„Selber Denken“: Dabei im 4000-Stimmen Chor beim Pop-Oratorium „Luther“

Luther-Oratorium Dortmund 31.10.2015

Foto: (c) Stiftung Creative Kirche

Es ist der Morgen des 29. Oktober. Menschenmengen strömen in Richtung der Mercedes-Benz Arena in Berlin. Fast alle tragen sie schwarze Hosen und weiße Oberteile unter den dicken Jacken.

„Dieser Wind“, beschweren sich einige. Es ist ganz schön kalt und Sturm Herwart wird manchen noch viel Freude bereiten.

Aus ganz Deutschland sind sie angereist. Jung und alt, groß und klein, insgesamt über 4000 Leute – mit einem einzigen Ziel: Mitsingen beim Pop-Oratorium „Luther“ von Michael Kunze (Text) und Dieter Falk (Musik). In kleinen Projektchören oder auch ganz alleine haben sie sich in den letzten Monaten vorbereitet um bei diesem Event dabei zu sein. Spannung liegt in der Luft, denn eine Gesamtprobe mit allen Teilnehmern gab es bisher nicht. Einige Hauptproben hat es gegeben, allerdings war auch bei diesen nie der gesamte Chor anwesend, fehlten Solisten, Band und Orchester.

„Wo muss ich denn hin“, fragt jemand und vergleicht die Nummer auf dem roten „Luther“-Teilnehmerausweis mit der Nummer an der Tür vor ihm, schaut dann auf den Hallenplan und macht sich auf den Weg Richtung Aufzug. 4000 Sänger wollen untergebracht werden. Einige sitzen dafür sogar ganz oben unterm Dach. Gut 200 Sänger finden auf der Bühne rund um Band und Solisten Platz, der Rest verteilt sich auf die dahinter liegenden Ränge.

Aufgrund der großen Nachfrage nach Tickets wurde die Generalprobe für Publikum geöffnet. Es muss also alles auf Anhieb sitzen. Für eine kurze Stellprobe, einige letzte Ansagen zur Choreographie und einige musikalische und organisatorische Kleinigkeiten bleibt noch Zeit, dann ist auch schon Einlass.

Die Uraufführung von Luther in Dortmund liegt nun schon zwei Jahre zurück. Anlässlich des Reformationsjahres 2017 gab es die Tournee, als deren Finale die Show in Berlin geplant war. Doch „Luther“ ist längst ein Selbstläufer geworden. Neben den großen Aufführungen in der ganzen Bundesrepublik gibt es inzwischen auch unzählige kleinere Produktionen. „Luther“ begeistert und steckt an. Das liegt sicherlich auch daran, dass sich musikalisch Ohrwurm an Ohrwurm reiht. Das Projekt hat mitsing- und mitklatsch-Potential, was auch das Publikum in der Mercedes-Benz Arena schnell bemerkt.

Einige der Chorsänger saßen bei einer der vorigen Aufführungen im Publikum, andere machen schon zum zweiten oder gar dritten Mal beim Projekt mit. Es bleibt trotzdem spannend. Die Berliner Aufführung ist größer als alle bis dahin dagewesenen. Um es überhaupt möglich zu machen, dass so viele Musiker und Sänger wirklich synchron agieren, gibt es gleich mehrere Dirigenten. Ein Klick-Track läuft über Kopfhörer mit, damit die Einsätze auf den Punkt kommen. Der technische Aufwand ist immens, für Berlin noch einmal mehr als für die anderen Arena-Aufführungen. Hier müssen zusätzlich zu Ton und Licht auch noch eine ganze Menge Kameras koordiniert werden, denn sowohl Generalprobe als auch Abendaufführung werden fürs Fernsehen mitgeschnitten.

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Foto: Julia Weber

 

Während die Hauptdarsteller (Frank Winkels, Sophie Berner, Andreas Wolfram u.a.) sich zwischen den Aufführungen kurz zurückziehen, bleibt dem Chor gerade einmal genug Zeit für eine Pinkelpause. Im Foyer werden Listen für Mitfahrgelegenheiten ausgehängt, denn da die Bahn nicht mehr fährt, sind nun einige Sänger in Berlin gestrandet.

Danach heißt es, erneute Stellprobe, denn einige Sänger haben es nicht zur Generalprobe geschafft – dem Sturm sei Dank – und brauchen jetzt noch einen Platz.

„Und dann müssen wir noch mal in Nummer 11“, erklärt Hauptdirigent Heribert Feckler. „Da müsst ihr schneller absprechen, zieht das nicht so lang, das schleppt sonst. Und in Nummer 14, die ersten „Zweifel“ und „Fragen“ kommen immer zu spät. Das muss direkt kommen.“

Nach einem Dankeschön von Dieter Falk an das gesamte Team und einem kurzen gemeinsamen Gebet geht es auch schon in die Endrunde. Vor ausverkauftem Haus geben Band, Solisten, Orchester und 4000 begeisterte Hobby-Chorsänger alles. Als der Schlussapplaus verklungen ist und man sich in kleineren oder größeren Grüppchen wieder auf den Heimweg macht, scheinen sich alle einig: „Es hat sich gelohnt, bei diesem Projekt dabei gewesen zu sein.“

„Luther – Das Projekt der 1000 Stimmen“ wird am 31.10.2017 um 22:00 im ZDF ausgestrahlt.

 

Text: Julia Weber

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Gelungener Mix – „Au Revoir Euridice“ in der Schaubühne Lindenfels Leipzig

Die Geschichte von Orpheus, der in die Unterwelt hinabstieg um seine Geliebte Eurydike ins Leben zurück zu holen ist sicherlich eine der bekanntesten griechischen Sagen. In „Au Revoir Euridice“, einer Kooperation der Oper Leipzig mit der Schaubühne Lindenfels erlebt der Zuschauer basierend auf dieser Geschichte eine musikalische Collage aus barocker und neuer Musik, die sich überraschend gut zu einem Ganzen fügt.

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Foto: Tom Schulze

Claudio Monteverdis Oper „L’Orfeo“ gilt als die erste wirkliche Oper der Geschichte. Die Handlung ist klassisch und schnell zusammengefasst. Orfeo und Euridice heiraten, sie stirbt, er folgt ihr in die Unterwelt und versucht die Götter zu überreden, sie ihm wiederzugeben. Proserpina (Lisa Forhammer) lässt sich von Orfeos Spiel beeindrucken und bittet ihren Gemahl Plutone, seiner Bitte nachzukommen, was dieser unter zwei Bedingungen tut: Proserpina darf die Unterwelt nie wieder verlassen (was den ewigen Winter auf Erden zur Folge hätte) und Orfeo darf sich auf dem Weg nach oben nicht nach Euridice umdrehen. Er tut es trotzdem und verliert sie für immer.

Die Geschichte des Sängers Orfeo war der perfekte Stoff für die erste Oper der Geschichte. Seitdem wurde sie oft aufgegriffen, interpretiert und von allen Seiten beleuchtet. Die Figur des Orfeo wirft Fragen auf. Ist er wirklich verliebt in Euridice oder benutzt er die Liebe nur um sich selbst darzustellen? In der Inszenierung „Au Revoir, Euridice“ kommt eher die letzte Interpretation zum Tragen. Gerade während der Hochzeitsszene erlebt man Orfeo (Patrick Vogel) als mit stolzgeschwellter Brust dahinschreitenden Egomanen, der lauthals seine Liebe zu jener Frau verkündet, die im Hintergrund ein wenig einsam herumsteht. Ihren Tod bekommt er erst auf den letzten Drücker mit, um im nächsten Moment in eine Verzweiflung zu verfallen, die auch weniger auf seine Braut als auf die Zerstörung seines Lebensplanes gerichtet zu sein scheint.

„Au Revoir, Euridice“ verbindet drei verschiedene Kompositionen miteinander. Das barocke „L’Orfeo“ wird umrahmt von Georges Asphergis „Récitation Nr. 9“ und durchbrochen von Auszügen aus Györgi Ligeti’s „Aventures“ und „Nouvelles Aventures“, die auf einer Kunstsprache beruhen, mit der Ligeti versuchte, die Differenz zwischen Text und Musik aufzubrechen. Ligeti’s Kompositionen erhalten immer dann Raum, wenn die Figuren von „L’Orfeo“ nicht mehr weiter wissen, sprachlos sind, werden an einigen Stellen jedoch auch als Comedy Relief eingesetzt, wie etwa wenn die leblos daliegende Euridice in der Unterwelt „wiederbelebt“ wird.

Das Bühnenbild (Bühne und Kostüm: Elisabeth Schiller-Witzmann) ist reduziert auf eine schwarze sich nach hinten verjüngende schiefe Ebene, zwei runde Leinwände und einige alte Kristallleuchter. Die Kostüme verbinden – angepasst an die Musik – moderne Elemente mit barocken Einflüssen. So tritt Orfeo im Gehrock auf und trägt La Musica/Mesaaggiera (Estelle Haussner) eine hoch aufragende gepuderte Perücke, während Pastore (Viktor Rud) und Plutone (Jean-Baptiste Mouret) mit recht „gewöhnlich“ anmutenden Anzügen ausgestattet wurden.

Euridice (Shira Patchornik), in „L’Orfeo“ trotz ihrer wichtigen Rolle beinahe stumm und mit nur zwei kurzen Gesangs-Parts, bekommt in „Au Revoir, Euridice“ zwei Tänzerinnen (Alicia Valera Carballo und Juliette Rahon) zur Seite gestellt, die ihre Gedanken und Gefühle wiederspiegeln sollen. Insbesondere im Abschlussstück, das Euridice als zusätzliches Solo klagend, verzweifelt und weinend aus dem Off singt, wird diese Verbindung deutlich.

Gesanglich ist „Au Revoir, Euridice“ hervorragend. Musikalisch ist die Kombination aus alter und neuer Musik eine Gratwanderung, die dank der großartigen Sänger und den Musikern des Gewandhausorchesters vortrefflich gelingt. Die Übergänge zwischen den einzelnen „Puzzleteilen“ wirken sehr natürlich. Wer sich auf den Stilmix einlässt, wird mit einem vielschichtig und spannend gestalteten Stück belohnt.

Text: Julia Weber

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Bildgewaltig – „Disneys Der Glöckner von Notre Dame“ im Theater des Westens

1999 war „Disneys Der Glöckner von Notre Dame“ das erste Disney Musical, das außerhalb der USA seine Premiere feierte: Im Theater am Potsdamer Platz. Nun kehrt die klassische Geschichte um Zigeunerin Esmeralda und ihre drei unterschiedlichen Verehrer Erzdiakon Frollo, Glöckner Quasimodo und Hauptmann Phoebus zurück nach Berlin ins Theater des Westens und begeistert mit neuem Bühnenbild, neuen Songs und einer Story, die sich weit stärker an der Romanvorlage als am Disney Zeichentrickfilm orientiert.

JPG 72 dpi (RGB)-GVN_BER_Prio 1_Szenenmotiv_OUTCASTS - Sarah Bowden as Esmeralda - Photo Johan Persson ©Disney

Foto: Johan Persson

Schon während der Anfangssequenz, in der der vierundzwanzigköpfige Chor die Vorgeschichte Frollos und Quasimodos beleuchtet, fühlt sich der Zuschauer unweigerlich ins Frankreich des fünfzehnten Jahrhunderts hineinversetzt. Das Bühnenbild, bestehend aus einem hölzernen Gerüst und der bunten Rosette von Notre Dame, ist ein wahrer Hingucker. Geschickte Lichteffekte und wenige Variationen sorgen hier für die nötigen Szenenwechsel. Da senken sich die gigantischen Glocken aus dem Seilboden herab, werden Balkongeländer verschoben und – im Versteck der Zigeuner – bunte Tücher aufgespannt.

Von 1999 bis 2002 wurde „Disneys Der Glöckner von Notre Dame“ (Musik: Alan Menken“, Text: Stephen Schwartz; Übersetzung: Michael Kunze) im Theater am Potsdamer Platz aufgeführt. Tatsächlich war dies die Welturaufführung des Stückes. Die Broadway Premiere erfolgte erst im Jahr 2014 unter Verwendung des Skriptes von Peter Parnell. Diese überarbeitete Fassung bietet mehr Bezüge zum Roman von Victor Hugo sowie einige neue Songs, die erneut aus Alan Menkens Feder stammen.

Die Musik ist pompös, Blechbläser-lastig und der Großteil des Orchesters wurde in der aktuellen Produktion leider durch Keyboards ersetzt. Eine Entscheidung mit Folgen: In den lauteren, pompöseren Teilen der Komposition, wie etwa bei Frollos „Das Feuer der Hölle“ oder den Final-Songs, ließe sich die Dynamik eines echten Orchesters feiner beherrschen und situationsgemäß anpassen, als es mit dem elektronischen Ersatz und den heutigen technischen Mitteln möglich zu sein scheint. Tatsache ist, dass diese Passagen nur noch als laute Wand aus Schall daherkommen, in der das Textverständnis zur Gänze flöten geht und die Stimmen der Protagonisten trotz ihrer sonstigen Präsenz keine Chance mehr haben, aus dem musikalischen Lärm-Brei hervorzustechen.

Um sich vom hervorragenden Chor abzuheben, der in „Disneys Der Glöckner von Notre Dame“ beinahe dauerpräsent ist und die Handlung vorantreibt, müssen die Solisten einiges an Stimmgewalt mitbringen.

David Jakobs als Quasimodo begeistert von der ersten bis zur letzten Minute. Sowohl schauspielerisch als auch gesanglich lässt seine Leistung nichts zu wünschen übrig. Jakobs Stimme bewegt sich mühelos von den Tiefen ins Falsett und seine Darstellung des taubstummen Quasimodo ist absolut glaubhaft.

Frollo (Felix Martin) beherrscht mit gebieterischem Ton und starkem Bariton die Bühne, wirkt jedoch schauspielerisch hin und wieder etwas hölzern.

Hauptmann Phoebus ist schon im Buch eine der schwächeren Figuren. Dass er trotzdem nicht komplett untergeht, ist Maximilian Manns gutem Spiel und Gesang zuzuschreiben.

Sarah Bowden als Esmeralda schwächelt leider gesanglich gewaltig. Melodieführung und Phrasierung sind perfekt, allerdings wirkt ihre Stimme oft flach und hin und wieder etwas näselnd. Gerade in den Duetten mit Phoebus oder Quasimodo fällt dies negativ ins Gewicht, da es an der notwendigen Stimmharmonie fehlt um den erhofften Gänsehauteffekt zu erzielen. Auch die Figur der Esmeralda ist nicht ganz schlüssig angelegt. In ihrer ersten Szene erscheint sie als lasziv tanzende Verführerin, die sich ihrer Wirkung durchaus bewusst ist und ihren Körper gezielt einsetzt, um die männlichen Zuschauer in den Wahnsinn zu treiben. Ihre spätere Verteidigung gegenüber Frollo wirkt daher nicht eben überzeugend. Auch steht ihr gesamtes weiteres Verhalten gegenüber den drei sie begehrenden Männern im Kontrast zu diesem ersten Auftritt.

Während dieser inszenatorische Patzer nicht der einzige bleibt (Quasimodo versteht Frollo grundsätzlich auch wenn er ihn gar nicht anschaut – was im Rahmen der ansonsten taubstummen Darstellung der Rolle keinen Sinn ergibt), sind es die positiven Regie-Entscheidungen die im Gedächtnis bleiben. So verwandeln sich die Wasserspeier durch Ablegen ihrer grauen Kutten in Dorfbewohner oder Zigeuner. Die Erzählweise, bei der die Figuren teilweise in der dritten Person von ihren Handlungen berichten, ist zunächst gewöhnungsbedürftig, bringt aber mit sich, dass man tiefere Einblicke in die Gedanken der einzelnen Protagonisten erhält.

Insgesamt hat „Disneys Der Glöckner von Notre Dame“ nur noch sehr wenig mit dem Disney Film von 1996 zu tun, allerdings erfreulich viel mit dem Originalroman von Victor Hugo. Düster, erwachsen und dramatisch zieht das Stück das Publikum in den Bann.

Text: Julia Weber

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Der Admiralspalast Berlin beschenkt seine Gäste gleich mit einer ganzen Reihe an hochkarätigen Musical- und Showproduktionen (darunter auch ein Gastspiel des Dauerbrenners „Cats“).. Mit „Grimm!“, das bereits an der Neuköllner Oper Erfolge feierte und „Der Hauptmann von Köpenick“, das schon mehrere Saisons im Köpenicker Rathaus gespielt wurde, werden zeitgleich zwei tolle Berliner Produktionen die Zuschauer vor die Qual der Wahl stellen. Im September wird die Show „Break the Tango“ die unterschiedlichen Welten von Breakdance und Milonga vereinen. Wir sind gespannt. Auch einen Besuch wert dürfte die Live-Lesung der Podcast-Sensation „Welcome to Nightvale“ sein.  Schon vor einigen Jahren gastierte die „Librarians“ Folge der schrägen Serie auf ihrer Europatour in Berlin und war restlos ausverkauft.

Auf andere Weise schräg und experimentell klingt die Idee hinter „#Instalove“, das Anfang Juli im English Theatre gespielt wird. Die Ankündigung verspricht eine „Echtzeit Dating Performance“ unter Einbeziehung des Publikums.

Klassisch hingegen wird es in der Leipziger Oper. Ende Juni feiert dort Leonard Bernsteins „Candide“ Premiere. In der Musikalischen Komödie hingegen erwartet die Zuschauer ab September mit „My Fair Lady“ ein weiterer Musical-Dauerbrenner.

Eine ungewöhnliche Idee wird ab dem 30. Juni umgesetzt: „Die Konferenz der Tiere“ von Erich Kästner wird am wohl passendsten Ort aller Zeiten aufgeführt: Im Zoo.

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Wohlfühl-Musical: Hape Kerkelings „Kein Pardon“ in der Musikalischen Komödie Leipzig

 

Familie Schlönzke hat keine einzige Folge der Entertainment-Sendung „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ verpasst. Sohn Peter bekommt überraschend die Möglichkeit sein Idol Heinz Wäscher live und in Farbe kennen zu lernen und selbst in die Fernsehwelt einzutauchen und lernt schnell, dass Traum und Realität nichts miteinander zu tun haben. Thomas Hermanns hat Hape Kerkelings buntes Musical mit Wohlfühl-Faktor für die Musikalische Komödie inszeniert.

Muko Leipzig am 03.05.2017 "Kein Pardon"

Foto: Tom Schulze

Jahrein jahraus haben die Schlözkes gemeinsam in ihrem Wohnzimmer voller Nachkriegs-Mobiliar (Bühne: Hans Kudlich) die Show „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ im Fernsehen verfolgt. Für Omma Hilde, Oppa Hermann, Mama Hilma und Sohn Peter ist der Entertainer Heinz Wäscher der größte Star. Als Peter (Benjamin Sommerfeld) an einem Talentwettbewerb um „Deutschlands größtes Fernsehtalent“ teilnimmt, merkt er schnell, dass nicht alles Gold ist was glänzt und dass Heinz Wäscher (Cusch Jung) ein arroganter Sexist ist, der vom Regisseur bis zu dem bemitleidenswerten Lustigen Glückshasen alle Menschen in seinem Umfeld nur herumkommandiert. Im Laufe der Geschichte wird Peter eine Entwicklung durchmachen. Er wird in Tontechnikerin Ulla (Julia Waldmayer) eine echte Freundin finden, seine eigenen Fähigkeiten entdecken und lernen, dass Berühmtheit nicht glücklich macht.

Die Geschichte von „Kein Pardon“ ist recht schnell erzählt. Tatsächlich schwächelt das Buch auch zu Anfang des zweiten Akts ein wenig. Allerdings sieht man im Angesicht der durchweg absolut sympathischen und amüsanten Charaktere und der hervorragenden Leistung der Darsteller über diese Längen schnell hinweg. Familie Schlönzke ist einfach nur hinreißend. Eine Mittelschicht-Familie wie sie im Buche steht: Etwas schrullig, etwas schräg und immer ehrlich.

Die Geschichte spielt im Ruhrpott zwischen Bottrop und Heppenheim. Da keiner der Darsteller aus Nordrhein-Westfalen stammt, muss an dieser Stelle anerkennend angemerkt werden, wie unglaublich überzeugend die gesamte Cast von Heinz Wäscher bis hin zu Oppa Hermann (Hans-Georg Pachmann) den Dialekt und das Lebensgefühl dieser Gegend herüberbringen. Tatsächlich hat „Kein Pardon“ jede Menge lokale Einflüsse. Besonders deutlich treten diese zutage, wenn Hermann Schlönzke sein Akkordeon auspackt und im Chor mit einem Haufen Kumpels und Einwanderer „Dat Wär Doch Gelacht“ zum Besten gibt. „Funktioniert das überhaupt in Sachsen?“, könnte man sich fragen. Die Antwort ist: Es funktioniert hervorragend. Es wird geklatscht, mitgefiebert und gelacht.

Zum Teil ist das sicherlich der Tatsache zuzuschreiben, dass man die Charaktere rasch lieb gewinnt. Ob sich Omma Hilde (Iris Schumacher) und Mama Hilma (Anne-Kathrin Fischer) über Leberwurstschnittchen mit „Gürksken“ unterhalten, ob Peter und Ulla in „Wild und Frei“ von ihrem neuen Leben träumen oder Regisseur Bertram (Andreas Rainer) einen halben Nervenzusammenbruch bekommt, weil einfach nichts funktioniert, wie er es sich vorstellt: Die gesamte Besetzung legt eine großartige Spielfreude an den Tag.

Das „Fernsehballett“ (Choreographie: Natalie Holtom) liefert eine ebenso durchweg hochkarätige Leistung ab wie das Live Orchester (Musikalische Leitung: Stefan Klingele). Stimmlich sind alle Sänger auf hohem Niveau. Die drei absoluten Highlights der Show – wenn man vom Dauer-Ohrwurm „Witzigkeit kennt keine Grenzen“ einmal absieht – sind alle Duette. In „Klingelsturm“ und „Wild und Frei“ vereinen sich mit Benjamin Sommerfeld und Julia Waldmayer die beiden stärksten Stimmen der Cast: Gänsehautfeeling garantiert. Sommerfelds klare Belting-Stimme überzeugt von Anfang an. Unaufgeregt und scheinbar mühelos bewegt er sich selbstbewusst durch die Songs. Bereits nach „Mein Kumpel Nummer Eins“ reißt er das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Waldmayer steht ihm mit ihrer voluminösen, straighten Rockröhre in nichts nach.

Der Titelsong „Kein Pardon“ schlägt leisere Töne an – die jedoch ebenso unter die Haut gehen. Sommerfeld und Anne-Kathrin Fischer vermitteln das Gefühl zwischen Mutter und Sohn sehr einfühlsam und treffen damit mitten ins Herz.

Alles in Allem ist die Leipziger Inszenierung von „Kein Pardon“ ein rundum gelungener Spaß und so klatscht am Ende das ganze Publikum begeistert mit, wenn es heißt: „Das ganze Leben ist ein Quiz.“

Text: Julia Weber

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