarzen Wänden, einer Wasserwanne in der Mitte, in die es durch eine Öffnung im Dach hereinregnet und ein Eimer Lehm in der Ecke. Das einzig “menschliche” in diesem Teil des Hauses ist das Glockenspiel, auf dem Anna und Golem im Laufe des Stückes immer wieder herumklimpern.

Die Musik Bretans (Arrangement: Tobias Schwencke) ist zum einen beeinflusst durch die klassischen Meister. Immer wieder hört man das Kopfnicken in Richtung Tchaikovsky aus seiner Komposition heraus. Aber auch traditionelle Klezmer Musik findet – insbesondere bei dem Glockenspiel-Thema – ihren Weg in seine Oper.

Über der Bühne hängen drei Bildschirme, auf denen zum einen das Geschehen auf und hinter der Bühne – so etwa Annas Suizidversuche – gezeigt werden, zum anderen aber auch eine andere, verwischte Realität, eine zweite Ebene (Video: Steffen Kraska, Mara Vlachaki). Im Laufe des Stückes steht immer wieder die Frage im Raum, welcher der Bildschirme die Wahrheit zeigt oder ob es drei Wahrheiten gibt, die nebeneinander koexistieren.

Bretans Werk ist handlungsarm und doch spannend. Er beginnt nicht mit der theatralischen Erschaffung des Golems durch Löw, mit rezitierten Formeln und Alchemie. Zu Beginn des Stückes ist eigentlich schon alles geschehen, was zum finalen Entschluss des Rabbis führen wird, seine Schöpfung zu töten. Golem hat sich bereits in Anna verliebt, hat sie sogar geküsst und kann – obwohl ihm die zerstörerische Kraft seines Tuns voll und ganz bewusst ist – nicht davon lassen an sie zu denken und ihren Namen an die Wände seiner Zelle zu schreiben. “Golem” ist das Ringen der Figuren mit ihren Dämonen. Golem ringt mit seiner Liebe und mit der Ungerechtigkeit, der einzige Golem in einer Welt voller Menschen sein zu müssen, alles zu sehen und zu fühlen aber nicht dazuzugehören. Rabbi Löw ringt mit der Entscheidung, das Werk, auf das er so stolz war, wieder zu vernichten. Und Anna ringt mit ihrer Sehnsucht nach Golem, der Sehnsucht nach dem Tod und der Angst.

Große Emotionen auf einer kleinen Bühne erfordern große Stimmen und großes Schauspiel. All das gelingt in der Inszenierung an der Neuköllner Oper. Lediglich Tenor James Clark als Rabbi Löw ist in manchen Passagen textlich nicht hundertprozentig zu verstehen, macht dies jedoch mit einfühlsamem starkem Spiel und klanglicher Qualität wett.

Sopranistin Ulrike Schwab als Anna spielt deren psychische Verfassung mit Bravour und beleuchtet alle Facetten ihrer Zerrissenheit. Lars Feistkorn als Assistent Baruch bleibt Skript-bedingt etwas blass. Unglaublich mitreißend ist jedoch Martin Gerke als Golem. Der Bariton bewegt sich mühelos durch die höchsten wie die tiefsten Passagen der Arien. Seine Stimme umschmeichelt das Ohr, wenn Golem von seiner Anna träumt und prescht im nächsten Moment in ein wütendes Crescendo, wenn er Löw zum wiederholten Mal fragt, warum dieser ihn erschaffen habe.

Das Spiel der Darsteller untereinander ist sehr intensiv. Einer der schönsten Momente der Oper ist dann auch die kurze Begegnung von Anna und Golem in dessen Zelle, bei dem sie ihm zunächst auf dem Glockenspiel vorspielt und sich aus dem Thema ein kleines aber feines Duett der beiden entwickelt.

“Golem” stellt die Frage “Was ist menschlich?” und liefert die Antwort in gewisser Weise gleich mit. Nicht der Rabbi ist es, der die Entscheidung trifft, Golem zu töten. Golem – so wird während des Stückes deutlich – wäre stark genug seinen Besitzer und dessen Gehilfen mit wenig Kraftaufwand umzubringen. Wenn also Löw seine Schöpfung am Ende zerstören kann so nur, weil Golem dies zugelassen hat. Am Ende bleibt ein Satz aus Annas letzter Arie: “Wie ein Mensch soll er begraben werden, denn er hat mich wie ein Mensch geliebt.”

Text: Julia Weber

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Wie vielleicht einigen Lesern schon aufgefallen ist, lässt sich MusiKultur Berlin nun auch als Mobilgerät-freundliche Version mit dem Handy aufrufen. Bei dieser mobil-Ansicht kann es zu Werbeanzeigen am Ende der Seite kommen. Dies hängt damit zusammen, dass wir das Mobil-PlugIn momentan noch als kostenlose Version testen und deswegen diese Werbe-Schaltungen des Hosts in Kauf nehmen müssen. Wir haben keinerelei Einfluss auf die Inhalte dieser Einblendungen. MusiKultur Berlin als solches ist und bleibt weiterhin werbefrei.

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Spannend und aufwühlend: “Fast Normal – Next to Normal” im Renaissance Theater

Nachdem die deutsche Erstaufführung von “Fast Normal – Next to Normal” 2014 in Fürth großen Anklang fand, wird das Musical um eine fast normale amerikanische Familie nun im Berliner Renaissance Theater in der Inszenierung von Torsten Fischer gespielt.

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Foto: Renaissance Theater

Eigentlich sind sie eine ganz normale Familie. Mutter Diana (Katherine Mehrling), die nachts bis in die frühen Morgenstunden auf den umtriebigen Sohn (Dennis Hupka) wartet, Vater Dan (Guntbert Wans), der vor lauter Arbeit kaum weiß, wo ihm der Kopf steht und Tochter Nathalie (Sophia Euskirchen), die musikalisch hochbegabt ist und sich nichts mehr wünscht als Anerkennung.

Doch die Fassade bröckelt. Diana ist manisch depressiv. Sohn Gabe ist schon als Baby gestorben, lebt aber in ihrer Fantasie immer noch. In einer schlimmen Phase beschließt Dan, dass es Zeit ist ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Doch weder Dr Fine (Felix Martin) mit seinem bunten Pillenmix noch Dr Madden (ebenfalls Martin), der auf Gesprächstherapie und Elektroschocks setzt, haben die Wunderformel um Diana zu heilen.

Nathalie, aufgewachsen in einer Welt, in der sie immer nur die zweite Geige nach ihrem toten Bruder spielte, fürchtet sich in Zukunft genau wie ihre Mutter durchzudrehen und findet nur langsam ihren eigenen Weg.

All das ist sicherlich kein leichter Stoff für ein Musical. Doch tatsächlich ist zwischen dramatischen Momenten wie der Elektroschocktherapie, leisen traurigen Zwischentönen und mitreißenden Melodien sogar der eine oder andere Lacher aus dem Publikum zu hören. “Next to Normal” ist schwierig, anstrengend, aufwühlend und tragisch aber an den entscheidenden Punkten auch witzig, leicht und gefühlvoll.

Dies ist nicht zuletzt den hervorragenden Darstellern zu verdanken. Die schauspielerische Leistung aller Beteiligten ist beachtlich. Katherine Mehrling als psychisch kranke Diana schwankt zwischen Euphorie und absoluter Depression und brilliert sowohl in der Passage mit Dr Madden bei dem sie ihre komische Ader voll ausspielen darf als auch in den berührenden Szenen mit Dennis Hupka (Gabe). Von Anfang an wird die Verbindung von Mutter und Sohn hier als etwas Besonderes dargestellt und so versteht der Zuschauer schnell, warum Diana gar nicht möchte, dass diese “Wahnvorstellungen” aufhören. Guntbert Warns glaubt man jede Sekunde den verzweifelten Ehemann und besorgten Vater. Gesanglich kann er mit dem Rest der Cast nicht mithalten, macht dies jedoch durch einfühlsames Spiel wett.

Sophia Euskirchen meistert die Rolle der Nathalie und deren Entwicklung im Laufe des Stücks souverän und Anthony Curtis-Kirby scheint wie geschaffen für seine Rolle als Nathalies Freund Henry.

Das Bühnenbild (Ausstattung: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulus) ist sehr schlicht. Sechs rote Treppenstufen aus Metall führen schräg nach oben. Während sich die Besuche beim Arzt auf der untersten Ebene abspielen, der Verstandes-Ebene, finden andere Szenen auf höher liegenden Ebenen statt. Henry und Nathalie begegnen sich zum ersten Mal im Probenraum der Schule auf Ebene drei und finden über die Improvisation am Klavier zueinander. Gabe hält sich meistens in den höheren Bereichen der Bühne auf, aus denen er nur herunterkommt, um mit Diana zu interagieren. Es gibt kaum Requisiten. Ein roter Kühlschrank an der linken Seite bildet den Lebensmittelpunkt der Familie Goodman, das Zentrum des Hauses. Zwischen Ebene drei und vier wurde ein schmaler Bildschirm angebracht, auf dem verschiedenste Projektionen eingeblendet werden. Mithilfe dieser Bilder und der Lichttechnik werden immer neue Umgebungen und Szenerien geschaffen.

Musikalisch bietet “Next to Normal” einen Mix aus poppigem Musical, Rocknummern und – hin und wieder – Anklängen an die Country-Musik (Musik: Tom Kitt). Die live-Band unter der Leitung von Harry Ermer sitzt hinter den Stufen auf der Bühne und liefert einen hervorragenden Sound. Allerdings passiert es hier bei den Rocknummern wie etwa “Das ist doch wie im Kino”, dass die Band die Sänger übertönt und die Texte dadurch nicht mehr zu hundert Prozent beim Publikum ankommen.

Mehrling liefert gesanglich eine gute Performance ab. Während “Mein Arzt, die Psychopharmaka und ich” mit seinem Flair zwischen Walzer und Französischer Musette hervorragend zu ihrer jazzigen Chansonstimme passt, bleiben andere Nummern, wie das balladeske “Mir fehlen die Berge”, etwas blass.

Sophia Euskirchen beweist, dass sie sowohl zur Rockröhre taugt, als auch verletzlich und schwach klingen kann. Mal beltet sie die Höhen hinaus, mal haucht sie die Töne.

Anthony Curtis-Kirby hat als Henry einen kleinen Glanzmoment bei “Richtig für dich” und Felix Martin darf als Doctor Madden den Rockstar wie den einfühlsamen Arzt mimen.

Ein besonderes Augenmerk gilt allerdings Dennis Hupka, dessen klare, warme Stimme bei “Ich Lebe” ihre ganze Kraft entfalten darf und wie ein roter Faden durch das Stück führt.

Alle Stimmen im Ensemble harmonieren hervorragend miteinander und so sind es die Duette, Trios und Quartette, die besonders mitreißend wirken. Wenn Mehrling, Warnst und Hupka im zeiten Akt gemeinsam “Kein Mensch” singen, ist Gänsehaut ebenso vorprogrammiert wie bei “Superboy und seine Schwester aus Glas” bei dem sich Euskirchen als Nathalie den Frust von der Seele singt und das sich mit Hupka und Mehrling ebenfalls zum Trio mausert.

Das einzige kleine Manko des Stückes sind die deutschen Texte. Titus Hoffmann hat sich bemüht Brian Yorkeys Worte ins Deutsche zu bringen. Über weite Strecken gelingt das recht gut, ab und an holpern die Verse jedoch noch etwas.

Alles in allem bietet “Next to Normal” einen nachdenklichen, berührenden Abend voller guter Musik und exzellentem Schauspiel.

Text: Julia Weber

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Berührendes Kammerspiel: “Die letzte Nacht des Martin Luther King” in der Vaganten Bühne

Um Martin Luther King ranken sich die Legenden. Katori Hall schuf mit “Die letzte Nacht des Martin Luther King” (im Original “The Mountaintop“), dessen deutsche Erstaufführung unter der Regie von Andreas Schmidt am 15. Mai 2015 in der Vaganten Bühne statt fand, ein Theaterstück, das sich dem Mann hinter der Legende mal humorvoll, mal dramatisch, mal surrealistisch nähert.

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Foto: Vaganten Bühne

Dr Martin Luther King (Tino Führer) hat sich nach einem turbulenten Tag auf sein schäbiges Zimmer im Lorraine Motel in Memphis zurückgezogen. Bei Kaffee und Zigaretten will er die Rede “Warum Amerika zur Hölle fährt” für den nächsten großen Auftritt vorbereiten. Er schickt einen Freund los, ihm seine geliebten Pall Malls zu besorgen und ordert beim Zimmerservice seinen Kaffee. Zimmermädchen Camae (Vanessa Rottenburg) ist nicht nur bildschön sondern auch alles andere als auf den Mund gefallen. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Gespräch zwischen Flirt und politischer Auseinandersetzung während draußen ein Gewitter tobt.

Camae gehört zur Black Panther Party. In ihren Augen sind die friedlichen Demonstrationen nicht zielführend. “Demonstrationen bringen nichts”, erklärt sie, flucht wie ein Rohrspatz und entschuldigt sich sofort. Schließlich sitzt sie immer noch im Zimmer eines Pfarrers.

Im Laufe des Abends wird immer klarer, dass Camae nicht nur ein einfaches Zimmermädchen sein kann. Sie weiß zu viel über King, lässt immer mal wieder Hinweise fallen, die den Zuschauer schon früh ahnen lassen, dass die junge Frau von ganz oben geschickt wurde. Das Stück spielt in der Nacht von 3. auf den 4. April 1986. Am 4. April wurde King von einem Heckenschützen ermordet.

Bis Camae jedoch – etwas überzogen theatralisch bei rotem Licht – damit herausrückt, dass sie ein Engel ist, von Gott geschickt um King in den Himmel zu holen, erhitzt sich die politische Debatte zwischen den beiden immer mehr. Camae hält in Kings Schuhen und seinem Sakko eine bewegende Rede, in der sie viel Wahres anprangert, jedoch statt der von King gepredigten Bruderschaft mit den Weißen für einen Fortschritt der Schwarzen ohne Hilfe des “weißen Mannes” plädiert. Die Rede ist so mitreißend, dass King sich am Ende den Kommentar erlaubt: “Das war gut – für eine Frau.”

Als King plötzlich einen Atemstillstand erleidet, schreit Camae ihn mit seinem Taufnamen Michael an, den er seit er ein Junge war nicht mehr benutzt hat. Ihre Tarnung fliegt auf und Camae gesteht ihre Mission.

Bis hierhin ist “Die letzte Nacht des Martin Luther King” wirklich gelungenes, spannendes, mitreißendes und manchmal auch urkomisches Sprechtheater. Vanessa Rottenburg und Tino Führer spielen intensiv und lassen ihre Figuren in jeder Sekunde lebendig werden. Sobald jedoch der übernatürliche Faktor ins Spiel kommt, wird es stellenweise ein wenig zäh.

So ist der Anruf bei Gott, mit dem King versucht die Schöpferin (!) davon abzubringen, ihn jetzt schon in den Himmel zu holen, amüsant und kurzweilig. Alles in allem dehnt sich die Phase zwischen Erkenntnis des Unvermeidlichen und Akzeptanz desselben doch stark. Die ein oder andere Kürzung hätte hier gut getan. Camaes eigene Geschichte ist das Highlight des zweiten Teils. Rottenburg spielt hier mit großartiger Mimik zwischen Verletzlichkeit und Hass.

Der Einspieler am Ende, bei dem Engel Camae ihrer “Aufgabe” Martin Luther King einen Blick in die Zukunft erlaubt, zeigt die Nachrichten zu Kings Tod, Protestmärsche bei denen weiße und schwarze nebeneinander marschieren, aber auch Prominente wie Oprah Winfrey und Michael Jackson. Der Einspieler endet mit Bildern von US-Präsident Obama. Rein aufs Stück bezogen ist dies sicherlich die hoffnungsfrohe Botschaft, die sich King gewünscht hätte. Die Tatsache, dass Obamas Präsidentschaft einiges an Symbolcharakter für die Gleichberechtigung verliert, wenn man sich genauer mit seiner Herkunft auseinandersetzt, wird ebenso verschwiegen wie die Erkenntnisse, dass das Leben in den USA für Menschen mit dunkler Hautfarbe immer noch schwieriger ist als für weiße.

Insgesamt ist “Die letzte Nacht von Martin Luther King” ein berührendes Kammerspiel mit zwei exzellenten Darstellern.

Text: Julia Weber

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