Von Wölfen und Menschen – “GRIMM!” in der Neuköllner Oper

Die diesjährige Musical-Produktion des Studiengangs „Musical/Show“ der Universität der Künste “GRIMM! – Die wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf” erzählt das Märchen vom bösen Wolf neu. Es geht um Vorurteile, Lügen und das Recht auf das eigene Happy-End.

Foto: Matthias Heyde

Oma Eule (Sophia Euskirchen) hat ihrer Enkelin vor Jahren eine Kappe aus Indien mitgebracht. Dorothea (Devi-Ananda Dahm) trägt das Ding pflichtschuldigst bis heute, was ihr den verhassten Spitznamen “Rotkäppchen” eingebracht hat. Wer will schließlich so heißen wie ein Pilz?

Das vierzehnjährige Mädchen lebt behütet im Dorf, das von allerlei Tieren bevölkert wird. Der alte Hütehund Sultan (Dennis Weißert), sein Sohn Rex (Anthony Curtis Kirby), die drei kleinen Schweinchen Dicklinde (Feline Zimmermann), Didi (Dennis Hupka) und Schweinchen Schlau (Fabian-Joubert Gallmeister) sowie die Ziege Gisela (Katharina Beatrice Hierl) mit ihren sechs (!) Kindern leben dort friedlich zusammen.

Doch Dorothea ist gelangweilt. Auf der Suche nach Abenteuern macht sie sich – trotz der Warnungen ihrer Freunde – auf den Weg in den Wald. Es kommt wie es kommen muss: Sie begegnet einem Wolf. Doch Grimm (Jan-Philipp Rekezus) macht keine Anstalten das Mädchen zu fressen, sondern freundet sich mit ihr an. Nicht wissend, dass sie ein Mensch ist, macht er keinen Hehl daraus, was er von Menschen hält. Da es ein Mensch war, der seine Eltern erschoss, ist er der festen Ansicht: Das grausamste und blutrünstigste Tier ist der Mensch. Mit „Sei ein Wolf“ führt er Dorothea in seine Welt ein.

Im Dorf sorgt Dorotheas Bericht für Aufruhr. Lediglich Dicklinde, die sich in das im Wald lebende Schweinchen Wild (Kiara Brunken) verknallt hat, ist verständnisvoll. Unterstützt von Oma Eule fasst Dorothea den Entschluss, die Vorurteile ein für alle Mal auszuräumen. Es soll Schluss sein mit den Märchen die sich um den bösen Wolf ranken und die mit der Realität rein gar nichts zu tun haben. Doch mit dieser Idee spaltet sie das Dorf in zwei Lager und beschwört gleich eine ganze Reihe Probleme herauf.

Das Bühnenbild (Ausstattung: Ulrike Reinhard) kommt sehr karg daher. Im Vordergrund liegen die Buchstaben DORF auf dem Boden, die während des Stückes zu immer neuen Konstruktionen zusammengeschoben werden. Im Hintergrund steht schwarz vor schwarz das Wort WALD, das durch geschickte Beleuchtung hervorgehoben wird. Die Kostüme von Kathy Prell sind ähnlich zurückhaltend, dabei jedoch immer individuell. Kleinigkeiten wie die Haar-Hörner von Ziege Gisela und der Knochen-Stock des alten Hofhunds Sultan runden die Erscheinung der einzelnen Figuren ab.

Wieder einmal haben Peter Lund und Thomas Zaufke ein Musical geschrieben, das aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen in eine bunte Geschichte mit fetziger Musik verpackt. Die Vorurteile, denen sich Grimm ausgesetzt sieht, bringen ihn schließlich sogar dazu, selbst an die Sichtweise der anderen zu glauben. Dorotheas Widerspruch stößt nur noch auf taube Ohren. Die Charaktere sind zwar ganz klar als Tiere ausgelegt, doch gleichzeitig finden sich auch die unterschiedlichsten menschlichen Typen unter ihnen. Dabei leben die alternativen, eher ausgeflippten Charaktere wie das wütende, selbstbewusste, punkige Schweinchen Wild oder Oma Eule mit ihrer Hippie-Philosophie im Wald, die Spießer – allen voran das stocksteife, intrigante Schweinchen Schlau – im Dorf.

Stimmlich wie schauspielerisch liefern alle Beteiligten eine hervorragende Leistung ab. Es sticht – ähnlich wie bei den letzten Produktionen der UdK – niemand besonders heraus. Das Niveau ist durchweg hoch. Musikalisch bleiben besonders einige der Haupt-Themen und Grimms Solo „Grimm“ in Erinnerung. Auch tänzerisch kann sich das junge Ensemble immer wieder beweisen. Von der klassischen Revue Nummer „Du bist nicht allein auf der Welt“ über den Walzer von Schweinchen Wild und Dicklinde „Wir haben Schwein gehabt“ bis zum Marsch „Der Wolf muss weg“ ist stilistisch alles dabei. Auch schauspielerisch kann sich die Produktion sehen lassen. Die Studenten leben ihre Rollen bis ins Detail und lassen die Charaktere vom schizophrenen Didi bis zur Dialekt sprechenden Ziege Gisela lebendig und glaubhaft werden.

Am Ende wird im Märchen alles gut. Aber da „GRIMM!“ eben die „wirklich wahre Geschichte von Rotkäppchen und ihrem Wolf“ ist, endet die Story zwar versöhnlich, doch – zumindest für Dorothea und Grimm – alles andere als perfekt. Im finalen Stück heißt es dann jedoch: Wenn dir der Schluss nicht gefällt, schreib ihn um!

„GRIMM“ vereint eine starke Story mit fetziger Musik und einem stimmlich, tänzerisch und schauspielerisch grandiosen Ensemble. Nicht umsonst bebt am Ende der Vorstellung der Boden in der Neuköllner Oper unter dem Beifall-Trampeln der Zuschauer.

Text: Julia Weber

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Der Tango ist tot, es lebe der Tango! – “María de Buenos Aires” in der Komischen Oper

Die Komische Oper feiert den Tango. Während des diesjährigen Tangofestivals stehen nicht nur Tanzkurse und Konzerte auf dem Programm. Auch die konzertante Aufführung der Tango-Oper “María de Buenos Aires” ist ein Teil der Veranstaltung. Die Zuschauer erwartet eine Mischung aus einer mit Metaphern überfrachteten Geschichte und mitreißender Musik.

Maria de Buenos Aíres ist die einzige Oper aus der Feder von Astor Piazzolla. Die Idee dazu kam dem “Tango Nuevo” Komponisten, als er Bernsteins “West Side Story” erlebte. Das Ziel: Eine Geschichte zu schreiben, die alleine von Tangomusik getragen wird.

Während Bernstein jedoch mit “Romeo und Julia” eine universell verständliche Vorlage für sein Werk wählte, ging Piazzolla einen anderen Weg. Seine María (Julia Zenko) ist die Verkörperung des ursprünglichen Tango selbst, ihre Geschichte eine Metapher für Aufstieg und Fall dieser Musikrichtung. Das Libretto und auch die Texte sind voll von Parallelen zur Leidensgeschichte Jesu und zur Liturgie, etwa wenn eine Passage aus dem “gegrüßet seist du Maria” verändert wird zu “du bist vergessen unter den Frauen”. Tatsächlich grenzt das, was vom Erzähler El Duende (Julio Delgado) und dem Sprechchor vorgetragen wird, hin und wieder stark an Blasphemie. Die Geschichte anhand des sehr lyrisch-blumigen spanischen Erzähltextes verstehen zu wollen, ist schon schwer genug. Wer – wie die meisten Zuschauer im Saal – auf die deutschen Untertitel angewiesen ist, dürfte seine Schwierigkeiten haben. Piazzolla setzt ein Grundwissen über die Entstehung und Entwicklung des Tango und dessen Stellenwert in den Herzen der Argentinier voraus, das die wenigsten Besucher in die Vorstellung mitbringen. Wer das Stück auf dieser Ebene verstehen will, für den wird das Programmheft zur Pflichtlektüre.

Doch das Stück funktioniert auch unabhängig von seiner eigentlichen Handlung. Piazzollas Kompositionen zeigen alle Facetten des Tango. Die Energie, die “Yo soy María” und das Reprise “Milonga de l’Anunciación” versprühen, die Spannung von “Fuga y Misterio” und die Melancholie von “Poema Valseado” und “Contramilonga a la Funerala” zeigen die Vielfältigkeit dieser Musikrichtung. Bei der “Aria de los Analistas” bei der María Hilfe bei einer Gruppe von Psychoanalytikern sucht, ist zusammen mit “Balada Para un Organito Loco” ein heiterer Kontrapunkt im Stück.

Das Orchester steht während der gesamten Aufführung auf der Bühne. Allen voran Per Arne Glorvigen der durch seine Virtuosität am Bandoneon mitreißt und der zugleich als musikalischer Leiter fungiert. Auffällig ist das hervorragende Zusammenspiel des Ensembles. Die Interaktionen der Musiker untereinander zu beobachten, ist eine Freude. Es wird innerhalb kürzester Zeit klar, dass hier ein Team am Werk ist, das sichtlich Spaß bei der Sache hat. Themata werden weitergegeben, hier wird gelacht, dort eine Braue hochgezogen. Einer der musikalisch schönsten Momente ist die “Tangata del Alba” im zweiten Akt. Tänzerpaar Laura Fernández und Daniel Orellana im Vordergrund wird geleitet von den Klängen von Violine (Daniela Braun) und Cello (Christoph Lamprecht) die den weiblichen beziehungsweise männlichen Part des Tanzes wiederspiegeln. Im Laufe des Stückes kommt es immer wieder zu einer ähnlich harmonischen Interaktion zwischen Flötistin  Andrea Haubold und Bandoneonspieler Glorvigen stets unterstützt von Kontrabassist Arnulf Ballhorn.

Zwei große Stimmen erzählen die Geschichte um María. Julia Zenko überzeugt mit leicht rauchiger Altstimme und lässt bei “Yo soy María” das Feuer des Tango zum ersten Mal auf das Publikum überschwappen. Daniel Armaros (El Cantor) warme tiefe Baritonstimme passt hervorragend besonders zu den langsamen, melancholischen Passagen.

Um die konzertante Aufführung etwas aufzulockern wurden Laura Fernández und Daniel Orellana  mit ins Boot geholt. Das Tänzerduo “Ispasión” ist vielfach preisgekrönt. Die Perfektion der Darstellung ist einerseits wunderschön anzusehen, andererseits jedoch eine Folge genau jener Entwicklung, die Piazzolla in seinem Stück kritisiert und die mit dem “ersten Tod” Marias endet. Das Ursprüngliche des Tango, die aus dem Augenblick und aus der Musik geborene Emotion kann in einer durchgeplanten Choreographie nicht zum Ausdruck gebracht werden.

Alles in allem ist “María de Buenos Aires” ein spannendes und musikalisch anspruchsvolles Stück. Die symbolschwangere Geschichte ist sicherlich keine leichte Kost, doch die Spielfreude und Begeisterung aller Beteiligten springt unwillkürlich auf das Publikum über. So ist es dann auch kein Wunder, dass es am Ende der Vorstellung Standing Ovations gibt.

Text: Julia Weber

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Vom Träumen und Erwachen – „La Rondine“ in der Deutschen Oper

Giacomo Puccinis wenig bekannte Oper um die Sehnsucht nach der Liebe und deren mögliche Erfüllung wurde gegen Ende des ersten Weltkriegs zum ersten Mal aufgeführt. Die deutsche Premiere ließ bis 1927 auf sich warten. Nun gibt es das selten auf den Spielplänen zu findende Stück “La Rondine” in einer Inszenierung von Rolando Villazón an der Deutschen Oper zu sehen.

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Foto: Bettina Stoess

Kurtisane Magda (Dinara Alieva) führt unter der Obhut ihres reichen Verehrers Rambaldo (Stephen Bronk) ein sorgenfreies Leben. Im Hause des Bankiers geht under anderem auch der Dichter Prunier (Álvaro Zambrano) ein und aus, der mit Magdas Zofe Lisette (Alexandra Hutton) liiert ist. Er ist es, der berichtet, dass in Paris nun die romantische Liebe wieder en vogue ist. Seine Schilderung einer fiktiven jungen Frau “Doretta” weckt Magdas Aufmerksamkeit und schon bald ihre Sehnsucht, auch einmal eine solche Romanze zu erleben. Als Ruggero (Charles Castronovo), ein Freund Rambaldos, zu Besuch kommt, projeziert sie all ihre Träume auf den jungen Mann. Bei einem Ball im berühmten “Bullier” kommen sich die beiden näher, fliehen sogar gemeinsam aus Paris an die Cote d’Azur. Doch bald erkennt Magda, dass Wunschvorstellung und Realität nicht miteinander vereinbar sind.

Puccini schuf “La Rondine” als Auftragsarbeit für das Wiener Opernhaus. Das Libretto stammte von Alfred Maria Willner und Heinz Reichert, die sich zum Einen auf Bewährtes aus Werken von Franz Lehár verließen, zum anderen auf Alexandre Dumas‘ „Kameliendame“ und Johann Strauss‘ „Die Fledermaus“ als Quellen zurückgriffen. Dabei sind die Grundbestandteile des Stückes so aktuell wie eh und je.

„Be careful what you wish for“ heißt es im Englischen: Sei vorsichtig, was du dir wünschst. Puccinis Magda träumt von der großen Liebe, doch ihr Vorleben als Kurtisane macht es ihr unmöglich, ihrer Sehnsucht bis zum Schluss zu folgen.

Villazón personifiziert die Träume in seiner Inszenierung, lässt sie als stumme und gesichtslose Begleiter Magdas – die dieselbe Kleidung tragen wie deren geliebter Ruggero – deren Weg begleiten. Meist stehen sie Statuen gleich bewegungslos an ihrer Seite, doch in jenen Szenen, in denen ihre Sehnsucht besonders stark wird, beginnen die drei Gesichtslosen zu handeln. Im ersten Akt erwachen sie erst zögerlich aus ihrer Starre, drängen am Ende Magda jedoch dazu ins „Bullier“ zu gehen. Dort schirmen sie Magda und Ruggero während deren Tanz vom Spott der Umstehenden ab, schaffen einen Mikrokosmos, in dem die Liebe alles ist, was zählt (Choreographie: Silke Sense).

„La Rondine“ war ursprünglich während der „Belle Époque“ angesiedelt. Villazons Version spielt einige Jahrzehnte später. Kostüme und Bühnenbild (Brigitte Reiffenstuel und Johannes Leiacker) spiegeln die 20er Jahre wieder. Lediglich Magdas Kleiderwahl im zweiten Akt scheint nicht in dieses Gesamtkonzept zu passen. Wer wäre in den Goldenen Zwanzigern in einem schwarzen hoch geschlossenen, knielangen Kleid mit weißem Kragen in einen Ballsaal wie den des „Bullier“ gegangen, dessen ganze Aufmachung stark an das „Moulin Rouge“ erinnert?

Es sind Alexandra Hutton als Lisette und Álvaro Zambrano als Prunier, die der Zuschauer als erstes in sein Herz schließt. Huttons Sopran ist glasklar. Ihre Darstellung der energiegeladenen Lisette komplettiert Zambranos clownigen Prunier perfekt.

Dinara Alieva spielt Magda als eine starke, moderne Frau, der man die romantischen Träume ebenso abnimmt wie die finale Einsicht, dass diese in der Realität keinen Platz haben. Im ersten Akt wirkt ihr Schauspiel noch ein wenig hölzern. Erst im Laufe der ersten Traumsequenz während der Arie „Ore dolci e divine” findet sie sich ganz in ihre Rolle ein. Tenor Charles Castronovo ist ein glaubhafter und stimmstarker Ruggero. Besonders im dritten Akt glänzt er sowohl stimmlich als auch schauspielerisch, wenn er seiner Geliebten von dem Brief seiner Eltern berichtet und sie bittet, seine Frau zu werden. Magdas Ablehnung ist einer der wohl schönsten und gleichzeitig tragischsten Momente im Stück, wenn sie Ruggero final eine weiße Maske überstreift, ihn zu einem weiteren Gesichtslosen macht, einem weiteren Traum, einer Erinnerung.

„La Rondine“ bietet hervorragende gesangliche Leistungen aller Beteiligten, ein stimmiges Bühnenbild und eine Geschichte, die den Zuschauer ein wenig nachdenklich zurücklässt. Die Frage, ob ein Traum es wert ist, gegen alle Widerstände ausgelebt zu werden, oder ob es manchmal besser ist, zu verzichten, ist in einer Gesellschaft, die aktuell über den zunehmenden Narzissmus in ihren Reihen diskutiert, sicherlich aktueller denn je.

Text: Julia Weber

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Gutes Entertainment – „Die größten Musical Hits aller Zeiten“ im Friedrichstadt-Palast

Musicaldarsteller Uwe Kröger und Pia Douwes feiern ihre fünfzigsten Geburtstage mit einer Konzertreise durch ganz Deutschland. Am Mittwoch gastierten sie in Berlin und bewiesen im ausverkauften Friedrichstadt-Palast komödiantisches Talent und Entertainment-Qualitäten.

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Foto: Sabine Hauswirth

Seit 25 Jahren stehen Pia Douwes und Uwe Kröger bereits gemeinsam auf der Bühne. Für beide waren die Besetzungen als „Tod“ und „Elisabeth“ im gleichnamigen Musical ein Sprungbrett. Die Rollen machten sie bekannt und prägen sie bis heute. Dass sich die zwei Darsteller schon viele Jahre kennen und gut befreundet sind, merkt man in jeder Minute, die sie gemeinsam auf der Bühne stehen. In einem humoristischen Vorspann wird der erste gemeinsame Fernsehauftritt der beiden gezeigt: 1993 im ORF Seniorenclub. „Da können wir bald wieder hin“, scherzt Douwes.

Doch vom Altenteil ist Pia Douwes in Wirklichkeit noch weit entfernt. Sie beherrscht die Bühne, wie eine der alten Opern-Diven, bleibt dabei jedoch immer authentisch und publikumsnah. Auch stimmlich behält sie stets hundertprozentige Kontrolle. Kein Ton wackelt, nicht einmal während der gewagten Tanzeinlage bei „All that Jazz“ (Chicago). Besonders gefühlvoll wird ihre Darbietung bei „Mir fehlen die Berge“ aus Next to Normal. Die Koloraturen am Ende des Titelsongs von Das Phantom der Oper und den Sprung am Ende ihres Paradestücks „Ich gehör nur mir“ aus Elisabeth singt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Douwes vermittelt den Eindruck als sei es ein Leichtes auch mit fünfzig noch zu singen und zu tanzen wie eine Mittzwanzigerin.

Anders Kröger: In Stücken wie „Der letzte Tanz“ (Elisabeth) und auch „Was hat sie nur an sich?“ (The Wild Party) bewegt er sich flüssig durch die Oktaven. Bei anderen Stücken jedoch – allen voran „Gethsemane“ aus Jesus Christ Superstar – scheint der Sänger unsicher, was allzu oft dazu führt, dass eine Passage geschrien statt gebeltet wird und Kröger immer wieder haarscharf am eigentlichen Zielton vorbeischrammt. Wer seine Mimik während der Stücke beobachtet, sieht vor allem eines: Anstrengung und Kampf. Anstrengung, die es eigentlich gar nicht braucht. Denn in Nummern wie „Ich bin was ich bin“ (La Cage aux Folles) und auch in den Duetten mit Douwes von „Liebe endet nie“ aus Der Besuch der Alten Dame bis zu „Wenn ich tanzen will“ aus Elisabeth ist Kröger stimmlich durchaus solide.

Auch wenn sie zwischen den Stücken erklären, dass sie vor allem die großen Emotionen im Musical lieben, haben beide Darsteller ein Talent zum Komischen. Douwes etwa nimmt sich mit ihrer umgedichteten Version von „Killer Queen“ (We Will Rock You) selbst aufs Korn. Kröger singt mit sich selbst als Edna aus Hairspray (eingeblendet auf der Videoleinwand) das Duett „Du Bist Zeitlos Für Mich“. Eines der absoluten Highlights des Abends stammt dann auch aus einem Komödien-Musical: Bei „Leb jetzt und intensiv“ sowie „Tango de Amor“ aus The Addams Family, das den ersten Teil der Show abschließt, spielen, singen und tanzen sich beide Darsteller mit Begeisterung die Seele aus dem Leib und ernten den verdienten brandenden Applaus.

Als Unterstützung haben sich Douwes und Kröger neben der routiniert spielenden Big Band um Herwig Gratzer vier Tänzer und Tänzerinnen sowie das Vokalensemble „gudrun“ gesucht. „gudrun“ haben neben der Chorpassagen auch die Aufgabem die Umziehpausen der beiden Darsteller zu überbrücken. Mithilfe von Autosamplern gibt die A-Capella Truppe unter anderem ein Udo Jürgens Medley zum Besten und animiert das Publikum zum Mitklatschen.

„Die größten Musical Hits aller Zeiten“ haben Pia Douwes und Uwe Kröger ihre Konzertreihe vollmundig genannt. Wirklich stimmen tut diese Bezeichnung nicht. Was an diesem Abend geboten wird ist eher ein buntes Potpourri aus Stücken, in denen die beiden Darsteller einmal zu sehen waren, oder die sie persönlich gern mögen, wobei das Hauptaugenmerk auf den jüngeren Produktionen wie Der Besuch der Alten Dame“, Rebecca, Next to Normal und The Addams Family liegt.

Eines ist jedoch sicher: Die Show macht Spaß. Douwes und Kröger sind exzellente Entertainer. Permanent wird das Publikum mit einbezogen („Die linke Seite ist so still, aber die krieg ich noch.“) und die Unterhaltung der beiden Darsteller auf der Bühne lässt mehr als einmal das Gefühl aufkommen, einem etwas seltsamen Ehepaar zu lauschen, das sich gerade im Wohnzimmer unterhält.

Wer ein Fan der beiden Darsteller ist, kann während des Konzertes ordentlich in Nostalgie schwelgen. Stimmlich ist Pia Douwes absolut überragend, was die Schwächen von Krögers Performance deutlicher hervortreten lässt, als man sie sonst wahrgenommen hätte. Trotzdem endet der Abend nach der Zugabe „Time of My Life“ (Dirty Dancing) mit Standing Ovations im Friedrichstadt-Palast, bevor das Publikum beschwingt den Heimweg antritt.

Text: Julia Weber

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Energiegeladen und faszinierend: “Los Vivancos – AETERNUM” im Admiralspalast

Nach ihrer ersten Tour 2014 kehren “Los Vivancos” mit einer neuen Show zurück und bringen mit einer sensationellen Mischung aus Tanz, Show und Musik den Admiralspalast zum Beben.

LV

Foto: Los Vivancos

“Los Vivancos”, das sind die sieben Söhne von Musiker und Tänzer Pedro Vivancos, der seine Leidenschft an sie weitergab. Nach Einzelerfolgen in internationalen Ballett- und Tanzcorps stehen Aaron, Cristo, Elias, Israel, Josué, Josua und Judah seit 2006 gemeinsam auf der Bühne.

AETERNUM, so der Titel der neuen Show, steht metaphorisch für die durch die Kunst erlangte Unsterblichkeit. Immer wieder kommt es auf der Bühne zum Kampf zwischen Gut und Böse in immer neuen Konstellationen. Mal gewinnt die gute, mal die dunkle Seite. Eine klare Geschichte wird nicht erzählt, eher unterteilt sich die Darbietung in viele kleine in sich geschlossene Szenen (Regie: Daniele Finzi Pasca).

Da betritt beispielsweise Cristo im langen violetten Mantel die Bühne. Was als eher ruhige, unspektakuläre Choreographie beginnt, steigert sich zu einer anspruchsvollen Ballett- und Akrobatik-Nummer. Drei gehörnte Dämonen greifen den Jungen an, der am Ende der Szene selbst zum Dämon wird.

In einer anderen Szene kommt es zum klassischen Steppanz-Krieg zwischen Gut und Böse, ein faszinierender Pas de Deux von Josué und Judah. Die extravaganten Kostüme (Rafael Solis) zwischen historischer Mode und Moderne unterstreichen die mystische Ebene dieser Geschichten.

Immer wieder werden auf geschickte Weise Lichteffekte eingesetzt. Da tauchen Trommel spielende Wesen mit rot glühenden Augen auf, die an die Jawas aus Star Wars erinnern. In einer Flamenco-Nummer kommen an Castagnetten gekoppelte LEDs an den Kostümen der Tänzer zum Einsatz.

Die tänzerische Leistung aller sieben Tänzer ist herausragend. Die Bandbreite der Choreographien reicht von up-tempo Stepptanznummern über Akrobatk-Einlagen und Anleihen bei verschiedenen Martial Arts Disziplinen bis hin zu Solos aus dem Jazz- und Modern-Bereich. Die Musik, die von den Budapester Sinfonikern eingespielt wurde, reicht von Flamencoklängen bis hin zu harten Rocksounds, die sich wie Puzzleteile ineinander fügen.

Doch “Los Vivancos” tanzen nicht nur. Beinahe alle Tänzer wurden auch an einem oder mehreren Instrumenten ausgebildet. So steht Aaron zunächst als Solo-Violinist auf der Bühne, ehe er in einer ausgefeilten Choreographie beweist, dass er absolute Körperbeherrschung besitzt. Das Trio betritt in an Insekten erinnernden Harnischen die Bühne und bringt den Hummelflug mit Cajon, Flöte und E-Cello zu Gehör.

Bei den folgenden Solos hält der Zuschauer unweigerlich die Luft an, wenn Cajonspieler Josua sein Instrument zum Tanzboden umfunktioniert und Cellist Elias zwischen zwei auf der Bühne stehenden Gerüsten im Spagat schwebend sein Instrument bedient. Besonderer Respekt gebührt auch Flötist Israel, der gleichzeitig steppt und Querflöte spielt, wobei sich die Melodie durch drei Oktaven bewegt. Wie es ihm trotz der Anstrengung, die für das Tanzen vonnöten ist, noch gelingt den Atem so weit zu kontrollieren, dass in der gesamten Darbietung nur ein einziger Ton in die falsche Oktave rutscht, reißt das Publikum im Admiralspalast zu Begeisterungsstürmen hin.

Den Höhepunkt bildet eine Steppchoreohraphie mit verbundenen Augen bei der wirbelnde Holsstäbe zum Einsatz kommen. Am Ende der Show, die “Los Vivancos” mit einer “über Kopf” Steppnummer abschließen, die bei jeder anderen Truppe sicherlich das Herzstück der Performance gewesen wäre, hier jedoch als Zugabe fungiert, sitzt im gesamten Haus niemand mehr, was angesichts dieser Mischung aus tänzerischer Perfektion und geballter Energie kein Wunder ist.

Text: Julia Weber

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