Berührend: „Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ in der Neuköllner Oper

Ein Mensch, der Schubert liebt, kann keinen anderen Menschen töten. Stellas Vater (David Schroeder) glaubt fest an diesen Grundsatz. Doch Angst lässt Menschen Unmenschliches tun, lässt sie grausame Entscheidungen treffen. Mit „Stella“ wird in der Neuköllner Oper ein Stück Musiktheater aufgeführt, das sich einem unbequemen Thema widmet: Den Greifern, die im zweiten Weltkrieg für die Gestapo arbeiteten und ihre Landsleute verrieten.

stella

Foto: Matthias Heyde

Überleben, das ist alles was zählt. Stella ist jung, schön, blond, umschwärmt und jüdisch. Mit dieser Glaubensidentität kann sie jedoch nichts anfangen, möchte sich nicht mit den orthodoxen Hutträgern die sich ihre Schläfenlocken um den Finger wickeln, identifizieren. Sie liebt Jazz, möchte nach Amerika auswandern, möchte ein Star werden wie Marilyn Monroe oder Marlene Dietrich. Doch die Familie bekommt kein Ausreise-Visum. Niemand möchte die Juden haben, die in Scharen versuchen ein ihnen feindlich gesinntes Land zu verlassen.

Stella Goldschlag wurde berühmt, als sie in den fünfziger Jahren Schmerzensgeld für das im zweiten Weltkrieg erlittene Unrecht forderte und dadurch eine Avalanche an Anklagen lostrat, die sich gegen ihre Person richteten. Die junge blonde Frau verriet Juden an die Gestapo und sorgte für die Verhaftung von insgesamt mehr als 300 Menschen. Warum? Die Frage wird im Stück immer wieder gestellt und nur unzureichend beantwortet. Zunächst scheint es die Androhung der Nazis zu sein, ihre Eltern ins KZ zu schicken, die Stella zu ihrer ungeheuerlichen Tat bewegt. Jugendfreund Samson arbeitet im Untergrund, besorgt gefälschte Papiere für Juden, die untertauchen möchten. Statt ihn ans Messer zu liefern, verrät sie lieber ihr weniger nahe stehende Menschen. Doch warum fährt sie fort, als Greiferin zu arbeiten, nachdem die Nazis ihr Wort brechen und ihre Eltern dennoch deportieren und nachdem Samson schon lange ihrem Zugriff entflohen ist?

Stella ist zugleich naiv und skrupellos und findet in Rolf Isaaksson, ihrem zweiten Ehemann, einen ähnlich naiven und skrupellosen Partner. Später heiratet sie den ex-Nazi Schellenberg (Markus Schötl) und konvertiert zum Christentum. Das „blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ bleibt auch im Stück weiterhin unbegreiflich. Immer wieder kommt man als Zuschauer an den Punkt, an dem man glaubt, verstehen zu können. Etwa, wenn Stella von der Razzia bei Siemens erzählt, bei der sie nur dank ihres arischen Aussehens nicht geschnappt wurde. Doch rational lässt sich nicht erklären, weswegen sie 300 Menschen auf dem Gewissen hat oder warum sie Freund Samson nicht in den Untergrund folgte.

Eiskalt“, nennt er sie in einer der ersten Szenen im Stück. Doch ist sie das wirklich?

Die Musik von Wolfgang Böhmer zwischen Jazz, Walzer und Gassenhauer, zwischen Comedian Harmonists und Joesphine Baker, führt zurück in die Zeit der Handlung. Häufig werden harte Texte und düstere Begebenheiten in leichtfüßige Melodien verpackt. So ist etwa Adolf Eichmanns „Eichmann, mein Eichmann“ bei dem er besingt, wie er zunächst Wien und dann Berlin judenrein machte, ein schmissiges Stück zum Mitwippen, halb Walzertakt, halb Polka, geworden, bei dem man ein Schmunzeln kaum unterdrücken kann und sich im nächsten Moment betreten auf die Unterlippe beißt.

Die Besetzung ist durchweg hervorragend. Frederike Haas glänzt als Stella mit Stimmvolumen und schauspielerischer Höchstleistung. Jörn-Felix Alt mimt den aalglatten Rolf mit Bravour, singt und tanzt sich in „Tanz mir mir“ gemeinsam mit Haas die Seele aus dem Leib.

Einer der berührendsten Momente des Stücks ist sicherlich die Aussprache zwischen Samson (Samuel Schürmann) und Stella, die Konfrontation und das Stück „Vorübergehen“ bei dem für einen kurzen Augenblick ein versöhnlicher Ton angeschlagen wird und sich die Stimmen der beiden Darsteller zu einer harmonischen Einheit verbinden.

Die Inszenierung ist vielschichtig und engmaschig. Immer wieder zerfließen die Grenzen zwischen dem Zeitpunkt der Gerichtsverhandlung und den Rückblenden auf Stellas Handeln im Krieg. Das Bühnenbild (Sarah-Katharina Karl) ist schlicht und vielseitig zugleich. Ein Quader in der Mitte des Raumes mit halb-verspiegelten Wänden im unteren und verschiebbaren Leinwänden im oberen Teil bietet genügend Interpretationsspielraum um jede Szene darstellen. Es gibt zwei über Leitern verbundene Stockwerke. Das Publikum sitzt verteilt auf zwei sich gegenüber liegenden Rängen, so dass die Handlung nie nur graduell in eine Richtung projeziert werden kann. Immer wieder wird die Barriere zwischen Zuschauer und Akteuren überschritten, sodass man unweigerlich in die Handlung hineingezogen wird. Zusätzlich setzt Regusseur Martin G. Berger Videoeinspielungen sowie live-Video-Übertragungen ein. Besonders in der Razzia-Szene und während Stellas „Du wirst dich an mich erinnern“ wird diese Technik voll ausgenutzt.

Mit „Stella“ ist Peter Lund und Wolfgang Böhmer ein berührendes, starkes Stück gelungen. Zum einen ist es Musiktheater mit Entertainment-Faktor, mit schmissigen Melodien und großartigen Schauspielern. Zum anderen ist es gelungen, ein sensibles Thema auf die Bühne zu bringen und dieses mit viel Fingerspitzengefühl dem Publikum zugänglich zu machen. Sicherlich ist „Stella“ keine „nette Unterhaltung“. Das Stück ist vielmehr eine Studie der menschlichen Abgründe, stellt unangenehme Fragen zu Verantwortung und Schuld, die auch heute noch aktuell sind, und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund: Ein großes Stück Musiktheater, das man gesehen haben sollte.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Allgemein, Musical, Operette, Theater | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Musik trifft Comedy: „Piano Battle – live on TV“ im Tipi am Kanzleramt

Vor etwas mehr als einem Jahr machten sich Paul Cibis und Andreas Kern mit ihrem Programm „Piano Battle“ daran die Bühnen Deutschlands, Europas und der Welt zu erobern. Mit einer Mischung aus hochkarätigem Klavierspiel und Comedy begeisterten sie das Publikum. Nun kommt Runde zwei: „Piano Battle – live on TV“ feierte am 20. Mai im Tipi am Kanzleramt Premiere.

05_PianoBattle_JimRakete_300dpi

Foto: Jim Rakete

Zwei Klaviere, eine Bühne, zwei Künstlerfiguren die an entgegengesetzten Enden der Skala stehen. Paul Cibis, ganz in schwarz, verkörpert den braven, biederen, hochbegabten Pianisten: Etwas zugeknöpft, etwas schüchtern, unscheinbar. Andreas Kern, ganz in weiß, hingegen mimt das Enfant Terrible mit wilder Frisur und noch wilderen Einfällen. Ein Großteil der Show baut darauf auf, dass diese Pole bestehen bleiben, dass die beiden karikaturistisch überzogenen Charaktere tatsächlich für bare Münze genommen werden. Das funktioniert meist, aber nicht immer.

Die Story hinter der Show (Skript: Guy Jones) lässt sich schnell zusammenfassen. Nach dem großen Erfolg der ersten Tournee ist angeblich das Fernsehen auf die beiden Musiker aufmerksam geworden. Ein Regisseur diktiert aus dem Off, möchte das Ganze spannender und internationaler machen, den musikalischen Wettstreit ausbauen. Sei es durch Fußball, sei es durch den Einsatz von Kostümen oder den Einsatz von Playback. Dass das der Musik nicht immer zuträglich sein kann, versteht sich von selbst.

Sowohl Cibis als auch Kern sind ausgebildete Pianisten mit jeder Menge Konzert- und Bühnenerfahrung. Dass sie ihr Handwerk beherrschen ist unstrittig. Hin und wieder erscheint der musikalische Ausdruck jedoch zugunsten der zur Schau gestellten Virtuosität ein wenig zu leiden, doch diese Momente sind rar. Der Zuschauer wird bestens unterhalten. Hier spielen sich die Herren Chopins Minutenwalzer wie einen Tischtennisball zu. Bach wird verjazzt, Adele wird ins klassische Gewand gepackt und mitten in einem Beethoven Stück klingt plötzlich das Titelthema aus „Star Wars“ an.

Beschränkte sich der Abend auf die Musik und den Wettstreit der beiden Akteure, deren Geplänkel und gegenseitige Neckereien als Zwischenspiel recht nett daher kommen, wäre „Piano Battle – live on TV“ rundum gelungen. Was im Programm zusätzlich aufgefahren wird und an „Wetten dass,…“ und andere Familienshows erinnert, wie etwa die etwas peinliche „Herzblatt“-Runde bei der drei ausgewählte Damen aus dem Publikum ihren Lieblingspianisten wählen sollen und das Torwand-Schießen kommen beim Publikum zwar gut an, wirken jedoch zu bemüht und kalauerhaft für die Show.

Die beiden Highlights des Abends bilden die blinde Improvisationsrunde und das finale Zusammenspiel der beiden Akteure, in dem sie mit Leonard Bernsteins Mambo aus der West Side Story noch einmal ihr ganzes Können auf die Tasten legen – beides Show-Momente die gänzlich ohne Spezialeffekte und Zusatzmaterial auskommen.
Die Schlussfolgerung ,die die beiden Pianisten in der grob in die Show gewebten Handlung am Ende ziehen – dass gute Musik eben keine Extras benötigt – kann man getrost so unterschreiben.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Allgemein, Konzert, Konzert, klassisch, Rezension, Show | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Ambitioniert – Norwegisches Nationalballett mit „Ghosts“ in der Komischen Oper

Henrik Ibsens „Gespenster“ ist ein extrem dialoglastiges Stück. Familie Alving wird in der Tragödie von den Schatten der Vergangenheit eingeholt und stellt fest, dass das Schweigen schwerwiegende und schreckliche Folgen haben kann. Das Norwegische Nationalballett hat sich unter der Regie von Marit Moum Aune daran gewagt, den Stoff als reines Tanzstück auf die Bühne zu bringen. Herausgekommen ist ein bedrückendes, düsteres, spannendes, manchmal undurchsichtiges Stück Ballett. Am siebten und achten April war „Ghosts“ in der Komischen Oper zu sehen.

GHOST -IBSEN GENGANGERE 2014

Foto: Erik Berg

Helene Alving lebt seit dem Tod ihres Mannes vor 10 Jahren alleine. Lediglich das Hausmädchen Regine leistet ihr Gesellschaft. Auch Pfarrer Manders hat ein offenes Ohr für die Witwe. Diese berichtet ihm von all den Fehltritten ihres Gatten und beichtet ihm, dass Regine eine uneheliche Tochter von Kapitän Alving ist. Als der todkranke Sohn Osvald nach Hause zurückkehrt und sich Hals über Kopf in Regine verliebt, stürzt das Lügengebäude um die Familie ein.

„Gespenster“ tänzerisch darzustellen gleicht ein wenig der Quadratur des Kreises. Die Figuren sprechen viel über die Vergangenheit. Der aktuelle Konflikt ist tief verwurzelt im Damals. In „Ghosts“ wird dies dadurch gelöst, dass die Geister der Vergangenheit ebenfalls auf der Bühne stehen. Meist agieren sie im Hintergrund im durch zwei Ebenen angedeuteten Anwesen der Alwings (Bühnenbild: Even Barsum), doch je weiter das Stück voranschreitet, desto mehr treten sie mit in den Vordergrund.

Eines schafft „Ghosts“ von der ersten bis zur letzten Sekunde: Die Darstellung der Beziehungen der einzelnen agierenden Figuren zueinander darzustellen und spürbar zu machen. Dabei ist die tänzerische Leistung aller Beteiligten hervorragend. Die Choreographie von Cina Espejord bewegt sich fernab des klassischen Ballets. Die Bewegungen sind getanzte Emotion. Von dem ruppigen Umgang den Zimmermann Engstrand (Kristian Alm) mit seiner vermeintlichen Tochter Regine (kindlich und unbedarft – Grete Sofie B. Nybakken) pflegt über das Vertrauen zwischen Frau Alving (Camilla Spidsøe) und dem Pfarrer (Ole Willy Falkhaugen) bis hin zur frischen und ungestümen Liebe von Osvald (Andreas Heise) und Regine wird für das Publikum alle Trauer, alle Freude spürbar.

Im Vorspann wird in einem Video (Odd Reinhart Nicolaisen) das Setting des Stücks in Norwegisch, Englisch und Deutsch dargestellt: Ein Haus am Fjord mit einem Wintergarten. Spätestens nach den ersten zehn Minuten sind alle Assoziationen mit dem letzten Skandinavien-Urlaub allerdings verflogen.

Auch die Musik von Nils Petter Molvær trägt einiges zur düsteren Atmosphäre von „Ghosts“ bei. Molværs solistisches Trompetenspiel wird von Jan Bang am Sampler unterstützt und erschafft ein Gefühl der Einsamkeit und Angst.

Wer Ibsens Stück nicht kennt, wird nicht den gesamten Inhalt des Stückes erfassen. So kommt die Erklärung, dass Osvald und Regine Halbgeschwister sind – ein wirklich zentrales und wichtiges Element des Dramas – sehr metaphorisch verschleiert daher und ist ohne Vorwissen kaum verständlich. Aus der Interaktion der beiden „Kinder Geister“ (Selma Smith Kvalaag und Mikkel Skretting) ließe sich auch folgern, dass sich die Beiden eben in jungen Jahren kannten.

Klarer wird die Tatsache, dass Osvald todkrank ist und seine Krankheit vom umtriebigen Vater geerbt hat. Ballett ist jedoch eine stumme Kunstform. Auch „Ghosts“ bleibt über weite Strecken dieser Tradition treu. Die gezielt eingesetzten Schreie von Osvald und das überzogene Schluchzen von Frau Alving am Ende wirken fehl am Platze.

Alles in Allem bietet „Ghosts“ eine wirklich erstklassige Choreographie mit technisch wie emotional starkem Ensemble. Vorwissen über die „Gespenster“ ist von Vorteil, wenn man die Handlung zur Gänze verstehen möchte. Genießen kann man dieses stark getanzte Stück jedoch auf jeden Fall.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Allgemein, Rezension, Tanz | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Zum Mitlachen und Mitdenken: „Einer flog über das Kuckucksnest“ im Schlossparktheater

Es ist Nacht in der psychiatrischen Anstalt. Dem Zuschauer präsentiert sich ein Zimmer mit – ausgenommen einige Schmierereien und mehrere Tintenklecks-Bilder – weißen Wänden. Hinten sieht man das Schwesternzimmer auf dessen Regalen sich allerlei Pillenbehälter aneinander reihen. Eine Bluesgitarre erklingt und Insasse Häuptling Bromden hält wie so oft Zwiegespräch mit seinem toten Vater. Dies ist der atmosphärische Auftakt zu Michael Bogdanovs Inszenierung von Dale Wassermanns Stück „Einer flog übers Kuckucksnest“ im Schlosspark Theater. Nach „Amadeus“ ist dies das zweite durch einen Film von Miloš Forman zu Weltruhm gelangte Theaterstück, das hier auf die Bühne gebracht wird.

KUCKUCKSNEST_Szenenmotiv2_Troegner Schuettauf Wolff Ziesmer_c_DERDEHMEL-Urbschat

Foto: DERDEHMEL/Urbschat

Auch für Jörg Schüttauf ist es nach „Misery“ der zweite Einsatz im Schlosspark Theater. Als rüpeliger, glücksspielender Randle McMurphy mischt er die bisher ruhige Psychiatrie ordentlich auf, legt sich mit Schwester Ratched an und sorgt für jede Menge Trubel, bevor er nach einer wilden Party dem gnadenlosen amerikanischen Gesundheitssystem zum Opfer fällt und durch eine Lobotomie zum Schweigen gebracht wird.

Schüttauf spielt begeisternd und mitreißend, macht McMurphy menschlich und sympathisch. Hier entwickelt sich die Freundschaft zu Bromden in ruhigen Momenten, dort stolziert McMurphy laut singend im Handtuch über die Bühne. Schüttaufs voller Körper- und Stimmeinsatz wird belohnt. Immer wieder gibt es kurzen Szenenapplaus oder amüsierte Lacher aus dem Publikum.

Erzfeindin Ratched wird von Franziska Troeger verkörpert. Herrlich boshaft treibt sie mit ihrem mitfühlenden Ton ihre Schäfchen in die Enge. Ihr Regiment weitet die resolute Dame jedoch auch auf die ihr untergebenen Angestellten (Lisa Borsig, Stefan Kleinert und Till Priebe) sowie auf den eigentlich weisungsbefugten Arzt Dr. Spivey – herrlich verwirrt gespielt von Achim Wolff – aus.

Peter Theiss ist die ideale Besetzung für den „großen Häuptling“. Sein gesamter Habitus  und die raue Stimme geben seiner Figur die nötige Tiefe.

Doch nicht nur diese beiden gewinnt das Publikum lieb. Mit Marc Laade als Billy Bibbit, Martin Gelzer als Scanlon, David A. Hamade als Cheswick und Marlon Putzke als Ruckley spielt hier ein absolut brilliantes Ensemble. Jeder gibt in seiner Rolle alles, gibt den Insassen ein Gesicht, macht sie lebendig und jeden auf seine Weise liebenswert. Sei es der kleine Martini (Santiago Ziesmer), der an Halluzinationen leidet, Billy mit dem Mutter-Komplex oder Dale Harding (Oliver Nitsche), der verklemmte „Vorsitzende des Patientenrates“, dessen Komplexe es ihm unmöglich zu machen „da draußen“ zu bestehen.

Immer wieder wird mit dem Kontrast zwischen Außenwelt und dem Mikrokosmos der Station gespielt. Die teilweise verrückten und vollkommen sinnlosen Stationsregeln werden von McMurphy immer wieder infrage gestellt. Kostümbildnerin Birgit Voss verstärkt diesen Kontrast. McMurphy tritt auch während seiner Zeit in der Anstalt stets in Straßenkleidung auf. Auch die Kleidung der zur Party eingeladenen Damen Candy (Anne Rathsfeld) und Sandra (Debora Weigert) ist schrill, bunt und im reinweißen Anstaltsraum so fremd und unpassend wie es nur irgend möglich scheint.

Als Ken Kesey den Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ 1962 veröffentlichte, auf dem Theaterstück wie Film beruhen, wollte er mit diesem Kritik an einer Gesellschaft üben, in der das Individuum nur die Wahl hat, sich dem System unterzuordnen oder bestraft zu werden: Eine Weltsicht, die auch heute im Stück noch spürbar wird und durchaus ein Gedanke, der nichts an Aktualität verloren hat.

Insgesamt gelingt es der Inszenierung ein ebenso stimmiges wie stimmungsvolles Bild zu zeichnen. „Einer flog über das Kuckucksnest“ ist rundum gelungene Unterhaltung zum Mitlachen, Mitfiebern und sicherlich auch ein wenig zum Mitdenken.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Allgemein, Rezension, Theater | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Altbacken: „Sinatra & Friends“ im Admiralspalast

Die Musik Frank Sinatras ist noch heute beinahe jedem ein Begriff. Legendäre Songs wie „Fly me to the Moon“ kennen immer noch alt und jung, denn die Musik des 1998 verstorbenen Sängers ist zeitlos. Während die Musik Sinatras für sich genommen kein Verfallsdatum kennt, ist dies bei der aktuellen Tourproduktion „Sinatra & Friends“, die kürzlich im Admiralspalast gastierte, fragwürdig.

o_03_-Sinatra-and-Friends_Mark-AdamsDean-Martin_Stephen-TriffitFrank-Sinatra_George-Daniel-LongSammy-Davis-Jr_Foto_Andy-Juchli

Foto: Andy Juchli

2015 war das Jahr, in dem die meisten Sinatra Tribute Shows das Licht der Welt erblickten oder in einer neuen Auflage erneut auftauchten. Grund dafür: Sinatras 100ter Geburtstag. Auch „Sinatra & Friends“ ist eine dieser Shows, die es schon einmal – zumindest so ähnlich – am Broadway gab. Stephen Triffitt als „Ol‘ Blue Eyes“ Sinatra, Mark Adams als Dean Martin und Daniel Long als Sammy Davis Jr. traten bereits gemeinsam in „The Rat Pack – Live from Las Vegas“ gemeinsam auf.

Was die drei gemeinsam mit der hinter ihnen stehenden neunköpfigen Big Band und der weiblichen Unterstützung durch die „Golden Girls“ beziehungsweise „Nancy Sinatra“ wunderbar schaffen, ist es, die Musik der Ära Sinatra zum Leben zu erwecken. Jeder Ton sitzt und stimmlich passt auch alles. Wer ein gutes Konzert mit Sinatra Songs erleben möchte, ist hier also richtig. Wer den Anspruch hat, in dieser Show auch noch ein wenig über die reinen Songs hinaus unterhalten zu werden, wird allerdings enttäuscht.

Die Show ist angelehnt an ein Konzert das die drei Rat Pack Mitglieder einst in Las Vegas gaben und genau diese Anlehnung ist es, die zum Problem wird. Die drei Darsteller unterhalten sich mit dem Publikum und miteinander, doch über den immerwährenden Hinweis auf Dean Martins Alkoholproblem fehlt dem Ganzen jeglicher Pfiff. Zum Glück sind die kleinen schauspielerischen Einwürfe nie lang genug um wirklich zu langweilen, doch unterhalten tun sie eben auch nicht.

„Sinatra & Friends“ ist eine Show mit positiven wie negativen Seiten, der eine Straffung oder eine grundlegende Änderung des Konzeptes sicherlich gut täte. Der Humor ist gestrig und wirkt bemüht. Richtet man den Fokus jedoch auf die Musik, wird man begeistert sein, würdige Adaptionen der bekannten Songs des Dreiergespanns zu hören zu bekommen. Wünschenswert wäre sicherlich auch, wenn man etwas mehr von der Bigband sehen würde, die während der gesamten Show zwar leicht erhöht aber gänzlich hinter riesigen Notenpulten verborgen auf der Bühne sitzt. Eine Frischzellenkur, das wünscht man der Show. Die Musik – von „Mr Bojangles“ über „I’ve got you under my Skin“, von „New York, New York“ bis „Volare” – wird diese wohl auch an Sinatras zweihundertstem Geburtstag noch nicht nötig haben.

Text: Julia Weber

Veröffentlicht unter Allgemein, Rezension | Hinterlasse einen Kommentar