Fetzig: “BRASSBALLETT” im Tipi am Kanzleramt

09.02.2015

Was passiert, wenn fünf Blasmusiker beschließen, fortan auf der Bühne nicht nur Musik zu machen, sondern auch das Tanzbein zu schwingen? Die Antwort darauf gaben die Herren der Hamburger Formation “BRASSBALLETT“ am Freitag im Tipi am Kanzleramt.

brassballett2

Foto: Wassilij Goron

Posaunist Wassilij Goron hatte eines Tages die Idee, eine Brassband zu gründen, die nicht im Schatten eines Sängers oder einer Popband steht, sondern selbst die Hauptattraktion auf der Bühne ist. Nun besteht das “BRASSBALLETT“, eine bunt gemischte Truppe tanzender Blasmusiker, schon seit dem Jahr 2000 und tourt durch ganz Europa.

In schwarzen Anzügen mit dunklen Sonnenbrillen und roten Krawatten betreten die fünf Herren die Bühne mit den Klängen von “I Feel Good”. Begleitet und unterstützt werden sie an diesem Abend von Schlagzeuger Danie Sapcu, Bassist Christian Müller und Gitarrist Giuseppe Piccione.

Neben typischen Big Band Nummern wie “Hit the Road Jack” oder “Walking on Sunshine” gibt es Pop-Klassiker von “Pretty Woman” bis “Hotel California” zu hören. Das Ganze immer etwas anders, als man es gemeinhin kennt, mit einem leichten Bossa-Nova Touch versehen.

Auch vor Bachs Air und Chopins Nocturne wird nicht Halt gemacht. Ob die poppigen Arrangements dieser klassischen Stücke gefallen, ist sicherlich geschmacksache. Sicher ist allerdings, dass alle fünf Herren ihre Instrumente absolut beherrschen. Neben Goron stehen an diesem Abend die Trompeter Felix Meyer, Hans Christian Stephan und Marcus Hector und  Saxofonist Lahins Fernández Castillo auf der Bühne.

Die Besonderheit beim “BRASSBALLETT“ ist jedoch nicht die Stückauswahl, auch wenn die Musik zum Mitklatschen und Mitschnipsen einlädt. Die fünf Herren tanzen während der kompletten Show gleichzeitig zum Spielen. Dass trotzdem kein Ton daneben geht ist alleine schon eine Glanzleistung. Wer allerdings tänzerische Perfektion erwartet, wird diese hier nicht finden. Zwar ist die Synchronität der Bewegungen in den Choreographien hervorragend und es fällt niemand aus der Reihe, doch gerade bei Drehungen oder schnelleren Schrittfolgen fällt auf, dass es große Unterschiede zwischen den Musikern gibt was den Grad der Verschmelzung zwischen Musik und Bewegung anbelangt.

Als Gesamtkonzept funktioniert die Show als bunt gemischtes, ungewöhnliches, Spaß-Konzert. Hin und wieder wird das Publikum mit eingebunden – “Die linke Seite ist jetzt der Schneesturm, die rechte Seite sind die Wölfe” – und macht begeistert mit, bis die Musiker am Ende zu “Pigalle” die Bühne verlassen.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Konzert, pop, Rezension, Show, Tanz | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Augenzwinkernd und unterhaltsam: “Felix Krull” im Theater O-TonArt

06.02.2015

In einer vergnüglichen “Two Men Show” bringen Leonard Scheicher und Felix Strobel den unvollendeten Thomas Mann Roman “Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull” auf die Bühne des Theaters O-TonArt in Schöneberg.

Die Geschichte um Felix Krull, der schon im Kindesalter sein Talent zu Schauspielerei, Betrug und Täuschung entdeckt, war ursprünglich auf sechs Buchabschnitte ausgelegt, von denen Mann jedoch nur drei beendete. Leonard Schleicher und Felix Strobel nutzen den Mann’schen Originaltext, gespickt mit einigen modernen Einwürfen und lassen die Figur Krulls gleich doppelt lebendig werden.

Ein Bühnenbild gibt es nicht. Ein Klavier dient gleichzeitig als Wand, Umkleide und – schlicht und einfach – als Instrument. Requisiten sind nur spärlich im Einsatz, werden aber meist zur Identifizierung der anderen am Geschehen beteiligten Personen eingesetzt.

Schleicher und Strobel spielen beide den Felix, sprechen die Anfangssätze des Romans absolut synchron und wechseln sich von dort an immer wieder ab. Dabei fallen sie auch schon einmal absichtlich aus der Rolle, geben der Handlung eine Metaebene auf der beide Krulls miteinander wetteifern, wer denn die Geschichte nun weitererzählen darf, während der andere in die Rolle des aktuellen Gegenspielers der Hauptfigur schlüpft.

Die beiden jungen Darsteller haben sich die Rosinen aus der Erzählung gepickt. Das Geigenkonzert des jungen Krull wird nicht erwähnt, sehr wohl aber seine vorgespielten Krankheiten. Der Freitod des bankrotten Schaumweinfabrikanten Krull Senior wird zu Anfang bereits erwähnt, als Krull den Priester besticht, damit dieser einem krichlichen Begräbnis zustimmt, taucht jedoch in der Musterungsszene mit dem Regimentsstabsarzt erneut auf.

Vieles wird abgekürzt, einiges übersprungen. Dabei bleibt der rote Faden jedoch stets erhalten. Strobel und Schleicher tauschen fleißig Mäntel, Jacken und Rollen, singen als Soundtrack zu Krulls Reise nach Paris “Sous le ciel de Paris” und begeistern mit Witz, Charme und jeder Menge verrückter Ideen.

Langweilig wird es nie, albern höchstens einmal in der Szene zwischen dem inzwischen als Liftboy “Armand” im Hotel arbeitenden Krull und der Schriftstellerin Madame Houpflé. Diese beginnt herrlich vielversprechend mit einem musikalischen Seitenhieb auf “Die fabelhafte Welt der Amélie”, schweift dann jedoch etwas ins Klamaukige ab.

Neben Houpflé gibt sich auch Lord Kilmarnock ein Stelldichein. Dessen Vorliebe für Felix nimmt im Stück etwas andere Formen an, als in Manns Roman, macht Krulls Ablehnen der fürstlichen Entlohnung, die ihm für den Job als Kammerdiener im Haus des schottischen Adligen angeboten wird, allerdings auch etwas glaubhafter.

Das Stück endet mit der Begegnung Krulls mit dem jungen Marquis de Venosta. Statt sich jedoch lediglich auf den Rollentausch mit diesem Einzulassen, greift Krull in der Interpretation Schleichers und Strobels zu drastischeren Mitteln um sich dessen Position, Namen und Identität für alle Ewigkeit zu sichern.

Strobel und Schleicher spielen mit Feuereifer ihren bunten, humoristischen und manchmal auch nachdenklichen Figurenreigen. Alles in allem garantiert “Felix Krull” eine gute Stunde vergnüglicher Unterhaltung.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Rezension, Theater | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Fabelhaft: „The Wyld“ im Friedrichstadt-Palast

21.11.2014

Der Friedrichstadt-Palast in Berlin hat sich in den letzten Jahren mit immer größeren und  teureren Shows mit internationalem Flair einen Namen gemacht. “The Wyld”, die jüngste Produktion unter der Regie von Manfred Thierry Mugler und Roland Welke, ist ein  einziger Superlativ. Pompös, bunt und glitzernd präsentieren die Beteiligten dort eine
Mischung aus Tanz und Akrobatik, die an Las Vegas erinnert und doch immer ihren   berliner Wurzeln treu bleibt.

urbantribe

Foto: Robert Grischek

Die Show beginnt schon während das Publikum seine Plätze im Zuschauerraum einnimmt. Der Hausmeister des Friedrichstadt-Palastes (Faycal Mihoubi) poliert noch schnell den Spiegel im Ballettprobenraum ehe sich der gesamte Kader zur täglichen Routine aus “Plier, Chassé, Grand Plier, Elevé und Pas de  Basque” einfindet. Die Figur des  Ballettmeisters (Siniša Petrović) ist leicht überspitzt, was schon zu ersten Lachern  führt. Nach diesem Prolog wird es ernst. Die riesigen Vorhänge schließen sich über der Runden Bühne und der “Master of Ceremony”(Patrick Santos de Oliveira) betritt die Bühne, bereit, die Zuschauer durch den Abend zu führen.

“The Wyld” erzählt keine simple Geschichte deren Spannungsbogen sich durch den ganzen Abend zieht. Statt dessen reihen sich einzelne Szenen aneinander, die nach und nach ein Gesamtbild ergeben. Das Bild einer schrillen, verrückten, seltsamen Stadt und ihrer  Bewohner: Ein Bild von Berlin.

Da lebt ein Mädchen ganz alleine oben auf dem Fernsehturm (Lady in the Tower Coraline Arnaud), die sich in einen jungen Mann auf einem BMX-Rad verliebt (stark, Balázs Födváry). Dort trifft sich in eine Clique Punks zum lautstarken Tap-Dance Battle, hier hält Nofretete (Claire-Louisa Paterson) im Museum Hof.

Klare Highlights des Abends sind die Herren von “White Gothic” die Akrobatik vom   Feinsten bieten. Jana und JoshiPosna ernten mit ihrer Pudel-Nummer viel Applaus und einige “ach wie süß” Rufe und nonverbale Laute des Entzückens aus dem Publikum.  Allerdings hat man die Kunststückchen der putzigen Vierbeiner alle vorher schon einmal gesehen.

Die Choreografien (Choreographie: Brian Friedman, Iztik Galili und weitere) sind so   einfach wie effektiv. Lichteffekte, extravagante Kostüme (Kostüm: Manfred Thierry  Mugler) und Synchronität der Tänzer sorgen in Nummern wie “Le Kick C’est Chic” oder “Alien Ball” für Spannung, die diesen in ihrer Essenz eher altmodischen Can Can Nummern sonst gefehlt hätte.

Claire-Louisa Paterson als Nofretete tanzt grazil, elegant und genauso “nicht von dieser  Welt” wie es ihrer Rolle angemessen ist. Unter allen Tänzern sticht jedoch Patrick Santos de Oliveira als Master of Ceremony jedoch besonders hervor. Dafür sorgt einerseits das etwas gruselige Kostüm das ihn als Janus-artige Zwittergestalt erscheinen lässt,  andererseits aber auch die hervorragende tänzerische Leistung, in dem recht ungewöhnlichen Outfit – das linke Bein steckt in einer Art Plastikschiene – noch mit 100 Prozent Körperbeherrschung aufzutrumpfen.

Das Bühnenbild von Jürgen Schmidt-André ist so wandelbar und vielseitig wie es drei Hebebühnen, eine Drehbühne und diverse weitere bewegliche Elemente erlauben. Die Lichttechnik (Alain Lonchampt) und die Videoinstallationen (Marc Vidal) tut ihr Übriges um die einzelnen Schauplätze vom Dach des Fernsehturms bis zum Sternenhimmel über Berlin in sekundenschnelle auftauchen und verschwinden zu lassen.

“The Wyld” ist so vielseitig wie einfallsreich. Wo sonst hätte man zuvor schon einmal einen “Pas de Trois” zwischen zwei Tänzern und einem BMX-Fahrer gesehen? Langweilig wird es an diesem Abend sicherlich niemandem. Dass der eine oder andere die zweite Hälfte der Show als etwas zu abgedreht empfinden könnte, ist möglich. Allgemein sollte man auf die Reizüberflutung gefasst machen. Alles ist bunt, vieles glitzert und dazu kommt Musik, die im Friedrichstadt-Palast tatsächlich noch live gespielt wird. Dafür verantwortlich zeigen sich die Showband, das hauseigene Streichquartett und die
Bläsertruppe unter der Leitung von Daniel Behrens, die von den Sängern Cindy Sander, Olivier Erie St. Louis, Talita Angwarmasse und Victoria Mishchenko unterstützt werden.

Die Stücke und Lieder wurden extra für die Show geschrieben (Komponisten: Daniel Behrens, Tarik Benouarka, Anja Krabbe und weitere). Zwar tauchen hier und da Assoziationen zu bekannten Melodien auf, wie beispielsweise während der Aerial Nummer des Duos Markov, deren Untermalung doch stark an den Soundtrack von “König der  Löwen” erinnert, doch alles in allem ist die Musik der ganzen schrillen Atmosphäre angemessen, upbeat und mitreißend. Zwei Hauptmotive ziehen sich durch den ganzen Abend: Das fetzige “The Wyld” und der Song “Zwischen Himmel und Erde”. Letzterer ist dann auch das einzige echte Manko des Abends, klingt er doch weniger nach Avantgarde als nach Andrea Berg.

Es gibt keine echten Hauptdarsteller in der Show. Zwar tauchen das Mädchen vom Fernsehturm und ihr Freund häufiger auf, doch sie treten nie in den Vordergrund. Hauptfigur – das wird schnell klar – ist Berlin selbst. Dies wird vor allem in der an die Zeit des Chanson erinnernde Nummer „Ich bin ein Berliner“ klar, in der eine ganze Reihe  schriller und weniger schriller Berliner den berühmten Satz von John F. Kennedy zitiert. Die Show ist nicht die Geschichte vom Mädchen im Fernsehturm, es ist auch nicht die
Geschichte von Nofretete und ihrer extraterrestrischen Verwandten, die am Ende des zweiten Teils plöztlich von der Decke geschwebt kommen: „The Wyld“ ist in erster Linie eine unterhaltsame Hommage an Berlin. Am Ende gibt es Standing Ovations. Eine gelungene Show geht zu Ende.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Akrobatik, Rezension, Show | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Grenzerfahrung – Tränen und Schweiß beim Musical-Workshop

07.06.2014

Die Stage School Hamburg führt regelmäßig Intensiv-Workshops in ganz Deutschland durch, unter anderem auch in Berlin. Innerhalb einer Wocher wird ein komplettes Stück erarbeitet und mit Gesang, Tanz und Schauspiel auf die Bühne gebracht. Eine Erfahrung, die Spuren hinterlässt und vor allem eines klar macht: Musicaldarsteller sein, ist ein
Knochenjob. Das hat thatsMusical-Autorin Julia Weber jetzt am eigenen Leib erfahren. Ein Selbstversuch.

Damon Jah 033_1 cut

Foto: Damon Jah

„Eure Arme sind eure Freunde und Freunde lässt man nicht hängen“, ruft Dozent Michael Kemper in die Runde. 42 junge Menschen – hier in Berlin 39 Mädels und drei Jungs – stehen in Reih und Glied, die Beine schulterbreit, die Arme ausgestreckt. Auf Zuruf gehen sie ins Plier, winkeln die Arme an und strecken sie mit dem nächsten Seitschritt wieder. Es ist der erste Tag des Stage-School-Workshops in der ufa Fabrik in Berlin. Schon nach einer halben Stunde Tanztraining wird klar, dass dieser Workshop kein Zuckerschlecken wird.

Die Beweggründe für die Teilnahme sind ganz unterschiedlich. Manche sind noch Schüler oder haben gerade die Schule abgeschlossen und träumen von der großen Musicalkarriere, andere erfüllen sich einen lange gehegten Traum, einmal hinter die Kulissen des Musicalbetriebs zu schauen. Auch die Vorkenntnisse sind unterschiedlich. Manche tanzen seit Kindertagen Ballett, andere haben seit fünf Jahren Gesangsunterricht, wieder andere stehen regelmäßig in ihren jeweiligen Stadttheatern auf derBühne.

Foto Frank Linke_neu

Foto: Frank Linke

Die Intensivworkshops sind offen für all jene, die Spaß am Musical haben, die gerne einmal singend, tanzend und schauspielernd auf der Bühne stehen wollen. Gleichzeitig können die Workshops als Aufnahmeprüfung für die Stage School gewertet werden. Auch aus diesem Grund – und um sich ein Bild von den Qualitäten der Teilnehmer machen zu können – findet am ersten Tag eine Audition statt. Nach dem Aufwärmtraining wird eine kurze Choreografie einstudiert und gleich darauf den vier Dozenten vorgetanzt. Paarweise wird eine Spielszene erarbeitet. Eine Situation soll nur mithilfe der Worte Ja und Nein dargestellt werden. Die Palette der Ideen ist vielfältig, reicht von der Zombie-Invasion bis zum Aufbau eines IKEA-Regals.

Schließlich wird einzeln vorgesungen. Einige der Teilnehmer haben sich eines der Stücke aus dem Notenheft vorgenommen, das zusammen mit der Workshop-CD zwei Wochen zuvor an alle Interessenten verschickt wurde. Andere bringen Stücke aus dem eigenen Repertoire mit. Applaus bekommt jeder, doch manche stechen besonders hervor. Eine der größten Rollen im Stück wird sofort an Sandra vergeben, die stimmlich wie  schauspielerisch absolut überzeugt. Andere Teilnehmer hören von Workshop-Leiterin Anja Launhardt ermutigende Worte: „Tust du mir einen Gefallen? Nimmst du bitte Gesangsunterricht? Du hast so eine natürlich schöne Stimme, da kann man so viel rausholen.“

Der erste Tag endet mit einem ersten Testsingen der beiden Ensemblestücke, die zum Ende des extra für den Workshop geschriebenen Stücks aufgeführt werden. Wer das Niveau von Schul- und Kirchenchörchen gewohnt ist, staunt nicht schlecht, über die Sicherheit und Schnelligkeit, mit der die Teilnehmer unter Anleitung von Jens Pape ihre Melodieparts lernen. Im Anschluss erfolgt die Einteilung in die Gruppen. Das Stück „Quick Change“, in dem es um den Umzug der Musicalschule in ein neues Gebäude geht, setzt sich aus Spielszenen und Tänzen dreier Gruppen zusammen. Erst ganz am Ende
der Probenarbeit, am Tag vor der Aufführung, werden die einzelnen Teile  zusammengeführt. Dies ist ein spannender Moment, da sich erst dann die ganze Erzählstruktur erschließt. Doch bis dahin ist es noch eine Weile hin.

Intensiv-Workshop heißt intensives Proben in den vier Sparten Tanz, Gesang, Schauspiel und Musical-Repertory. Auch Technikunterricht wird an die Teilnehmer herangetragen. Die Tage sind ausgefüllt und so manchem raucht nach acht Stunden Proben gehörig der Kopf. Einige der jüngeren Teilnehmer stoßen an ihre psychischen wie physischen Grenzen. Sowohl Schweiß als auch Tränen fließen in rauen Mengen. Doch Dozent Sven Prüwer erklärt trocken: „Nur wer seine Grenzen kennt, kann sie auch überschreiten“.

Was das im wahrsten Sinne des Wortes bedeutet, erleben die Meisten zwischen Tag drei und vier. Am einen Abend ist Treppensteigen eine Qual und der Muskelkater scheint immer nur noch schlimmer zu werden, am nächsten Morgen sind die Schmerzen schlagartig verflogen. Die mit Michael Kemper erarbeiteten Choreografien sind die einzigen Stücke, bei denen die Musik vom Band kommt. Alles andere wird live gesungen.

Sobald die mit Jens Pape erarbeiteten Gesangsnummern einigermaßen sitzen, übernimmt Anja Launhardt deren Choreografie. Musical-Repertory nennt sich diese Sparte des Unterrichts, die wohl das Musicaltypischste am ganzen Workshop ist. Es sind einfache Choreografien, die passend zu den Stücken auf die Bühne gebracht werden und deren Texte unterstützen. Dabei darf man nur eines nicht vergessen: Man muss multitaskingfähig genug sein, dabei immer noch zu singen.

Zugleich müssen die Workshop-Teilnehmer in ihren Rollen bleiben, diese lebendig und glaubhaft herüberbringen. Da beinahe jeder sehr lange Passagen hat, in denen er zwar auf der Bühne steht, aber nichts zu sagen hat, ist es wichtig, auch wortlos mitzuspielen und nicht zwischenzeitig aus der Rolle und in alte Gewohnheiten zurückzufallen. „Sender an“, ruft Sven Prüwer bei einer der ersten Kostümproben. „Du stehst schon wieder da wie ein Fragezeichen! Präsenz!“

In letzter Minute gibt es noch Probleme. Ein Teilnehmer springt ab und seine Rolle muss umbesetzt werden. Es sind nicht genug Taschenlampen für die Stromausfallszene da. Die Anlage für die Backings kommt erst am Samstagmorgen. Es herrscht beinahe ebenso großes Chaos im echten Leben wie im Stück.

Langsam wird es ernst. Am Samstag vor der Show nimmt die Nervosität langsam zu. Ein erster Komplettdurchlauf des Stücks hakt noch an allen Ecken und Enden. Texthänger,
Geschwindigkeitsverlust, zu leises Sprechen und bei den finalen Stücken „Verone“ und „We want it all“ klingen die Stimmen zu dünn und es fehlt plötzlich wieder die Hälfte vom Text. Die Generalprobe am Sonntag läuft minimal besser. Die Kritik von Anja Launhardt bewirkt jedoch genau das, was sie bewirken soll: Beim Auftritt will man alles richtig machen. Die 200 Zuschauer sollen das Beste zu sehenbekommen, was man in sechs Tagen zustande bekommen kann. Und genau das bekommen sie.

Etwas über eine Stunde erzählen die Workshop-Teilnehmer vom alltäglichen Wahnsinn des Schulumzugs. Da tauchen die Behörden auf und wollen sich versichern, dass die Eröffnungsshow stattfinden kann, dort gibt es einen Stromausfall und die Schüler müssen im Dunkeln proben, weil einer der Handwerker einen Fehler gemacht hat. Im Büro stapeln sich Umzugskisten, im Lehrerzimmer staubt es und der atmungsaktive Spezialputz fängt schon wieder an von der Decke zu bröseln – und zwischen all dem rennt die völlig verzweifelte Schulleiterin umher. Am Ende wird natürlich, wie sich das für eine Komödie gehört, alles gut.

Hier und da fließen Tränen, als sich die teilweise von weither angereisten Workshop-Teilnehmer voneinander verabschieden. Die gemeinsam erlebte Woche – für viele eine Grenzerfahrung – hat Spuren hinterlassen und zusammengeschweißt. „Wir sehen uns wieder“, hört man von überall. „Bei einem anderen Workshop.“ Manche werden sich vielleicht auch an der Stage School wiedersehen. Die Zusagen für diejenigen, die sich die Woche als Aufnahmeprüfung haben anrechnen lassen, werden jedoch noch etwas auf sich warten lassen.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Hintergrund, Musical | Hinterlasse einen Kommentar

Zwischen Zwei Welten: „Hedwig and the Angry Inch“ im Admiralspalast

02.06.2013

Im Admiralspalast-Klub in Berlin befindet sich der Ort, an dem Hedwig ihre Geschichte erzählen darf. Über eine im Regen etwas glitschige Betontreppe betreten die Zuschauer den kahlen Kellerraum. Sofas und Sessel stehen in mehreren Reihen im lockeren Halbkreis um die Bühne, die sich mit Einbauschränken von anno dato, einem Perserteppich und einigen alten Röhrenfernsehern perfekt in die Umgebung einfügt (Bühnenbild: Momme Röhrbein). Kleine Tische stehen hier und da. Es herrscht
Wohnzimmeratmosphäre bei „Hedwig and the angry Inch“.

Hedwig and the Angry Inch

Foto: Dennis Veldman

Hedwig (Sven Ratzke), ein dank der Kostüme von Angelika Rieck und der Maske von Ulrike Reimann schillernd buntes Wesen, eine Grenzgängerin zwischen Ost und West, DDR und BRD, Deutschland und Amerika, Mann und Frau, betritt den Raum. Einen Vorhang gibt es nicht. Die Band, bestehend aus Gitarrist (Jan Terstegen), Keyboarder (Chriostopher Noodt), Bassist (Florian Friedrich), Schlagzeuger (Hans Schlotter) und Backgroundsänger/in Yitzhak (Maria Schuster) spielt natürlich live. Die Musik ist rockig, fetzig, mitreißend und leider in den ersten Reihen ein wenig zu laut.

Der Amerikaner John Cameron Mitchell schuf Anfang der 1990er Jahre diese Figur, die so vieles in sich vereint, verarbeitete in ihrer Geschichte, die sie dem Zuschauer in den  nächsten Stunden erzählen wird, auch eigene Erfahrungen, mixte eigene Eindrücke aus dem geteilten Berlin mit der Geschichte einer Babysitterin in seinem Elternhaus, die sich nebenbei als Prostituierte verdingte.

Die Musik zur Story lieferte Stephen Trask. Ohrwurmträchtige Rocknummern mit Country-Einflüssen, leise Balladen und Punk-Einlagen bilden ein kunterbuntes lautes Gesamtbild. Die Musik ist eine der großen Stärken dieser Produktion, lädt ein zum mitwippen, mitsingen, mittanzen. Es ist beinahe sicher, dass am Ende des Abends eine Melodie aus „Wicked little Town“ oder „Wig in a Box“ noch stundenlang im Kopf herumspukt. Ratzke intoniert tonsicher und mit passender Rockröhre, Schuster glänzt lange Zeit nur im Hintergrund, reißt jedoch mit ihrem Stück „Gigolo“ das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Was ist das für eine Geschichte, die Hedwig erzählt? Hedwig wurde als mädchenhafter Junge Hansel in Ostberlin als Kind einer deutschen Mutter und eines Amerikaners  geboren. Erste Berührungen mit dem Westfernsehen brachten „Jesus Christ Superstar“, das Feindsenderhören im Backofen (!) der kleinen Wohnung brachte die Begeisterung für amerikanische Musik mit sich. Als Hansel einen US-Soldaten kennen lernt, kommt eins zum anderen. Um aus dem Osten zu entkommen und den Amerikaner heiraten zu können, wird Hansel zu Hedwig – aber der Kurpfuscher, der die Operation vornimmt, lässt einen „angry Inch“ zurück.

Und so bleibt Hedwig immer irgendwie zwischendrin, gehört nie klar zu einer Seite. In Amerika strandet sie in einem Trailerpark. Dann lernt sie Tommy, den Jesus-Freak kennen und lieben. Doch Tommy wird mit Hedwigs Songs berühmt, nutzt sie aus und lässt sie schließlich sitzen. Immer wieder geht eine Tür auf der Bühne auf und man hört den Jubel von Tommys großem Konzert, irgendwo da draußen. Hedwig hingegen tourt mit ihrer zusammengewürfelten Band durch die Vororte oder spielt eben im Keller unterm
Admiralspalast. Immer dabei: Yithzak, der einst ihre Vorband spielte und nun als  Backgroundsänger bei Hedwig arbeitet, die ihm verboten hat, jemals wieder eine Perücke zu tragen. Genau wie Hedwig ist Yithzak in vielerlei Hinsicht eine tragische Figur – einer, der irgendwo gelandet ist, wo er eigentlich nie hin wollte und nicht genau weiß, wie er da wieder herauskommen soll.

„Hedwig and the angry Inch“ ist eine typische Berliner Geschichte. Viele Witze der Produktion richten sich in der deutschen Fassung von Wolfgang Böhmer und Rüdiger Behring ans Berliner Publikum, insbesondere an die Generation, die die Trennung Deutschlands und den Mauerfall noch miterlebte. Hedwig selbst kann man lieben oder hassen, verstehen oder kopfschüttelnd ignorieren. Tatsache ist: Jeder wird sich in irgendeiner der Facetten dieser vielschichtigen, widersprüchlichen Figur wiederfinden,
die ihren Platz in der Welt sucht und dabei mit der Vergangenheit und dem Schicksal hadert. Wenn man sich auf dieses schräge, bunte Wesen einlässt, verspricht die Produktion unter der Regie von Guntbert Warns im Klub des Admiralspalasts jede Menge Spaß, Glamrock und den einen oder anderen nachdenklichen Moment.

Am Ende wird Hedwig sich mit ihrer Vergangenheit und ihrer Nemesis Tommy Gnosis versöhnen, wird Yitzhak seine Perücke zurückbekommen. Und in Berlin wird man sich ein wenig fühlen, als sei man im „Wicked little Town“ gelandet, einer kleinen verrückten Stadt, die ein wenig schräg ist, ein wenig seltsam, aber trotzdem liebenswert.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Musical, Rezension | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar