Spannend: „Schwestern im Geiste“ in der Neuköllner Oper

25.03.2014

In der jährlichen Koproduktion der Neuköllner Oper mit dem Studiengang Musical der Universität der Künste in Berlin, werden die Zuschauer in diesem Jahr ins England des 19. Jahrhunderts entführt, genau genommen in den Haushalt der berühmten Schriftsteller-Schwestern Brontë. Eingängige Melodien und faszinierende Charaktere machen das Musical „Schwestern im Geiste“ zu einem Genuss.

Milly und Aydin stehen kurz vorm Abi. Beide sind Sorgenkinder für Lehrerin Lotte. Während Aydin (Jacqueline Reinhold) eventuell die finalen Klausuren gar nicht mehr schreiben wird, da sie ihren Cousin heiraten soll, der in Bursa eine Autowerkstatt hat, ist Milly (Rubini Zöllner) resistent gegen jeglichen gut gemeinten Rat. Die Schwestern Brontë und deren Werke, mit denen sie sich im Deutschunterricht auseinandersetzen soll, interessieren das Mädchen wenig. Gerade mal den Kinderschuhen entwachsen, neigt die eigentlich schlaue junge Frau schon zum Zynismus und sieht keine Perspektive
für ihre Zukunft. Lotte (Teresa Scherhag) würde ihr gerne helfen – auch deshalb, weil sie mehr für das Mädchen empfindet, als für eine Lehrerin schicklich und erlaubt ist.

Im viktorianischen England leben vier Geschwister unter einem Dach. Der älteste, Branwell (Andres Esteban), ist hochbegabt, scheitert jedoch ein ums andere Mal beim Versuch, eines seiner Manuskripte veröffentlichen zu lassen und bringt sich mit Frauengeschichten und Alkohol immer wieder in Schwierigkeiten. Die Schwestern sind klug – eine Eigenschaft, die in einer Gesellschaft, in der Frauen hauptsächlich das nette Accessoire des Mannes sind, die Gäste zu bewirten und die Kinder zu gebären haben, nicht gern gesehen wird. Die wilde Emily (Dalma Viczina) pfeift auf die Menschen und läuft lieber durch die Natur. Charlotte (Keren Trüger), die Älteste, träumt von der Karriere als Schriftstellerin und
gleichzeitig davon, dass ihr der eigene Mr. Rochester in den Schoß fällt, eine schillernde Persönlichkeit mit einem dunklen Geheimnis, wie sie ihn sich in ihrem Roman „Jane Eyre“ ausgedacht hat. Als Arthur Nichols (Denis Edelmann), ein solider Pfarrer, um ihre Hand anhält, zögert sie deswegen sehr lang. Anne (Katharina Abt), die Jüngste, verliebt sich wiederum unglücklich in den Freier ihrer Schwester, wagt jedoch niemals, dies auch zuzugeben.

In zwei parallelen Ebenen werden die Geschichten von Milly, Aydin und Lotte auf der einen und den Brontë-Geschwistern auf der anderen Seite erzählt. Das Bühnenbild (Ulrike Reinhard) besteht aus in Weiß auf Schwarz geschriebenen Sätzen aus den Büchern der drei Schwestern, die sich in Stufen nach oben stapeln. Requisiten gibt es kaum. Zwei Tische, ein paar Stühle, eine frei im Raum stehende Tür. Mehr ist nicht nötig, um die Geschichte zu erzählen. Liebevoll ist jede einzelne Figur bis ins Detail ausgearbeitet. Dazu gehören auch die Kostüme von Anna Hostert. Insbesondere Hausmädchen Tabby
(Sabrina Reischl) bleibt auf der Ebene der Brontë-Zeit im Gedächtnis. Sie sorgt frech und pfiffig für so manchen Lacher, wenn sie Charlotte in Sachen Männer und Ehe berät („Kommt ein Mann, der dich fragt, sag ja!“), wie ein Derwisch mit einem Besen durchs Haus tanzt oder durch gezielten Einsatz ihrer weiblichen Reize Arthur um den Finger wickelt.

Durch das gesamte Stück ziehen sich die Verbindungen zwischen Emily und Milly, Aydin und Anne sowie Charlotte und Lotte. Emilys Roman „Sturmhöhe“ wird nach seiner Publikation in erster Linie deswegen zum Skandal, weil keine der Figuren darin wirklich liebenswert ist und in allen Einzelheiten die Grausamkeit der Menschen beschrieben wird. Ähnlich wie Catherine Earnshaws Liebe zu Heathcliff, ist auch für Emily ihr Bruder Branwell die einzige echte Bezugsperson. Als dieser sich in Reaktion auf den literarischen Erfolg seiner Geschwister und das eigene Versagen zu Tode säuft, zerbricht auch
Emily. Millys Lied „Erzähl mir nichts“ und Emilys „Ich brauche den Wind und den Sturm und den Regen“ sind Ausdruck des gleichen Überdrusses gegenüber der gesamten Gesellschaft.

Charlotte und Lotte sind beide nach außen hin stark und selbstbewusst. Charlotte ist es, die den Haushalt der Brontës zusammenhält und die ihre Schwestern ermutigt, ihre Manuskripte unter den männlich klingenden Pseudonymen Currer Bell, Acton Bell und Ellis Bell an den Verleger zu senden. Lotte lebt alleine, hat studiert und reagiert auf Ailyns Neuigkeiten, dass sie gedenkt, sich verheiraten zu lassen, mit absolutem Unverständnis.

Aidyn schließlich scheint sich zunächst ohne Wiederstand den Wünschen ihres Vaters zu beugen. Erst nach einer Auseinandersetzung mit Lotte wird klar, dass auch Aydin Träume hat – nämlich eine glückliche Familie mit einer Professur in Istanbul vereinen zu wollen.

Während Charlotte und Lotte sich über weite Strecken nur über die Distanz der gesamten Bühnenbreite verständigen, verwischen zwischen Milly und Emily sowie Aylin und Anne am Ende die Grenzen zwischen den Parallelwelten, insbesondere, als Anne ihr modernes Ich auffordert, für ihre Träume zu kämpfen.

Die Musik von Thomas Zaufke ist mitreißend, einige der wiederkehrenden Themata bleiben lange im Ohr. Die von Neva Howard choreografierten Ensemblestücke, allen voran „Skandal/Erfolg“ sind fetzig und begeistern. Die Texte von Peter Lund und die Melodien der Solostücke unterstreichen die Charaktere der einzelnen Figuren und geben den durchweg hervorragenden Stimmen der Darsteller Raum, sich in Gänze zu entfalten.

Neben „Waren mal drei Schwestern“, das als Grundmotiv immer wieder auftaucht und den Zuschauern in seiner Einfachheit und gleichzeitigen Bedrohlichkeit einen Schauer über den Rücken laufen lässt, ist ein weiteres sich wiederholendes Melodiesegment das Lied über „Angria“. Einst schrieben Branwell und Charlotte gemeinsam eine Geschichte, die von einer Schlacht auf hoher See um dieses von ihnen erdachte Land handelte. In einer Erinnerungssequenz gleich am Anfang des Stücks segeln die vier Geschwister übers Meer, hissen die Segel und verschwinden für einen Moment in ihren kindlichen
Träumen, ehe Charlotte mit einem trockenen „Wir sind nicht mehr in Angria“ den Traum mit einem Schlag zerplatzen lässt.

Wer die Werke und Biografien der drei Schwestern kennt, wird viele Kleinigkeiten im Stück entdecken, die nur angedeutet oder in Zwischentönen erzählt werden. „Schwestern im Geiste“ bietet jedoch nicht nur Brontë-Fans einen unterhaltsamen Abend voller Emotionen, sondern ist spannende Unterhaltung für jedermann, der gute Musik und ausgefeilte Charaktere schätzt.

Text: Julia Weber

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Nachdenklich und humorvoll: „Stimmen im Kopf“ in der Neuköllner Oper

18.03.2013

Ein Musical über ein so ernstes Thema wie psychische Störungen? Ein Musical, das in der geschlossenen Anstalt spielt? Geht das überhaupt? Dass es geht, zeigen eindrucksvoll die jungen Ensemblemitglieder bei „Stimmen im Kopf“ von Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Text), einer Koproduktion der Neuköllner Oper mit dem Musical/Show-Studiengang der Universität der Künste.

Das Bühnenbild (Ulrike Reinhard) sieht aus wie ein Krankenhausflur. Vanillegelbe Wände mit einem blauen Streifen auf Betthöhe, einige blaue Türen führen in angrenzende Räume. Rechts hat man durch halb geschlossene Jalousien einen Blick aufs Ärztezimmer, links hinten spielt die Band in blauer Kleidung im OP

Mit „Willkommen im Club“ wird das Publikum auf der Station begrüßt. Die Musik von Wolfgang Böhmer ist durchweg stimmig, reicht von Rocknummern über Revuestücke („Visite“) bis hin zu ruhigen Balladen.Die Stücke sind neu komponiert, doch so ausgefeilt und eingängig, dass man glaubt, sie schon einmal gehört zu haben. Die Choreografien von Neva Howard in den Massenszenen sind hervorragend und die Synchronität und Akzentuiertheit des tanzenden Ensembles kann durchaus mit größeren Produktionen mithalten. Schon nach dem ersten Song wird klar: Was hier geboten wird, hat Potenzial, macht Spaß
und begeistert auch, weil die Texte von Peter Lund dem Publikum immer wieder ein Lachen entlocken.

Nadines Zimmernachbarin wird Karla, ausgebrannte Bankangestellte mit dissoziativer Kontaktstörung. Außerdem lernen wir Frau Dermici, die bekloppte Russin kennen (Venera Jakupov), das 23-jährige Missbrauchsopfer Jenny (Anna Pircher), die sich benimmt als sei sie fünf, Philipp (Patrik Cieslik), den hochbegabten Verschwörungstheoretiker mit den Ticks, und Herbert, die Pennerin vom Alex, die mit zwölf von zu Hause abgehauen ist, weil da nur ihr Trinkervater wartete.

All diese Patienten stehen unter der Aufsicht des gut aussehenden Assistenzarztes Dr. Thomsen (bedient jedes Klischee über den Halbgott in Weiß: Christian Funk) und der Stationsschwester Eva (Yvonne Greitzke). Die beiden sind ein Paar, doch Thomsen behandelt seine Freundin stets von oben herab. Er verschreibt viel zu starke Beruhigungsmittel, sie versucht mit den Patienten zu reden und diese zu verstehen. Die beruflichen Spannungen führen schließlich auch privat zum Eklat.

Dann gibt es da noch die jodelnde Amtsärztin (herrlich schräg, ebenfalls Verena Jakupov), die Herbert ins Heim stecken und ihren Hund einschläfern lassen will und den nett-liebenswerten BuFDi Hannes (Christian Miebach), der sich der Avancen der niedlichen Jenny nicht erwehren kann.

Das Musical entstand nach Gesprächen der Studenten mit psychisch Kranken. Die Szenen mögen überspitzt dargestellt, die Charaktere erfunden sein – doch die Geschichte bleibt immer glaubhaft. Vom morgendlichen Stuhlkreis, in dem die Aufgabenverteilung für den Tag besprochen wird, bis zur Musiktherapiestunde werden viele unterschiedliche Facetten des Alltags auf der Station beleuchtet, und hin und wieder fragt man sich, wer hier eigentlich „verrückt“ und wer „normal“ ist.

Nadine freundet sich mit den anderen auf ihrer Station an. Insbesondere mit Philipp versteht sie sich gut. Der Start ihrer Beziehung zu Herbert ist etwas holprig, doch nach einem gemeinsam gerauchten Joint („Komm, wir gehen fliegen!“) scheint die Welt in Ordnung.

Das durchweg junge und engagierte Ensemble wartet mit tiefem, intensivem Spiel auf. Jede einzelne der Rollen ist detailliert ausgearbeitet und durchdacht. Hinzu kommt, dass wirklich alle Ensemblemitglieder ausnehmend starke klare Stimmen haben. Besonders bemerkenswert sind hier Maria-Danaé Bansen (Karla), die vom gehauchten Piano bis zum verzweifelten Forte niemals wackelt und ein unglaublich berührendes „Ich schau zu“ singt, Larissa Puhlmann (Babsi), die in „Arme kleine
Schwester“ ihrer Wut Luft macht, und Marion Wulf (Herbert), die Nadine ein wütendes „Versprich mir nichts“ an den Kopf knallt, nachdem diese ihr anbietet, die Anzeige wegen Drogenbesitzes, die Herbert droht, durch eine Selbstanzeige abzuwenden.

Nadine-Darstellerin Theofanidis spielt durchweg stark und ist gesanglich solide, schreit allerdings in den lauteren Passagen oft ein bisschen zu sehr. Patrik Cieslik spielt die Rolle des Philipp intensiv und glaubhaft und fällt keine Sekunde aus der Rolle. Von Christian Miebach hätte man gern mehr gehört. So kommt seine klare Tenorstimme nur beim Schlaflied zur Geltung, das Hannes für Jenny singt. Jenny selbst ist keine große Gesangsrolle, verlangt Anna Pircher aber  schauspielerisch einiges ab.

Neben den Sorgen und Nöten der einzelnen Charaktere, die mal in Solostücken mal im Duett (hier besonders hervorzuheben das Duett „Keiner außer mir“ von Daniel und Nadine), mal im Trio („Zu Hause“, gesungen von Jenny, Herbert und Nadine) ausgeleuchtet werden, lässt „Stimmen im Kopf“ aber auch die Angehörigen zu Wort kommen. So dürfen sich Babsi und Röder in einem Tango-Duett darüber auslassen, dass es keinen interessiert wie es ihnen geht, weil alles sich auf Nadine fixiert. „Auch normalen Menschen geht es schlecht.“

Überhaupt stellt sich immer wieder die Frage, wo die psychische Störung anfängt und was einen Menschen als krank definiert. Schwester Eva und Nadine haben ganz ähnliche Probleme, doch gilt eine als krank, die andere als gesund. Immer wieder wird auch klar, wie machtlos Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Angehörige den Erkrankungen gegenüberstehen. Der eine verschreibt Pillen, einer macht Gesprächstherapie und mancher versucht die Krankheit schlicht zu ignorieren und dadurch totzuschweigen. Aber im Endeffekt hat Karla recht, wenn sie sagt: „Entweder wir schaffen es selber, oder wir schaffen es gar nicht.“

Daniel (Dennis Dobrowolski), die Stimme in Nadines Kopf, wird eifersüchtig auf Philipp, und in einem verzweifelten Moment knallt Nadine ihrem neu gewonnenen Freund auf Drängen Daniels ein „Du bist verrückt!“ an den Kopf. Philipp, bisher der festen Ansicht, eine Seelenverwandte gefunden zu haben, ist am Boden zerstört.

Die Stationsdisco wird schließlich zum Schauplatz einer Tragödie. Herbert, die inzwischen nicht mehr glaubt, dass sie noch irgendwas vor der Willkür der Amtsärztin retten kann, betrinkt sich und springt aus dem Fenster.

Am Ende wird jedoch in mancher – jedoch nicht in jeder – Hinsicht alles gut, als Nadine realisiert, dass sie die Krankheit niemals loswerden wird, aber lernen kann, damit umzugehen. Sie entscheidet sich gegen Erlangen und für die Station, gegen Röder und für Philipp. Am Ende möchte man gerne wissen, wie die Geschichte weitergeht und was aus den lieb gewonnenen Figuren wird, und geht nach einer letzten Zugabe von „Willkommen im Club“ beschwingt, aber auch nachdenklich nach Hause.

Text: Julia Weber

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Wortgewaltig: „Im Anhang war das Word“ in der Kulturbrauerei

12.05.2012

Im Maschinenhaus der Berliner Kulturfabrik tummelt sich ein kleines Publikum vor einer beinahe leeren Bühne. In den nächsten eineinhalb Stunden wird hier Tom van Hasselt, Mitglied der Stammzellformation, sein Soloprogramm „Im Anhang war das Word“ präsentieren. Dieses Programm, so van Hasselt zu Beginn der Show, sollte eigentlich „Am Anfang war das Wort“ heißen. Aber die Rechtschreibkorrektur ist überall, und wenn man nicht aufpasst, sind alle Flyer schon gedruckt, bevor man den Fehler bemerkt.

Der junge Kabarettist spielt mit den Erwartungen der Zuschauer, jongliert virtuos mit Worten und verkörpert dabei abwechselnd sich selbst, den Oberprogrammierer Hassat Velmont, dessen Exfrau Svante Thomsal und eine ganze Reihe weiterer Charaktere, die sich auf der MS Facebook oder in der Cloud tummeln.

Die Geschichte von Tom, der das Passwort nicht findet, um sein selbst geschriebenes Programm zu öffnen, und der sich schließlich als Opfer des übermächtigen Oberprogrammierers der Aufgabe gegenübersieht, diesen Staatsfeind Nummer ein zu finden und zu überführen, bietet die Basis für gesellschaftskritische Betrachtungen, die nachdenklich machen, aufhorchen lassen.

Van Hasselt nimmt alles aufs Korn, was die Generation Facebook ausmacht. So bittet Svante ihren Hassat: „Öffne mal ein neues Fenster“, und muss im nächsten Vers betonen, dass sie damit nicht das Fenster der Windows-Benutzeroberfläche meint, sondern das reale Fenster im Flur. Dem Zuschauer wird vor Augen geführt, wie durch die Informationsschwemme, die virtuelle Datenflut, die Onlinevernetzung mit „Freunden“ und das ständige sich Mitteilen auf all den verschiedenen Internetplattformen das Zwischenmenschliche im Hier und Jetzt manchmal zu kurz kommt, wie trotz all der geschriebenen, getwitterten, geposteten Nachrichten doch in den entscheidenden Momenten die Worte fehlen.

Das alles wird verpackt in fetzige Songs, deren Melodien für den Moment unterhalten, allerdings keine Ohrwürmer sind (vermutlich ganz im Sinne des Erfinders, der anmerkt: „Ein Hit heißt deshalb Hit, weil er so lange auf deine Geschmacksnerven einprügelt, bis die sagen: Okay, wir ergeben uns, es ist toll. Das nennt man auch das audiorezeptive Stockholmsyndrom.“) und eher den Text unterstützen als sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Während der Show bedient der Komponist gleich fünf Instrumente, spielt in einem Stück sogar gleichzeitig Klavier und Vibraphon, während er singt. Respekt verdient an dieser Stelle besonders das Duett zwischen Svante und Tom, in dem van Hasselt ständig
zwischen Fistel- und Normalstimme wechselt.

Van Hasselt macht in seiner One-Man-Show kurz gesagt beinahe alles richtig. Beinahe? Ja, nur beinahe, denn auf der MS Facebook gibt es plötzlich einen Kurzabstecher in Richtung Politkabarett, der nicht so ganz zum restlichen Konzept des Musicals passen möchte, auch wenn die pointierten Texte einige Lacher beim Publikum hervorrufen. Alles in Allem jedoch unterhält das Programm (ob nun passwortgeschützt oder nicht) mit intelligenten Texten und immer wieder neuen  überraschenden Wendungen. Man findet sich selbst in den von van Hasselt erdachten Figuren wieder, muss unwillkürlich über sich selbst lachen, wippt im Rhythmus der Musik und wundert sich am Ende, dass das Programm tatsächlich schon vorbei ist.

Text: Julia Weber

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Chaos im Kopf : „Hauptquartier“ in der Kulturbrauerei

28.05.2012

Alles beginnt, als Melanie Haupt und Vivan Bhatti, beide Mitglieder der in der Berliner Kulturfabrik beheimateten Stammzellformation, an einem heißen Tag gemeinsam „an der Bar des einzigen Saloons im Umkreis von 100 Metern“ hocken. Ein Einbruch wird geplant. Der Einbruch in Melanies Kopf. „Das ist ja nicht mal illegal“, beschwert sich ihr Kumpel.

Und plötzlich finden sich die beiden in einem Raum ohne Wände wieder, in Melanies Gehirn. Dieses erweist sich zunächst als eine ziemliche Enttäuschung, denn der Raum ist leer bis auf eine winzige Bretterbude. An der Bretterbude befinden sich jedoch eine Klingel und der Verweis „Hier klingeln für Emotionen, Informationen, Erinnerungen“.

Die Frage „Was bin ich, wer bin ich und warum bin ich eigentlich so“, stellt sich wohl jeder von Zeit zu Zeit, und so lässt der Anfang des Stücks hoffen auf Wiedererkennungsmomente, Selbstironie, vielleicht auch die ein oder andere Erkenntnis. Leider werden diese Erwartungen nicht erfüllt. Die musikalische
Erzählung – denn dies ist, wie man schnell merkt, kein Musical im eigentlichen Sinne – plätschert vor sich hin. Die Songs, bei denen Vivan Bhatti seine Virtuosität an der Gitarre unter Beweis stellt und Melanie Haupt eine hervorragende gesangliche Leistung vorlegt und zeigt, dass sie neben Deutsch auch Italienisch, Französisch, Englisch und Russisch beherrscht, wirken willkürlich ausgewählt und scheinen nichts mit der Handlung zu tun zu haben.

Haupt erzählt – mit Bhatti als komödiantischem Sidekick – mit viel Elan und in ständig wechselnden Rollen eine Geschichte, die viel Potenzial hat. Was macht uns zu dem, was wir sind? Was erwartet man, wenn man an seiner eigenen Tür auf die Klingel unter besagtem Schild drückt. Wer öffnet einem die Tür? Es sind doch oftmals unsere Mitmenschen, die in unserem Kopf herumspuken. Die  Familie, der ätzende Mitschüler aus der Grundschule, die beste Freundin, der Ex-Freund. Doch statt echten Menschen begegnet Melanie hier ihren  personifizierten Eindrücken von Kleingeist über Langeweile und Wut bis hin zu Gelassenheit und Humor.

Zwischen all diesen Figuren und Emotionen springt sie von einer Sekunde zur anderen hin und her, hängt mal als Humor lachend überm Barhocker und brüllt im nächsten Moment mit hochrotem Kopf als Wut herum. Wo diese Emotionen in ihrem Kopf eigentlich herkommen, was ihr Auslöser ist, wird nicht verraten. Und genau hier ist der Knackpunkt. Denn als Zuschauer ist die Identifikation mit der Figur, das Mitfühlen, Mitempfinden, Verstehen, wohl nur möglich, wenn er Beweggründe nachvollziehen kann. Da diese Beweggründe nicht erklärt werden, bleibt das Ganze etwas eindimensional.

Was bringt es, in den eigenen Kopf einzubrechen und dort seine gesammelten verqueren Emotionen zu treffen, wenn man die Ursache für diese Emotionen nicht mitgeliefert bekommt? Niemand ist einfach so grundlos wütend. Man hätte sie gerne erfahren, die Gründe für das Chaos im Kopf. Stattdessen wird der Zuschauer am Ende der Show nach 90 Minuten mit einer Lösung abgespeist, die schlicht unbefriedigend wirkt – Melanie erkennt, dass all diese Emotionen zu ihr gehören, dass dieses Chaos ein Teil von ihr ist und dass sie Gelassenheit, Humor und Erkenntnis ziemlich sympathisch findet. Aha. Und jetzt? Ist die Frage „Wer bin ich, was bin ich und warum bin ich eigentlich so“ damit beantwortet? Es bleibt von diesem Einbruch ins Gehirn ein großes Fragezeichen.

Text: Julia Weber

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Clever und witzig: „Die Drei von der Stammzelle“ im BKA Theater

12.06.2013

Die Stammzellformation ist schon eine feste Institution in der Berliner Musicalszene. Dass die Truppe Musicals schreiben, mehrere Instrumente spielen und singen kann, sollte also nicht überraschen. Dass sie sich auch auf Satire versteht, zeigt sie jetzt mit „Die Drei von der Stammzelle“ auf der Bühne im Berliner BKA-Theater.

Eigentlich sind Tom (Tom van Hasselt), Franz (Franz Frickel) und Nini (Nini Stadlmann) nur drei weitere gescheiterte Freigeister in Berlin. Die kleine Band, die die drei vor Jahren gegründet haben, hat keinen Erfolg, einen Fernsehauftritt haben sie trotz Franz‘ Versprechen, ihnen einen zu besorgen, auch noch nicht gehabt. Und so fristen sie ihr Dasein in Franz‘ Kneipe, der „Stammzelle“ und träumen „in der Bar der altbekannten Verkannten“ vom Ruhm.

Eines Tages tauchen die Hinterbänkler (ebenfalls Hasselt, Frickel und Stadlmann) in der Bar auf. Auch wenn die drei unterschiedlichen Parteien angehören (die Mutti ist bei der CDU, der Vater bei der FDP und der chaotische Sohn bei der Piratenpartei), haben sie das gleiche Problem: Sie müssen eine Rede im Bundestag halten. Bisher sind sie da immer drum herum gekommen und hatten „auf der letzten Bank“ ein nettes, überdurchschnittlich gut bezahltes Leben.

Die drei von der Stammzelle sehen ihre Chance gekommen. Die Hinterbänkler werden mit Ninis „Cocktail Deutschland“ ausgeknockt und Nini, Tom und Franz nutzen die Chance, dem ganzen Land zu zeigen, was der Politik fehlt: Eine gehörige Portion Show und Spektakel.

Bald darauf sind sie mit ihrer frisch gegründeten Partei, der PDF zu Gast im „Heute Journal“, casten neue Mitglieder im Publikum und werden im Handumdrehen zur beliebtesten Partei in den Forsa-Umfragen. Bei einer von einem anonymen Spender geschenkten Ballonfahrt schauen Nini und Franz auf Deutschland hinunter. Bei „das ist alles mal deins“ knistert es gehörig zwischen den Beiden. Ein Zwischenfall, der auch von Tom, der schon seit Ewigkeiten in Nini verschossen ist, nicht unbemerkt bleibt. Die innerparteiliche Krise ist nicht mehr abzuwenden.

Noch einmal treten die Drei beim Bundespresseball „Nur für die Show“ gemeinsam ins Rampenlicht. Doch es bleibt die Frage offen, wer Kanzlerkandidat werden soll. Während Nini mit „Wenn ich erst Kaiserin bin“ die Monarchie in Deutschland wieder einführen möchte, inszeniert sich Tom als „Abwrackkanzler“, der kurzerhand alle Frauen, alle Idioten und alle anderen außer sich selbst abwracken möchte. Franz schließlich rock’n’rollt sich mit „Franz, der Kanzler“ in die Herzen der
Wählerschaft.

Die Hinterbänkler haben sich derweil aus dem Staub gemacht und sitzen nun im Europaparlament, das gerade beschlossen hat, die Musik in Fußgängerzonen auf maximal zwei Minuten, zwei Akkorde und nicht zu viel Inhalt zu normieren. Doch Hans Hinterbänkler hat einen anderen Plan. Er träumt von einem Hinterbänkler-Schattenkabinett.

Hasselt, Stadlmann und Frickel spielen mit viel Begeisterung und vollem Körpereinsatz. Da werden in der „Heute Journal“-Szene schon mal fünf Rollen von drei Darstellern gespielt, werden hinter der Bühne in Sekunden Perücken gewechselt und selbst das Unmögliche (eine Kampfszene zwischen Franz und Hans, beide gespielt von Frickel) möglich gemacht. Der Showdown zwischen Hinterbänklern und den drei von der Stammzelle wird schließlich nicht gespielt, sondern als Regieanweisung vorgelesen: Der klassische Mauerblick ist hier eine wirklich geschickte und vermutlich die einzig richtige Lösung.

Die Musik – wie immer live von den drei Darstellern auf Keyboard, Gitarre, Querflöte, Schlagzeug und Bass gespielt, wenn auch diesmal mit Unterstützung einer iPad-App – geht ins Ohr, lädt zum Mitschnipsen ein und pendelt irgendwo im weiten Feld zwischen Pop und Rock. Stadlmann glänzt gesanglich mit starkem Sopran und – während der ersten Rede vorm Bundestag – mit bemerkenswerten Stepptanzfähigkeiten. Besonders die Kanzlerkandidaten-Songs, der Ohrwurm „Dieses Land braucht mehr Show“ und das herrliche „Nur für sie“ zeigen einmal mehr die Songschreiber-Qualitäten von van Hasselt.

Was aber den Abend bei den Stammzellen wirklich von anderen Musicalabenden unterscheidet, sind die vielen Kleinigkeiten im Stück, die vielen kleinen Spitzen, nicht nur gegen die Politik: Da findet Nini auf der Toilette im Bundestag eine Zeitung mit „Puder drauf“, lehnen sich Franz und Nini in „Titanic“-Manier aus dem Fesselballon und bringt FDPler Hans Hinterbänkler für seine CDU-Frau den Müll runter und bestellt sich in der Kneipe „was mit mehr Prozent als meine Partei“, während sein Sohn zur Melodie von „Wir lagen vor Madagaskar“ den Aufstieg und Fall der Piratenpartei besingt. Da kommt der Spanier nach Brüssel und erzählt die Geschichte von Europa und dem Stier bis hin zu „Bürokratia war für Stier rotes Tuch“, während die Hinterbänkler von der „dunklen Seite der Macht“ träumen.

Alles in Allem erwartet den Zuschauer bei „Die Drei von der Stammzelle“ eine clevere, witzige Geschichte mit guter Musik, starken Darstellern und einer überragend singenden Nini Stadlmann. „Dieses Land braucht mehr Show“, und gerne mehr von dieser Sorte.

Text: Julia Weber

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